Last Updated on 18. Juni 2026 by Mirjam Wicki
Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.
Fähre erreicht, alles gut. Oder nicht?
Normalerweise bin ich mit dem Campingbüsli unterwegs, wenn ich auf einer Fähre bin. Bevor diese am Zielhafen anlegt, versammelt man sich bei der Treppe, die in den Garagenteil führt, in dem man sein Fahrzeug weiss, und wenn das Signal ertönt, geht man nach unten. Setzt sich ins Fahrzeug, programmiert das Navi und lässt sich von Menschen in Leuchtwesten aus dem Schiff und durch das Gewusel des Fährhafens lotsen. And off you drive.
Als Fusspassagierin war ich am Abend mit dem Shuttlebus in den Schiffsbauch gebracht worden. Wie also sollte ich am Morgen wieder rauskommen?
Der Rezeptionist der Fähre streckte mir auf meine Frage hin eine Liste entgegen. «Are you one of these people?» Das war ich, er strich meinen Namen durch und erklärte, wenn alle elf Personen hier wären, würde er uns zum Shuttlebus leiten.
Personen kamen und gingen, die meisten wohl zu ihren Autos und Lastwagen. Mein Highlight war der Mann, der zur Rezeption kam und rief: «I can’t find my truck!» Also ich bin ja auch gut im Sachen verlieren/verlegen, aber einen ganzen Lastwagen finde ich schon next level beeindruckend.
Mit der Zeit wurde immer klarer, wer zu den Fusspassagier*innen gehörte: Das nette Ehepaar von gestern, dem ich mich für den Check-In angeschlossen hatte. Die Schwedin mit den Hunden. Die dreiköpfige Familie, die mit mir im Shuttlebus gewesen war. Eine deutsche Frau mit Wanderstöcken. Ein jüngerer Mann und eine ältere Frau, die irgendwie zusammengehörten. Und ich. (gut, dass sind jetzt nur 10, aber mehr wurden wir nicht mehr)
Irgendwann wurden wir grüppchenweise zum Lift geleitet, und dort unten stand unser Shuttlebus, inkl. Menschen mit Leuchtwesten. Sie fuhren uns aus der Fähre und durch das Gewusel des Fährhafens und spuckten uns irgendwo am Rand aus. Das war der Moment, in dem ich realisierte, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich nun zur Centralstation von Malmö kam.
Und das war kein Problem, denn der Mann vom netten Ehepaar und die Wanderstöcke-Frau hatten beide eine App. Der Familienvater sprach zudem Schwedisch und informierte sich beim Shuttlebusfahrer. Leider gingen danach alle in unterschiedliche Richtungen, aber ich folgte dem Mann von gestern und seiner Frau, weil ich damit gute Erfahrungen gemacht hatte. Am Ende trafen sich doch wieder alle bei der gleichen Bushaltestelle (ausser die Schwedin und die Hunde, die waren nämlich abgeholt worden).
Beim Umsteigen irgendwo in Malmös Vororten (Apps und Busfahrer sagten wundersamerweise das Gleiche), verloren wir erst die Familie (keine Ahnung, wann genau und wohin sie gingen), dann das Jünger/älter-Paar (sie wollten von hier zu Fuss zum Bahnhof gelangen). Vor dem Bahnhof verabschiedete sich auch die junge Frau mit den Wanderstöcken (was noch gut war, sie hatte nämlich definitiv mehr Redebedarf gehabt, als mir am Morgen guttut).
Es fiel mir ein bisschen schwer, mich vom hilfsbereiten Ehepaar zu verabschieden, aber sie wollten mit dem Bus weiter nach Göteborg, ich aber mit dem Zug (die Frau hätte Zug auch besser gefunden, aber offenbar hatte die App vom Mann Bus gesagt, und so fuhren sie halt Bus).
Von da an verlief die ganze Reise über Göteborg bis Hallsberg reibungslos, und ich musste gar keine Mitreisenden anquatschen und ihnen Fragen stellen.
Der Mann auf dem Perron
Ausser ihn. Den Mann auf dem Perron habe ich angequatscht, und ich glaube, er fand mich sehr creepy. Ich kann das auch verstehen, denn ich habe dies nicht nur überraschend von hinten getan, sondern auch noch auf Schweizerdeutsch. Mitten in der schwedischen Pampa, auf einem Bahnhof, von dem er zwei junge blonde Frauen abholen wollte und nicht eine komisch aufdringliche, mittelalte Fremde.
Es war eben so: Bei der Reiseplanung hatte ich nicht nur vergessen, mir eine schwedische ÖV-App runterzuladen oder mich um den Weg von Malmö Fährhafen nach Malmö Centralstation zu kümmern, sondern ich hatte zwar abgemacht, dass ich in Hallsberg abgeholt würde, aber nicht von wem und wo genau.
Selbstsicher stieg ich aus dem Zug und ging das Perron entlang, um zum Bahnhofsgebäude zu gelangen, da fiel mir ein, dass ich – wenn ich jemanden vom Zug abholen würde, den ich nicht kenne – auf dem Perron warten würde. In dem Moment kam mir ein älterer Herr entgegen, der sehr suchend dreinschaute.
