Last Updated on 21. Juni 2026 by Mirjam Wicki
Erste Routinen
Haus Astrid hat zwei Stockwerke. Unten kommt man von der Veranda in den Eingangsbereich, von dem die Treppe nach oben führt. Geradeaus ist eine grosszügige Küche mit einem Tisch am Fenster und allem, was eine Küche so braucht. Daneben liegt die Stube, auch grosszügig bemessen (vor allem, wenn man nur eine Person ist), mit Bettsofa, Schreibtisch, Büchergestell, einem Holzofen und zwei Fenstern. Eines geht auf den See, eines zum Schuppen mit dem Glockenturm. Alles sehr schwedisch.
Wenn man die Treppe hochgeht, kommt man in einen Vorraum, von dem zwei Türen abgehen. Die erste führt ins Bad mit Dusche und WC. Noemi und Bruno haben mir Bilder gezeigt, wie diese Dusche vor dem Umbau ausgesehen hat. Ähm, ja, ich finde es super, dass sie sie neu gemacht haben und geniesse ihre Grosszügigkeit sehr. Die zweite Tür führt ins grosse Schlafzimmer. Da stehen ein Doppelbett, ein Schrank, ein Schreibtisch und der Lesesessel, den ich vom Vorraum hierhin getragen haben. Weiter hinten hat es ein kleines Zimmer mit einem Einzelbett, und noch weiter hinten führt eine Tür nach Narnia (respektive in einen kleinen leeren Raum, aus dem bei Gelegenheit eine Sauna werden soll).
Ich schlafe im grossen Schlafzimmer, an den ersten beiden Morgen etwa bis acht Uhr, seit ich später ins Bett gehe, eher bis 9 Uhr. Nach dem Aufwachen gehe ich nach unten und mache Frühstück. Porridge mit Früchten, Kaffee aus der French Press (zu meinem Erstaunen schaffte ich bereits beim zweiten Versuch richtig guten Kaffee) und Orangensaft. Ich esse am Küchentisch mit Blick auf die uralten Eichen und das rosarote Haus Selma oder am Gartentisch mit Blick auf den See.
Abwaschen, Whatsapp beantworten oder sonst chli am Handy sein, Morgenseiten schreiben. Tee kochen. Im Manuskript schreiben. Dabei lasse ich mich gern von Biella, der Grundstück-Katze, ablenken oder auch von den Wwoofern oder Noemi und Bruno, wenn sie auf dem Weg zu ihren vielen Arbeiten an Haus Astrid vorbeilaufen. Offenbar kann ich aber auch ganz ins Manuskript vertieft sein, jedenfalls erzählen die anderen manchmal, dass sie bei mir vorbeigegangen sind, ohne dass ich reagiert hätte.
Gegen 13 Uhr läutet die Glocke/kommt Noemis Whatsapp-Nachricht oder gehe ich aus eigenem Antrieb in die Gemeinschaftsküche, wo eine der Wwooferinnen gekocht hat. Immer vegetarisch, manchmal vegan, Kategorie «einfach, nahrhaft, lecker, gesund». Gespräche, gemeinsames Kaffeetrinken, ein wenig Tagesplanung. Normalerweise ist der nächste Treffpunkt um Viertel vor sieben, fürs Abendessen.
Gestern dann die Einladung: «Wir treffen uns um 19 Uhr am Feuer und feiern unser eigenes Midsommar-Fest.»
Während alle ihrer Wege gingen, machte ich Siesta, ging spazieren (was für ein wunderschöner Wald das ist rund um Åboholm !), bloggte und fand den Weg ins Manuskript gerade nicht mehr. Also setzte ich mich an den Gartentisch und las.
Ein Raum zum Schreiben
Für den Artikel auf einem anderen Blog suchte ich kurz vor meiner Abreise nach Schweden online nach dem Buch «Raum zum Schreiben», das tolle Schreibübungen enthält. Ich fand allerdings zuerst ein anderes Buch mit fast demselben Titel: «Ein Raum zum Schreiben» der norwegischen Autorin Kristin Valla.
