Last Updated on 26. Juni 2026 by Mirjam Wicki
Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.
Die Wichtigkeit von Tagen
Noemi hat mir, als sie mich vor über eine Woche vom Bahnhof abholte, erzählt, viele Menschen würden in Åboholm das Zeitgefühl verlieren. Nach kurzer Zeit wüssten sie nicht mehr, welcher Tag wäre oder wie lange sie schon hier wären.
Mir fiel der Überblick bis jetzt nicht schwer. Erstens habe ich mein Reisetagebuch, das beim Zählen hilft. Zweitens bot jeder Tag etwas Besonders und hatte damit einen eigenen Charakter. Und drittens gibt es immer wieder Daten, die mir etwas bedeuten. Geburtstage oder wichtige Termine von wichtigen Menschen.
Die Kumulation davon war am 10. Tag meiner Reise: Mein Mann hatte Geburtstag, die Tochter Abschlussfeier ihrer Schule. Selbstverständlich hatten wir im Voraus darüber geredet, dass es okay war, dass ich an dem Tag nicht zu Hause sein würde. Für alle zu Hause auf jeden Fall. Wie es für mich sein würde, aus der Ferne oder vielleicht gar nicht dabeizusein, konnte ich nicht abschätzen.
Als ich meine Reise antrat, wusste ich nicht, wie die Verbindung nach aussen sein würde. Die Ferienwohnungen in Åboholm haben kein WLAN, das steht auf der Website. Wie die Erreichbarkeit über mobile Daten sein würde, wusste ich nicht, und ich fragte auch nicht danach. Es war Teil des Unbekannten, auf das ich mich einlassen wollte.
Lange wusste ich auch gar nicht, ob und wie viele Daten ich zur Verfügung haben würde. Mein Handy, obwohl erst letzten Herbst gekauft, ist nicht e-Sim kompatibel (ich hatte nicht darauf geachtet, weil ich nicht einmal wusste, dass es so etwas gibt). Mein Aboanbieter bot bis diesen Juni keine Datenpakete im Ausland an, weshalb ich es in den Ferien immer als finanzielles Risiko empfand, Daten zu nutzen. Aber eben, dann machte besagter Anbieter den genialen Move, zum genau richtigen Zeitpunkt attraktive Datenpakete anzubieten, und ich schlug zu.
Ich habe also Daten, und Åboholm hat perfekten Empfang.
Die Verbindung nach Hause ist intakt.
Ich nutze sie rege. Bekomme Sprachnachrichten von meinen Kindern (und quassle zurück). Telefoniere mit meinem Mann und meinen Eltern. Chatte mit Freundinnen. Stelle Fotos auf WhatsApp und Instagram und reagiere auf die Reaktionen. Strecke die Fühler auch mal ganz vorsichtig Richtung Schule aus. Kann in Kontakt sein mit dem Verlag von Hera voll viral und der anderen schönen Nachricht aus der Buchbranche (Update folgt bald). Werde benachrichtigt, dass die Kaninchen jeden Tag gefüttert werden.
Mein Åboholm-Abenteuer ist kein Ich-habe-keinen-Kontakt-zu-meiner-Welt-Abenteuer.
Das war am Tag der verschiedenen Feiern besonders schön. Ich konnte von hier aus ein Geschenk für meinen Mann organisieren. Er konnte mir Fotos schicken von der Geburtstags- und Abschlussfeier (wie schön sie einfach alle aussahen), und spät in der Nacht konnte mir die Tochter in einer Sprachnachricht erzählen, wie der Tag für sie gewesen war (und ich konnte die Nachricht gleich abhören und beantworten, weil mein Körper es unnötig findet, müde zu sein, wenn es draussen nicht dunkel wird).
Es ist schön, auf diese Art dabei zu sein bei dem, was zu Hause läuft.
Und es ist herausfordernd, weil ich zwar zuhören, reagieren und vorschlagen kann, aber nichts machen. Nicht mitreden. Ein wenig dabei, aber nicht Teil davon sein. Machen lassen. Vertrauen.
Nicht meine leichteste Übung, aber auch nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte. Mein Vertrauen ist intakt, meine Entscheidung, hier zu sein, trägt, und so langsam bin ich sogar bereit, mich dem Flow hinzugeben und das Zeitgefühl zu verlieren.
Zu diesem Gefühl passt der neue Song einer Sängerin, deren Lieder mich seit einigen Monaten intensiv begleiten: No worries von Rachel Platten.
Neues und Bekanntes
Und sonst war schwimmen von der neuen Plattform aus. Dem Fischadler beim Kreisen zuschauen. Fun Facts mit der neuen Wwooferin. Das Begehen eines neuen Pfades und die Entdeckung eines weiteren paradiesischen Plätzchens wenige Minuten von Haus Astrid entfernt. Eine weitere Ebike-Tour zur nahen Bakstugan mitten im Wald, wo es Fika und Brot geben soll, die aber wie bei meinem letzten Besuch geschlossen war. Neue Wörter und Erkenntnisse im Manuskript. Spazieren in der Dämmerung, Tee trinken, lesen und irgendwann doch noch einschlafen und gut und tief schlafen.
Liebes Reisetagebuch, no worries ist gar nicht so schwierig in Åboholm.

