Last Updated on 17. Juni 2026 by Mirjam Wicki
Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.
Platz 111
Mein Sitzplatz im ICE Basel-Hamburg war so cozy, dass ich ihn erst gar nicht gefunden habe. Wagen 1, Platz 111.
Leider gab es im Wagen 1 nur Plätze bis zur Nummer 93. «Am anderen Ende des Zuges hat es noch einen Wagen 1», glaubte ein Mitreisender zu wissen, und ich dachte, dass ich nichts zu verlieren hätte, wenn ich diesen suchte. Also lief ich durch die Waggons.
Wagen 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9. Keine Anzeichen, dass der Zug irgendwann anfangen würde, rückwärts zu zählen (vielleicht erst bei 15, wie in den Spielregeln von «Avocado Smash»?). Am Ende von Wagen 9 traf ich auf eine Zugbegleiterin. «Meine Reservation ist für Platz 111 im Wagen 1. Aber den gibt es nicht. Gibt es einen anderen Wagen 1?», fragte ich sie. «Oh, den Platz gibt es schon.» Sie lächelte. «Sie müssen ganz durch den Wagen 1 hindurchgehen, an den Fahrrädern vorbei, dann hat es ein kleines Abteil. Dort ist Platz 111.» – «Also ganz zuvorderst im Zug?», fragte ich. Sie nickte.
Ich bedankte mich und machte mich auf den Rückweg. Wagen 9, 8, 7, 6, 5 lief ich hinter einem Mann und einer Frau von der Bahnpolizei her. Ich verlor sie schliesslich, weil sie einen Mann aus dem Zug begleiten mussten. Der Polizist verkürzte sich die Wartezeit bis zum nächsten Bahnhof, indem er bei allen Anwesenden den Ausweis kontrollierte, und ich panikte kurz beim Gedanken, ob man für Schweden eigentlich einen Pass braucht, oder ob die ID genügt. Sie muss genügen btw.
Wagen 4, 3. Ab da folgte ich einer Frau, die sich ebenfalls mit ihrem Koffer durch die Reihen und Neuzugestiegenen schlängelte. Wagen 2, 1. An allen Sitzplätzen vorbei. Der Frau nach. Am Fahrradbereich vorbei. In ein kleines Kabäuschen. Zwei Viererabteile, abgetrennt vom Rest des Waggons durch eine Glastür. Platz 111 für mich. 114 für die Frau. Für die 7 Stunden bis Hamburg. Einfach perfekt.
Danke ans Team von Simpletrain, das meine Reise organisiert hat, für das erste kleine Abenteuer, den Fortschritt auf dem Schrittzähler und meinen cozy Lieblingsplatz im Wagen 1.
Die Handwerkerinnen
Vor der Frau auf Platz 114 gab es die vier Frauen im Abteil vor mir im Regionalzug nach Basel. Alles Alleinreisende, aber zwei von ihnen kamen über die Strickarbeit der einen ins Gespräch. Sie unterhielten sich darüber, wie wohltuend Handarbeit ist, was es für einen beruhigenden Einfluss auf den Körper hat und dass es eigentlich ein Buch zu diesem Thema geben sollte.
Ich beugte mich nach vorne und schaute zwischen den Sitzen hindurch in ihr Abteil (ja, so wie die Kinder das machen). «Tschuldigung, dass ich gelauscht habe, aber eine Freundin von mir schreibt genau dieses Buch. Über die Wirkung von Handwerk auf das Nervensystem. Warten Sie noch ein halbes Jahr, und Sie können es lesen.» – «Geht es nur ums Stricken?», wollte die Strickerin wissen. Ich verneinte. «Um verschiedene Arten von Handwerk.» – «Oh, das ist toll. Ich nähe nämlich», klinkte sich die dritte Frau im Abteil ins Gespräch ein. Ich beugte mich zurück, und von da an unterhielten sie sich alle vier übers Nähen und Stricken, über Stoffmärkte und kreative Websites. Wir stiegen alle in Basel aus. «Wie heisst denn Ihre Freundin?», wollte eine der Frauen noch von mir wissen. «Eva Zurlinden.» – «Toll. Ich werde sie gleich googeln», befand die Strickerin. «Tun sie das, es lohnt sich!», ermutigte ich sie und alle ihre Nicht-mehr-Sitznachbarinnen. (damit du nicht googeln musst: www.evazurlinden.ch)
Das Fahrrad
Frau 114 und ich blieben nicht allein in unserem cozy Abteil. Es gesellte sich ein Herr zu uns, der sein Fahrrad vermisste. Es hätte zu ihm nach Hause geliefert werden sollen, was es aber nicht getan hatte, und dafür war ein Dienstleister verantwortlich. Der Herr von Sitz 116 telefonierte mit mehreren Mitarbeitenden der Firma, erzählte ihnen allen von seinem Frust und davon, dass er morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren müsse. Fragte jedes Mal, ob die Person am Telefon ihn denn zur Arbeit fahren würde, wenn das Fahrrad nicht pünktlich bei ihm sei??!!! Bezahlt hat er nämlich, und er will jetzt auch die Leistung. Und Geld zurück. Und er braucht das Fahrrad für die Arbeit morgen! Nach vielen Telefonaten war es dann soweit: Er sprach mit einer Mitarbeiterin, die ihm versprach, dass das Fahrrad am Abend bei ihm sein werde.