Sie erzählt darin, wie sie im Trubel des Familienlebens aufhörte, Bücher zu schreiben, und sich deshalb ein Haus in Frankreich kaufte, in der Hoffnung, so wieder ins Schreiben zu kommen. Eingebettet in ihre Geschichte erzählt sie von Autorinnen wie Patricia Highsmith, Selma Lagerlöf, Chimamanda Ngozi Adichie oder Virginia Woolf (die schon wusste, dass eine Frau «a room of one’s own» braucht), die Häuser gekauft und renoviert haben, entweder um einen ruhigen Ort zum Schreiben oder einen Ausgleich zu ihrem Autorinnenleben zu haben.
Mir schien das Thema sehr passend für meine Schreibauszeit, und ich lud mir «Ein Raum zum Schreiben» vor meiner Abreise auf den E-Reader.
Es ist unglaublich schön, in oder vor Haus Astrid zu sitzen, in Kristin Vallas Buch zu lesen und verbunden zu sein mit all den Frauen, denen Häuser wichtig wurden für ihr Schreiben.
Dabei – und im Gespräch mit Bruno gestern Abend am Midsommar-Feuer – merke ich, dass ich die Einfachheit der Abläufe und die Ruhe, die mir das Haus in Åboholm bieten, enorm schätze. Nicht nur für mein Schreiben, sondern weil es einfach guttut, hier zu sein. Aber auch für mein Schreiben. Die Gelegenheit, mehrmals am Tag und an mehreren Tagen hintereinander ins Manuskript eintauchen zu können, hat die Magie bewirkt, die immer irgendwann kommt, aber man weiss nie, wann: Ich bin bei meinen Charakteren angekommen. Ich spüre sie, das Schreiben wird fliessender, weniger tastend, einfacher. Ich bin unglaublich gespannt, was entstehen wird, wenn ich dieses Eintauchen an so vielen Tagen hintereinander machen kann wie noch nie bisher.
Ein Raum für Gemeinschaft
Das Gespräch mit Bruno am Lagerfeuer und die paar Tage in Åboholm zeigen mir aber auch: Ich bin wirklich froh, habe ich mir für meine Auszeit einen Ort gesucht, an dem Gemeinschaft möglich ist. Klar wäre es auch eine Erfahrung, ganz abgeschieden zu schreiben. Ganz auf mich selbst zurückgeworfen zu werden. Wer weiss, was daraus entstehen würde?
Aber so fühlt es sich easy an. Ich bin ganz offiziell diejenige, die zum Schreiben hier ist, während die anderen zum Arbeiten hier sind. Ich kann mich jederzeit zurückziehen, es gibt nichts anderes zu tun für mich, wenn ich das nicht will. Ich darf aber jederzeit Teil der Gemeinschaft sein, beim Essen, beim Blumensammeln für die Midsommar-Kränze, beim Auftischen und Wegräumen, auch bei anderen Arbeiten, wenn ich das möchte.
Und natürlich beim Midsommar-Abend am Feuer: Mit Salat und Schlangenbrot. Schlangenbrot mit Zimtbutter (DAS werde ich mit in die Schweiz nehmen). Einem kleinen Flötenkonzert des deutschen Wwoofers (er kann nicht wirklich Flöte spielen, hat aber die Hobbit-Melodie gelernt und uns gestern alle ins Auenland entführt damit). Gemeinsamem Singen mit Gitarrenbegleitung. Dem Geniessen des lauen, hellen Sommerabends.
Das ist Inspiration, das ist Nahrung für die Seele, das ist, was mir guttut.
Offene Fragen und Antworten
Ich habe noch keinen perfekten Badeplatz gefunden. Meine Hoffnungen ruhen zurzeit auf Bruno und dem polnischen Wwoofer, die einen Badesteg bauen. Der Bau ist allerdings bisher von vielen Rückschlägen geprägt, von daher weiss ich nicht, wann ich diese Frage beantworten kann.
Und meine feministische Einstellung aus den Fun Facts? Die liegt bei 100%, genau wie diejenige der jungen Amerikanerin. Wir waren uns einig, dass trotz der blinden Flecken, die einige andere Åboholmer davon abhielten, sich grössere Prozentzahlen zuzugestehen, die Einstellung zählt. Und da machen wir es nicht unter 100.
Liebe Lesende
Schön, dass ihr hier seid! Es erreichen mich immer wieder Rückmeldungen, die mir zeigen, dass mein Fun-Projekt Reisetagebuch sein Publikum gefunden hat. Darüber freue ich mich sehr.
Liebes Reisetagebuch, wir lesen uns morgen wieder im schönen Åboholm.

