Last Updated on 22. Juni 2026 by Mirjam Wicki
Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.
Blauer Himmel
Der eigentliche Mittsommertag am 21. Juni war strahlend schön in Åboholm. Chnütschblaue Hemu, vom frühen Morgen an. Im Gegensatz zur Hitzewelle, unter der die Menschen zu Hause in der Schweiz leiden, sind die Temperaturen hier angenehm. Und weil es meistens auch Wind hat, kann es sogar vorkommen, dass ich einen Pulli überziehe, wenn ich mich zum Schreiben nach draussen setze.
«Du hast ja einen schönen Garten», meinte der deutsche Wwoofer. – «Garten?» – «Ja, also … Dein Tisch und deine Stühle.» Der Tisch war schon da gewesen bei meiner Ankunft. Die Stühle hatte ich aus dem Fundus in einem der Schuppen auswählen dürfen. Ich wählte einen einfachen, metallenen Gartenstuhl, um am Tisch zu sitzen, und einen (laut Noemi) «hässlichen, aber bequemen» Liegestuhl. Und ja, es stimmt: Der Tisch und die beiden Stühle lassen das gemähte Stück Land, das zwischen Haus Astrid und der angrenzenden Naturwiese liegt, gleich wohnlich aussehen. Das wäre also mein vierter Schreibtisch: Der Gartentisch, den ich je nach Sonnenstand an eine andere Ecke von Astrid stelle, aber immer so, dass mein Blick beim Schreiben (oder Lesen oder einfach Sein) auf den See hinunter geht.
Rote Farbe
Neben dem Badesteg ist das Gewächshaus ein Projekt, an dem auf Åboholm zurzeit gearbeitet wird. Beim Mittagessen wurde darüber diskutiert, dass man am nächsten Tag die Fenster einsetzen könnte, wenn es am Nachmittag noch fertig gestrichen würde. Nur war nicht klar, ob jemand Zeit dafür hätte.
«Ich helfe gern beim Streichen», meinte ich. Schliesslich habe ich zu Hause schon einen Kaninchenstall und ein Gartenhaus schwedenrot gestrichen. – «Hast du Kleider dabei, die rot werden dürfen?», fragte Bruno. – «Weisst du, dass du auf den Balken oben sitzen musst zum Streichen?», fragte Noemi.
Also Kleider, die rot werden durften, liessen sich definieren. Und auf den Balken sitzen schien mir kein Problem zu sein, solange ich eine Leiter hatte, um auf die Balken raufzukommen.
Und so kam es, dass ich nach der Siesta zusammen mit Bruno das Gewächshaus fertig anstrich. Tatsächlich musste ich mich etwas an den Arbeitsplatz in der Höhe gewönnen, und die Windstösse, die manchmal die Farbe vom Pinsel irgendwohin wehten (z.B. in mein Gesicht) machten die Sache nicht einfacher. Aber es war eine schöne Arbeit mit interessanten Gesprächen.
Wir fanden z.B. heraus, dass ich eine Szene erlebt hatte, die Bruno in ein Buch geschrieben hatte: Lehrerin kriegt während der grossen Pause einen Ball an den Kopf. Während es in Brunos Buch nur darum gegangen war, dass die Lehrerin grosszügig reagierte und der Protagonist keine Schwierigkeiten bekam, hatte mein Ballkontakt zu einer kaputten Sonnenbrille und einer Platzwunde an der Augenbraue geführt. Bruno bereut es nun fast ein wenig, dass er nicht mehr aus der Szene gemacht hat.
Der helle Abend
Ich habe den Badeplatz gefunden! Also, Noemi und Bruno haben ihn mir gezeigt. Mein Ringelnatter-Steinsträndchen ist nämlich gar nicht der Platz, von dem sie mir am ersten Abend erzählt haben. Dieser liegt ein paar Meter weiter dem Ufer entlang, und dort wird jetzt auch der Steg gebaut. Der ist noch nicht ganz fertig, aber man kann ihn bereits benutzen, um ganz ohne Schlamm, Steine und Seerosen ins Wasser zu gelangen. Es war ein wunderbarer Abendschwumm im See und ganz bestimmt nicht der letzte, den ich hier in Åboholmgenossen habe.
Nach dem Baden wurde der Abschied von der amerikanischen Wwooferin gefeiert. Sie hatte zum Tanzen zu Videoanweisungen geladen, aber ich hatte nach all den Eindrücken der letzten Tage mehr Lust auf einen ruhigen Abend allein. Ich verzichtete also auf das «Karaoke-Tanzen», was wahrscheinlich etwas schade ist. Es sei nämlich «very american» gewesen, habe ich mir sagen lassen, und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie viel Spass die Åboholm-Truppe dabei hatte.
Liebes Reisetagebuch, so richtig viel geschrieben habe ich heute nicht. Aber zum Glück macht das nichts.

