Reisetagebuch Tag 4: Midsommar

Last Updated on 20. Juni 2026 by Mirjam Wicki

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Wie ich mir Midsommar vorgestellt habe

Blumenkränze, eine geschmückte  Midsommar-Stange, Musik, Tänze, Essen, Getränke, Alkohol, eine Party, die am Abend startet und bis weit in die Nacht hinein reicht. So hatte ich mir Midsommar in Schweden vorgestellt.

Ich war daher etwas irritiert, als Noemi meinte, wir würden schon um 12 Uhr essen, damit es für Midsommar reichen würde. Okay, es war eine grosse Party. Aber einen ganzen Nachmittag lang Vorbereitung? Krass!

Bis ich erfuhr, dass das Midsommar-Fest auf dem nahen Sportplatz Åboholm  um halb zwei starten und um vier Uhr enden würde. «Um vier Uhr???» Noemi lachte. «Ja, letztes Jahr haben alle um fünf vor vier angefangen zusammenzupacken.» – «Und wo gehen die denn nachher noch hin?» Sie zuckte die Schultern. «Nach Hause. Vielleicht mit der Familie feiern.» – «Wir gehen also von halb zwei bis vier Uhr Midsommar feiern?», fragte ich zur Sicherheit nach.

Ja, so würde es sein. Nichts mit Party in die laue, helle Sommernacht hinein. Ein Nachmittagsevent auf dem Sportplatz. Auch gut. I guess.

Die jungen Wwoofer würden nicht mitkommen. Sie wollten auf einen Midsommar-Event bei einem nahen Schloss. Das klang schon eher nach Abend, Party und Alkohol. Aber ich würde mit Bruno und Noemi zum Sportplatz gehen. Midsommar Åboholm -Style.

Wie Midsommar wirklich war

Also Blumenkränze gab es. Noemi, die Gästin aus dem Haus Pija und ich machten sie mit selbstgesammelten Blumen aus dem Garten. Es machte grossen Spass, die Kränze zu winden, aber wir mussten uns beeilen, da es schon nach dreizehn Uhr war.

Die Kränze wurden hübsch, wir gingen noch duschen und dann gegen vierzehn Uhr los für die Party. Das Gästeehepaar wollte später nachkommen, Noemi, Bruno und ich gingen die zehn Minuten zum Sportplatz zu Fuss. (Åboholm  liegt wirklich abgelegen. Wirklich, wirklich. Bis zum nächsten Ort fährt man etwa zwanzig Minuten mit dem Auto. Aber in der Nähe liegt der Sportplatz mit einer Art Gemeindezentrum. Dort sei meistens nichts los, aber ab und zu fänden Anlässe statt, und an Midsommar seien plötzlich 300 Leute da, erzählten mir Noemi und Bruno.)

Wir näherten uns dem Sportplatz, hörten Musik, und als wir näher kamen, sahen wir Menschen um die Midsommer-Stange tanzten. Doch kaum hatten wir den Platz erreicht, löste sich der Kreis der Tänzerinnen und Tänzer auf und die Musik verstummte. Wir hatten zu lange gebraucht für unsere Kränze, nun hatten wir den Tanz verpasst. Es war ja auch schon nach vierzehn Uhr.

Was wir nicht verpassten, war die Fika, Kaffee und Kuchen. Es gab Teller mit drei verschiedenen Stücken, und ich lernte, dass das ein Konzept hat: Auf jedem Teller ist eine Hefeschnecke, ein Stück Kuchen und ein Biscuit. Wir setzen uns vor das rote Haus, assen die Süssigkeiten, tranken Filterkaffee und schauten den wirklich etwa 300 Menschen (viele mit Kränzchen in den Haaren) zu, wie sie picknickten, Spiele machten (Stelzen laufen, Hulahoop, auf eine Matte springen, Tischfussball) und es gemütlich hatten.

Schliesslich gesellte sich ein mit Noemi und Bruno befreundetes Ehepaar zu uns, und wir konnten zwei Fragen loswerden:

«Woher kommen all die Menschen? Warum feiern die nicht in den grösseren Orten?» – «Oh», meinten die Einheimischen. «Es gibt keine anderen Feiern in der Nähe. Das sind einfach die Menschen, die rund um Askersund wohnen.» – «Und die Feier beim Schloss?» – «Beim Schloss? Da gibt es keine Feier.» Ach.

«Und was macht ihr nachher? Nach vier Uhr?» – «Wir gehen nach Hause.» – «Und dann?» – «Essen. Die einen ganz normal, andere festlich. Etwa so wie an Weihnachten.»

Okay. Klang gemütlich. Aber nicht wirklich midsommarig für mich.

Trotzdem genoss ich das Fest in vollen Zügen. Lief seit Ewigkeiten wieder einmal auf Stelzen, freute mich an der schönen Stimmung und den Gesprächen mit Noemi, Bruno und dem schwedischen Ehepaar, und beschloss einmal mehr, dass ich das Konzept der Fika etwas vom besten finde, das Schweden zu bieten hat (und Schweden hat viel Gutes zu bieten).

Es wurde fünf vor vier, die Blumenkränzchen wurden welk, und alle Menschen packten zusammen.

Midsommar-Ende

Das kann nicht alles gewesen sein

Und die Wwoofer? Die fanden tatsächlich keine Party beim Schloss. Also fuhren sie weiter, bis sie ein Festgelände vorfanden. Dort liess man sie gratis rein, obwohl es eigentlich Eintritt gekostet hätte. Aber sie kamen erst um halb vier. Und um vier Uhr war auch diese Party zu Ende.

«I don’t get it!», rief der junge Mann aus Polen, als er blumenbekränzt in die Gemeinschaftsküche kam. «They have a whole bright night to celebrate and they stop at 4 p.m.»

No one here get’s it.

Deshalb werden wir am Samstag unsere eigene Midsommar-Feier machen. Am Abend. Mit Feuer und Schlangenbrot und vielleicht bis tief in die Nacht hinein.

Liebes Reisetagebuch, Schweden steckt voller gemütlicher Überraschungen.

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