Reisetagebuch Tag 12: Abschiede

Last Updated on 28. Juni 2026 by Mirjam Wicki

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Ein Picknick zum Abschied

Die beiden deutschen Wwoofer werden Åboholm verlassen und zum nächsten Hof fahren, auf dem sie arbeiten wollen. Beide waren mehrere Wochen hier, für mich also schon immer. «Lasst uns an eurem letzten Abend ein Picknick am Vitsand machen», hatte Noemi vorgeschlagen, und die beiden hatten die Idee sehr gut gefunden.

Das Wetter war wie schon bei unserem privaten Midsommar-Lagerfeuerabend tagsüber regnerisch. «It will clear up», versicherte der junge Mann aus Polen beim Mittagessen. Er hat eine sehr optimistische Wetter-App, die sich bisher aber immer als richtig erwiesen hat. Wir beschlossen also, am Picknick-Plan festzuhalten.

Eineinhalb Stunden, bevor wir loswollten, ging ich zur Gemeinschaftsküche und fragte, ob ich bei den Vorbereitungen helfen könne. «Eigentlich sind die Arbeiten verteilt», meinte Noemi. «Wenn du unbedingt willst, kannst du schon helfen. Aber du kochst doch gar nicht so gern.» Das hatte ich einmal während einer Tischdiskussion verraten (nicht einmal bei Fun Facts, einfach so). «Stimmt», gab ich zu. «Aber es fällt mir schwer, zum Picknick zu kommen und nicht mitzuhelfen bei den Vorbereitungen.» Noemi grinste. «Ja, ja, wir Schweizerinnen … Aber hey, du bezahlst Halbpension. Wäre ja blöd, wenn du auch noch mithelfen würdest!» – «Gut argumentiert.» Ich lachte. «Okay, dann übe ich, nichts zu machen und kein schlechtes Gewissen zu haben dabei.»

Es ging ganz okay, aber gegen Ende der Vorbereitungen – als alles länger dauerte als gedacht, und alle noch irgendetwas zu tun hatten ausser ich – kam ich mir schon komisch vor. Aber schliesslich sassen wir alle in zwei Autos: Noemi, Bruno, die vier Wwoofer, ein riesiger Picknickkorb und ich.

Die Fahrt nach Vitsand dauert mit dem Auto etwa zwanzig Minuten, gar nicht viel weniger lang als mit dem Ebike. Als wir ankamen, hatte es noch ein paar wenige Autos auf dem Parkplatz und ein paar Menschen am Strand und im Wasser. Die Sonne war dabei, hinter dem Nationalpark-Wald unterzugehen.

Weisser Sand, klares Wasser, Sonnenuntergangsstimmung, ein warmer Sommerabend, zufriedene Menschen, Picknick.

Und was für ein Picknick: Draniki (Kartoffelpfannkuchen), vegetarische Köttbullar, Mojo Rojo Sauce, Gartensalat, Zimtschnecken. Kulinarisch einmal quer durch Europa.

Nach dem Essen spielten wir auf Wunsch des einen Wwoofers, der Åboholm verlassen wird, das Spiel Dixit. Anders als bei Fun Facts spielt man gegeneinander, aber auch bei diesem Spiel geht es darum, einander richtig einzuschätzen. Während dem letzten Fun Facts hatte ich zugegeben, dass ich schlecht verlieren kann (weit schlechter als alle anderen, wobei Bruno argwöhnte, dass ich vielleicht als einzige ehrlich gewesen war), und nun war natürlich die Frage, ob das gutgehen konnte. Es ging gut. Erstens ist Dixit kein Spiel, das meinen Ehrgeiz weckte (dafür ist es irgendwie doch zu kooperativ) und zweitens war mein Häschen (ja, die Spielfiguren sind Häschen – was für ein tolles Spiel einfach!) zusammen mit Brunos am Ende zuvorderst.

Aufs Baden verzichteten wir (Wasser, Sand, Picknickdecke, …), und irgendwann waren wir die einzigen am Strand. «Swedish people disappeared again», stellte der junge Mann aus Polen fest. Das können sie wirklich gut, nicht nur an Midsommar.

Einen Tag nach den deutschen Wwoofern wird auch er weiterziehen. Dafür werden drei neue Leute ankommen. Alltag auf Åboholm.

Schreibupdate

Auch meine Protagonistin nähert sich einem Abschied. Das weiss ich schon lange, denn diese Abschiedsszene war die erste, die ich geschrieben hatte. Seither schreibe ich darauf hin. Eigentlich dachte ich, dass ich heute mit diesem ersten Teil der Geschichte fertig werden würde. Aber obwohl ich viel Schreibzeit hatte und auch wirklich viel geschrieben habe, bin ich noch nicht beim Abschied angekommen. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich ihn einfach hinauszögere, weil ich ihn ihr eigentlich gern ersparen möchte, oder ob sie wirklich gerade noch ganz wichtige Erfahrungen macht. Das wird sich zeigen, wenn die Geschichte fertig ist.

Liebes Reisetagebuch, Abschiede müssen nicht immer schwer sein.

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