Die Hass-Figur

„Gibt es in deinem Buch eine Person, die du hasst?“, fragte meine Tochter auf einer unserer gemächlichen Sesselliftfahrten hinauf ins Schlittelgebiet .

„Ja, die gibt es.“

„Wen?“

Ich habe es ihr verraten. Hier verrate ich es nicht, weil es „Die andere Seite von SCHWARZ“ spoilern würde. (Meiner Tochter musste ich anschliessend an die Antwort nämlich gleich den ganzen Inhalt des Romans erzählen.)

Ja, es gibt diese eine Romanfigur, die ich hasse für das, was sie getan hat, und dafür, wie sie mit ihrer Tat und deren Folgen umgeht.

Dennoch oder gerade deshalb habe ich ein Kapitel aus ihrer Sicht geschrieben. Ich wollte wissen, ob es mir gelingt, mich in jemanden zu versetzen, der so weit von allem weg ist, was ich richtig finde. Jemanden, für den ich kein Verständnis habe und auch keines haben will. Und tatsächlich: Ich fand Anschluss. Ich fand einen Punkt, der mir Zugang verschaffte zur Gefühlswelt dieser Romanfigur.

Das Kapitel war ursprünglich als Experiment und Schreibübung gedacht, doch dann entschied ich mich dafür, es ins Buch aufzunehmen. Einmal darf die Hass-Figur ihre Stimme erheben. Einigen Leser*innen fällt auf, dass das Kapitel nicht ganz passt. Sie wundern sich, wo es herkommt oder warum es nicht weitergeht, oder sie stören sich daran, dass es überhaupt da ist. Bisher hat mich niemand dafür gelobt, der Person eine Stimme gegeben zu haben. Ich glaube, niemand würde das Kapitel vermissen, wenn ich es nicht ins Buch aufgenommen hätte.

Für mich gehört es dennoch hinein. Ich habe die Hass-Figur und ihre Tat erschaffen, und ich wollte ihr die Chance geben, etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen. Sie hat sie nicht genutzt. Ich hasse sie immer noch.

2 Kommentare

  1. Klar, um welche Person es sich handelt. Ja, mich hat dieser Abschnitt auch im Lesefluss stocken lassen. Das Kapitel sticht heraus und kommt unerwartet. Und es steht allein. denn danach kommt nichts mehr. Und doch finde ich es gut, dass es drin ist. Genau, weil es so raussticht und für sich steht und weil es nichts beschönigt oder relativiert.
    Ich hätte das Kapitel auch nicht vermisst, wäre es nicht drin gewesen; da bin ich ehrlich. Aber es ist dennoch gut, dass es da ist.

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    1. Hallo Sophia :-), danke für deine Leserinnensicht! Ich war mir nicht bewusst, wie sehr das Kapitel heraussticht (Betriebsblindheit halt), verstehe aber inzwischen die Irritation, die es auslöst, gut. Ich bin froh, dass du schreibst, es würde nichts relativieren oder beschönigen, denn das ist mir wirklich wichtig!

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