Das passte prima, fand ich: Zwei, die suchen und sich nun schon fast gefunden hatten. Er ging ohne mich zu beachten an mir vorbei (wie auch, er kannte mich ja nicht, obwohl er mich abholen kam). Also drehte ich um, überholte ihn so halb und sagte irgendetwas Seltsames auf Schweizerdeutsch im Sinn von, dass wir wohl zusammengehörten. Creepy, sag ich ja. Er antwortete auf Schwedisch, schüttelte vehement den Kopf und ging weiter. Wo er dann auf die jungen blonden Frauen traf und sie erleichtert in die Arme schloss.
Ich blieb noch ein wenig auf dem Perron stehen, ohne abgeholt zu werden, dann beschloss ich, den ursprünglichen Plan mit dem Bahnhofsgebäude wieder aufzunehmen. Kaum war ich in der Nähe, kam mir eine gehetzte Frau entgegen. Wir schauten einander in die Augen und wussten sofort, dass wir zusammengehörten. Erleichtert umarmten wir uns und versicherten uns gegenseitig, wie schlecht wir abgemacht hatten und wie gut es war, dass wir uns dennoch so einfach gefunden hatten.
So lernte ich Noemi kennen, die mich zuerst zum Einkaufen in den Coop und dann in ihr Paradies in Åboholm brachte.
Die Emotionen
Während mich am ersten Reisetag meine Offenheit überrascht hatte, war es am zweiten Tag ein ganz plötzliches Heimweh. Nicht nach zu Hause, aber nach meiner Familie.
Ich räumte die Einkaufssachen in die Küche meines perfekten Schwedenhäuschens, und mir kamen die Tränen. Ich sollte das doch zusammen mit meinem Mann machen! Mit ihm diskutieren, wo der Kaffee hinkommt und wo das Brot. So machen wir das doch immer, wenn wir in einer Ferienwohnung ankommen. Was will ich ganz allein meinen Kaffee dort hinstellen, wo ich ihn haben will? Und dann der Kleiderschrank. Ich soll einfach den ganzen Platz nutzen, ohne Abmachung, wer welche Regale braucht?! Die Spiele, Puzzles, Adventure Games, die ich ins Wohnzimmer legen würde, um sie in den nächsten Tagen mit den Teenies zu spielen. Die fehlten auch (die Spiele und vor allem die Teenies, die zu diesem Zeitpunkt längst mit InEars auf ihrem Bett gelegen und Spotify gehört hätten).
Ich räumte also meine Sachen ein, während mir Tränen über die Wangen kullerten, vermisste meine Familie (wo ich schon dabei war, schloss ich meine Eltern und die Kaninchen auch gleich in die Vermissung mit ein) und war mir doch ganz sicher, dass ich genau hier sein wollte, ohne sie alle, allein. Das geht nämlich problemlos zeitgleich.
She writes you into her book!
In Åboholm habe ich ein ganzes halbes Häuschen für mich allein. Haus Astrid, benannt nach der wunderbaren Astrid Lindgren. Noemi und Bruno haben mir extra zwei Schreibtische hineingestellt, in jedem Stock einen, beide mit toller Aussicht, damit ich mich auch ganz sicher wohl fühle beim Schreiben. Am Küchentisch kann man ebenfalls schreiben (mit Blick auf uralte Eichen), und wenn sie Zeit haben, werden sie auf der Veranda auch noch ein Schreibplätzchen einrichten. Also falls ich aus irgendeinem Grund nicht so viel schreiben sollte in den nächsten drei Wochen, liegt es ganz bestimmt nicht an fehlenden Schreibtischen!
Es ist alles ganz zauberhaft hier, nicht nur die Tische, sondern das ganze Häuschen, der Blick auf den See, das Rauschen des Wasserfalls vom Stausee, die Bäume, einfach alles.
Damit ich nicht immer nur mit mir bin, darf ich bei Noemi und Bruno essen, zusammen mit den jungen Leuten, die ihnen beim Auf- und Umbau von Åboholm helfen.
«She will write everything we say or do into her book», warnte Noemi die Tischgemeinschaft beim gemeinsamen Abendessen vor. Und hey, das würde ich wirklich sehr gern machen, und ich könnte wohl ein ganzes Reisetagebuch füllen mit all den lustigen deutsch-englisch-schweizerdeutschen Gesprächsmomenten dieses Abendessens, nur leider holte mich genau dann die Müdigkeit ein.
Da war nichts mehr mit Quatschen und Connecten, nicht einmal wirklich mit aktivem Zuhören. Ganz plötzlich waren meine Batterien leer, und ich spürte, wie müde ich war, und wie erleichtert, dass ich so gut hier angekommen war.
Es gibt hier also vorläufig keine deutsch-amerikanisch-schweizerischen Fun Facts, aber eine Frage, die ich aus dem Stegreif hätte beantworten sollen (müde wie ich war) und die ich kaum falscher hätte beantworten können: Wie lange gibt es schon Schrauben?
Na? (einer der deutschen Lieblingsausdrücke der jungen Amerikanerin, deren Namen ich leider nicht verstanden habe und zu müde war, um nachzufragen)
Wir lesen uns die nächsten Wochen im Haus Astrid, liebes Reisetagebuch!