Ich hoffe für alle Beteiligten, dass es geklappt hat.
(Also ehrlich gesagt, glaube ich, das Fahrrad war sogar vor ihm zu Hause. Die Deutsche Bahn tat nämlich Deutsche-Bahn-Dinge und erstand sich eine Verspätung von über einer Stunde. Was für den Herrn von Sitz 116 hiess, dass er seinen Anschlusszug in Hannover verpassen und zwei Stunden später als geplant zu Hause sein würde. Aber er wird sich bei der Deutschen Bahn melden und Geld zurückverlangen. Die Reise sei ihm zwar von der Krankenkasse bezahlt worden, aber trotzdem. Dann erzählte er noch, dass er aus der Reha komme und arbeitsunfähig geschrieben sei, und nun bin ich gar nicht mehr sicher, wofür er sein Fahrrad morgen eigentlich so dringend braucht.)
«Thank you for choosing Deutsche Bahn»
Gern geschehen, aber viel Auswahl hatte ich ja ehrlich gesagt nicht. Nur diese, Verbindungen mit grosszügigen Anschlusszeiten zu wählen. Thank you for hoping with Deutsche Bahn.
Der Zug, der pünktlich fuhr
17.06 Uhr sollte der Zug von Hamburg nach Travemünde auf Gleis 5 Sektor A – C losfahren. Um 17.03 Uhr trafen wir mit 47 Minuten Verspätung auf Gleis 11 ein. Nie zu spät für eine Challenge, oder? Ich hatte mich rechtzeitig von meiner Reisebegleiterin verabschiedet und stürzte mich aus dem Zug, aufs Perron, durchs Getümmel, eine Treppe rauf, eine Treppe runter. Ja, da stand der Zug! Ja, da stand Travemünde drauf! Ja, da war der Knopf. Und der blieb rot, als ich ihn drückte. Zweimal. Dreimal. Der Zug fuhr los. Um 17.06 Uhr. Ohne mich.
Eine Stunde, in der man weiss, dass man auf keinen Fall den nächsten Zug verpassen darf, weil es sonst am Fähr-Check-In knapp wird, reicht nicht aus, um Hamburg zu würdigen. Ich war im Bahnhofsgebäude, wurde zweimal von Aktivisten angesprochen (und hatte keine Lust auf Aktivismus), ging ein paar Mal oberhalb von Gleis 5 hin und her, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich schon runter wollte oder doch noch ein paar Fotos machen – und stieg schliesslich in den Zug, der um 18.06 Uhr – pünktlich! – losfuhr.
Beware of the Swiss Lady
Ich habe ja schon gedacht, dass das Alleinreisen eher weniger bekannte Seiten in mir hervorbringen würde. Aber wie schnell ich Leute anquatsche, wenn ich gerade nicht weiterweiss und niemanden zum Diskutieren dabeihabe, hätte ich nicht gedacht.
«Ist das der Zug nach Travemünde?» – «Sind wir in einem der Wagen, die hier noch weiterfahren?» – «Der Zugbegleiter hat gesagt, von diesem Bahnhof aus fährt ein Bus zum Fährterminal. Aber da ist kein Bus! Wissen Sie, wo der Bus ist???» (Ehrlich gesagt, war da nicht mal ein Bahnhof …) «Gehen Sie zur Fähre nach Malmö? Dann komme ich einfach mit Ihnen mit.»
Am Ende hätte ich fast eine Schwedin und ihre zwei Hündchen mit in meine Kabine genommen, weil ihre Kabinenkarte nicht funktionierte, aber sie wählte dann doch die Lösung, an der Rezeption nach einer neuen Karte zu fragen.
Also: Wenn ihr nicht angesprochen werden wollt im Zug, auf dem Perron, an der Bushaltestelle, im Bus oder im Labyrinth der Fähre, dann haltet euch von mir fern!
Und damit gute Nacht, liebes Reisetagebuch


Das hört sich schon nach jede Menge Abenteuer und tollen Geschichten an!!!
Keep on rollin’😁
Liebe Susanne, sorry, ich habe deinen Kommentar erst jetzt gesehen! Ja, es nimmt kein Ende mit den Geschichten und kleinen Abenteuern 🙂
Liebe Mirjam
Wir sitzen gerade im ICE von Koblenz nach Basel in Wagen Nr 1. Mein Sitzplatz ist die 111 😅
Ich musste schmunzeln als ich das auf dem Reservationsschein gesehen hatte. Eine Reservation die wir schon dreimal umgebucht haben, weil unsere ursprüngliche Verbindung zweimal gestrichen wurde 🤷🏼♀️. Aber jetzt sind wir pünktlich unterwegs, vielleicht liegt das ja an dem magischen Platz 111 🤭
Danke für deine Tagebucheinträge, ich mag deinen erfrischenden Schreibstil gerne.
Ich wünsche dir weiterhin eine spannende Zeit.
Liebe Grüsse
Daniela
Liebe Daniela
Jetzt habe ich laut herausgelacht! Die magische 111 im Wagen 1 🙂 Danke, das du das mit mir teilst. Und ich freue mich sehr, dass du mitliest.
Liebe Grüsse
Mirjam