Last Updated on 19. Juni 2026 by Mirjam Wicki
Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.
Fun Facts
Heisst das Spiel, dass in Åboholm gespielt wird, wenn ein neuer Wwoofer ankommt (WWOOF = World Wide Opportunity on Organic Farms; eine Organisation, die Freiwillige vermittelt, die für Kost und Logis auf einem ökologisch bearbeiteten Betrieb mithelfen wollen). Als ich ankam, arbeiteten hier drei Wwoofer, zwei aus Deutschland und eine junge Frau aus den USA. Gestern kam ein weiterer Freiwilliger an, aus Polen (resp. aus Norwegen, wohin er geflogen war, um anschliessend mit dem Bike nach Schweden zu radeln).
Nach dem Abendessen traf man sich also für Fun Facts, ein Spiel, bei dem einen Fragen gestellt werden, die man immer mit einer Zahl beantworten muss. Dann muss die Gruppe die Antworten ordnen, natürlich ohne sie zu sehen. Je richtiger die Ordnung ist, desto mehr Punkte gibt es.
Das ist unterhaltsam, aber noch spannender sind die Gespräche, die sich daraus ergeben. Wie feministisch bin ich eingestellt? Was bedeutet es, feministisch eingestellt zu sein? Kann ein Mann überhaupt auf mehr als 90% kommen? Ganz anderes Thema, das auch interessante Gespräche ergab: Wie lange machst du dein liebstes Hobby schon? Die Antworten reichten von 1 Jahr 3 Monate bis zu 49 Jahre.
Die meisten Punkte (nämlich alle) bekamen wir bei der Frage: Wie entzückt reagierst du, wenn du ein Babykätzchen siehst? Hier sprengte die eine Wwooferin die Skala und schmiss eine 125 in die Runde, während wir anderen mehr oder weniger enthusiastisch auf kleine Katzen reagieren, bis runter zu 18. Die Frage, die für die meisten am schwierigsten zu beantworten war, lautete: Als wie verführerisch stufst du dich ein (von 0 bis 100). Aber wir meisterten auch diese Runde, mit viel Lachen und ein paar ernsten Momenten während der Diskussion nach der Auflösung.
Als ich meine Auszeit geplant hatte, hatte ich mir die Abende am schwierigsten vorgestellt. Tagsüber könne ich mich beschäftigen, hatte ich gedacht, aber abends? Da könnten das Heimweh, die Langweile oder die Einsamkeit kicken. Deshalb habe ich mir einen Platz gesucht, an dem ich Teil einer Gemeinschaft sein kann, wenn ich das möchte. Aber man weiss ja nie, wie es wird. Ob die Gemeinschaft passt. Ob man sich wohl fühlt. Ob allein sein nicht doch besser ist.
Fun Fact: Ich fühle mich sehr wohl in der aktuellen Gemeinschaft von Åboholm (und bin froh, dass ich mich nicht auf eine Zahl zwischen 0 und 100 festlegen muss, wie wohl ich mich fühle).
Der Badeplatz
Åboholm hat zwei Seen und einen Stausee. Ich bin Ganzjahres-Baderin. It’s a match!
Aber so einfach ist es nicht, denn die Uferumgebung ist voller Seerosen und das Ufer ist an vielen Stellen zugewuchert.
«Unter an Haus Astrid ist ein kleiner Steinstrand, dort kannst du gut rein», meinte Bruno bei meiner Ankunft. Ich ging den Strand auch gleich besichtigen, und das Erste, was ich sah, war eine kleine Ringelnatter, die vorbeischwamm. Sie war wirklich klein und wirkte auch gar nicht gefährlich, aber Schlangen und ich sind so ein Ding (ich war nie schneller aus der Aare raus als damals, als uns eine Ringelnatter entgegenschwamm).
«Kann man auch beim Steg baden gehen?», fragte ich beim Mittagessen.
«Wenn du nur schnell baden willst, schon. Aber es ist halt nicht so schön», antwortete Noemi. «Und rausschwimmen geht nicht, die Seerosen sind zu dicht», meinte Bruno. Er wolle schon lange eine Schwimmrinne machen, hätte aber immer anderes zu tun.
Nicht ganz überzeugt von diesen Möglichkeiten, beschloss ich nach dem Mittagessen dennoch, baden zu gehen. Und zwar beim Steinstrand, Ringelnätterchen hin oder her. Ich hängte meine Kleider und die Badetasche an einen Baum und ging vorsichtig ins Wasser. Der Boden war weich, das Wasser sehr seicht. Ich legte mich hin. Es war warm und schön und ein wenig langweilig so ganz allein. Ich war also ganz happy, als die junge Amerikanerin vorbeikam und sich ein wenig mit mir unterhielt. Danach versuchte ich zu schwimmen, verhedderte mich in den Seerosen und beschloss, dass das hier ein Liege- und kein Schwimmplatz war. Ein schönes erstes Bad in einem schwedischen See, aber noch nicht das perfekte Plätzchen für mich.
Weitere Badeplätze werden im Lauf der nächsten drei Wochen getestet.
Die Glocke
Åboholm hat einen Glockenturm, gleich beim Schuppen neben Haus Astrid. Der nützt leider nichts, wenn man von Noemis und Brunos Haus zum Essen läuten will, weil er zu weit weg ist.
Also haben sie eine eigene Glocke installiert vor ihrer Haustür. Mit dieser wird geläutet, wenn es Mittag- und Abendessen gibt.
Nur leider hören Astrid und ich diese Glocke nicht, wenn ich nicht genau das richtige Fenster geöffnet habe und genau zur richtigen Zeit am Küchentisch sitze. So herzig das mit der Glocke ist – wir haben jetzt entschieden, dass Noemi mich per WhatsApp zum Essen ruft.
Und das Schreiben?
Das läuft auch. Während ich mit grossem Spass mein Reisetagebuch schreibe und ganz vorsichtig in mein aktuelles Manuskript hineinfinde (und sich irgendwo in meinem Unterbewusstsein zwei weitere Projektideen anfangen zu vermischen), erreichten mich gleich zwei wundervolle Autorinnen-Nachrichten.
Zur einen darf ich noch nichts sagen (aber bald), die andere soll gesehen und gehört werden: Mein Bunnybuch macht sich auf den Weg in die weite Welt!
Es heisst auch gar nicht mehr Bunnybuch, sondern «Hera voll viral» und ist ein Jugendroman in einfacher Sprache, der beim Da Bux Verlag erscheint. Kurz, knackig, lebendig, wie alle Bücher aus diesem Verlag, erzählt er die Geschichte von Hera, dem verschwundenen Kaninchen. Und diejenige von Doro, die ihrer Freundin Amina beim Suchen des Kaninchens hilft. Und dann passieren Dinge.
Das Cover, den Klappentext und die Möglichkeit zum Vorbestellen von «Hera voll viral» findest du hier:
Fragen
Hier noch die Antwort auf die Schraubenfrage: Holzschrauben gibt es seit ca. 100 v. Chr. Ich hatte 200 Jahre geschätzt und lag damit nur knapp 2000 Jahre daneben.
Heute habe ich wieder eine Frage: Als wie hoch habe ich wohl meine feministische Einstellung bei Fun Facts angegeben (zwischen 0 und 100)?
Liebes Reisetagebuch, Åboholm ist ein Traum.

