Reisetagebuch Tag 7: Unterwegs

Last Updated on 23. Juni 2026 by Mirjam Wicki

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Einkaufen in Askersund

Die amerikanische Wwooferin wollte weiterziehen und brauchte eine Mitfahrgelegenheit bis zur Bushaltestelle in Askersund. Noemi würde dies mit dem Einkauf für die Gemeinschaft verbinden. Ich fragte, ob ich sie begleiten dürfe. Einige meiner Vorräte drohten nämlich bereits auszugehen, und ich hatte ein paar Dinge gefunden, die mir in meiner WG mit Astrid noch fehlten (z.B. Zeckenspray).

«Winkel!», rief Bruno, als wir mit dem Auto an ihm vorbeifuhren. Noemi hielt an, und wir schauten ihn fragend an. «Hat er euch nicht gezeigt, welche Winkel ihr aus dem Baumarkt mitbringen müsst?» Er war der deutsche Wwoofer, der uns gerade fröhlich zugewunken, aber nichts von Winkeln gesagt hatte. «Ich habe ihn eben daran erinnert», wunderte sich Bruno und rief seinen Namen. «Sorry!», tönte es zurück, und er kam angerannt, in der Hand einen Winkel, von dem er noch vierzig weitere brauchte, um das Gewächshaus zu stabilisieren. «Ich hab’s vergessen.» – «Mit dir ist es wie mit Michel aus Lönneberga», meinte Noemi lachend. «Man hat immer einen Grund, deinen Namen zu rufen.» Was wir daraufhin natürlich alle machten und er zum Glück mit Humor nahm (wovon wir ausgegangen waren, denn Humor zeichnet diesen jungen Mann sowas von aus).

Danach fuhren wir die gut zwanzig Autominuten bis Askersund, wo wir uns von der jungen Frau aus den USA verabschiedeten. Sie fährt erst nach Stockholm und dann für weitere Wwoofing-Aufenthalte nach Dänemark. Im August fliegt sie schliesslich zurück zu ihrem Studium in die Vereinigten Staaten. Ich war überrascht, wie leicht es allen fiel, goodbye zu sagen. Es ist wohl einfach ein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft in Åboholm, dass Leute kommen und gehen.

Noemi und ich kauften Lebensmittel in Coop und ICA, gingen in die Apotheke für meinen Insektenspray und anschliessend zu Bergqvist, dem Baumarkt. Wir fanden die richtigen Winkel, allerdings hatte es nur noch 31. Während Noemi etwas anderes holte, fand ich eine weitere Schachtel mit den richtigen Winkeln. Diese war noch zu, verschlossen mit diesen Plastikbändern, die man so schlecht wegkriegt. Ich versuchte es trotzdem, kriegte sie auf und nahm 9 weitere Winkel raus.

«Dich kann man schon nicht allein lassen!» Noemi stand lachend neben mir. – «Denkst du, das war nicht okay?», fragte ich. – «Sicher nicht so gedacht. Aber effizient! Finde ich gut.» (Ich bin nicht sicher, wie schlimm der Regelbruch aus schwedischer Sicht war. Ich glaube, ich hätte die Schachtel auch in einem Schweizer Baumarkt geöffnet, ohne das Gefühl, etwas Grenzüberschreitendes zu tun.)

Statt mit in den Baumarkt zu fahren, hätte ich natürlich auch eine Weile in Askersund bleiben können. Dem hübschen Flussufer entlang promenieren, eine Glacé kaufen und andere Touristinnendinge tun. Aber dazu hatte ich gar keine Lust. Ich war total fein damit, im Baumarkt Winkel zu kaufen und mich dann zurück nach Åboholm fahren zu lassen.

Spaziergänge

Nach dem Mittagessen probierte ich den Insektenspray aus und machte einen meiner Streifzüge durch den Wald rund um Åboholm. Bis jetzt folge ich dabei immer den gekiesten Forstwegen, auch wenn die manchmal abrupt enden oder auf ein Grundstück führen, von dem ich nicht weiss, ob ich jetzt da noch durchgehen soll/darf oder nicht.

Nun habe ich mir aber von Bruno erklären lassen, dass die wirklich schönen Wege die Trampelpfade sind, und jetzt, wo ich dank meinem Spray besser vor Zecken geschützt bin, werde ich auch diese ausprobieren.

Am Abend folgte ich einem Reitpfad (der eher in die Kategorie Trampelpfad als Waldstrasse gehört) zu einer Lichtung, auf der Gäste von Åboholm schon Elche gesehen haben. Ich war zu früh dran für Elche (ich wollte den Weg zum ersten Mal erkunden, wenn es noch nicht dämmerig ist. Ich fürchte mich zwar nicht, wenn ich allein unterwegs bin, aber in der Dämmerung kann sich meine Fantasie manchmal schon lustige oder eben gruslige Dinge ausdenken).

Also keine Elche (ich bleibe dran), dafür war eine anderes Spezies zahlreich unterwegs: die Mücken.

Leider hatte ich vergessen, meinen brandneuen Insektenspray vor dem Abendspaziergang noch einmal anzusprühen, und so habe ich nun einige ziemlich lästige Mückenstiche auf den Armen, hinter den Ohren (!) und an den Händen. Mein Ziel ist es, möglichst wenige von ihnen aufzukratzen (keine geht leider schon nicht mehr).

Das Kapitel

Der heutige Schreiberfolg: Ich habe aus einem Kapitel rausgefunden! Keine Ahnung, wie lange ich mich mit dem schon herumschlage. Weder wusste ich, wo im Manuskript es hingehört, noch wohin es führen soll, noch verhielt sich die Protagonistin so, wie es zu ihr passte. Bereits im Zug nach Hamburg fand ich eine Stelle, die ich unbedingt umschreiben musste, und schliesslich fand ich noch heraus, dass es einen anderen Einstieg braucht . Nun habe ich es geschafft: Das Kapitel ergibt Sinn, bietet einen Mehrwert, hat mir Einiges über die Charaktere verraten, und das Beste ist: Ich weiss auch schon, wie es von hier aus weitergeht!

Liebes Reisetagebuch, beim Schreiben ist es wie beim Spazieren: Manchmal ist es besser, die festgetretenen Pfade zu verlassen.

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