Last Updated on 1. Juli 2026 by Mirjam Wicki
Astrid Lindgrens Geist
«Spürst du Astrid, wenn du schreibst?», fragte mein Vater am Telefon.
«Astrids schriftstellerischer Geist hat Einfluss auf dein Schreiben», schrieb mir eine Freundin als Rückmeldung auf mein Tagebuch. (Danke!)
Jede der Ferienwohnungen auf Åboholm ist nach einem/einer schwedischen Autor*in benannt. Neben Astrid sind da Sven (Nordquist, der Findus und Pettersson und Mamma Muh geschrieben hat, Lieblingsbücher von mir, die ich erst als Lehrerin und Mutter kennengelernt habe), Selma (Lagerlöf, von der ich noch nie etwas gelesen habe, shame on me), Tove (Jansson, Die Mumins, wundervolle Geschichten), Mikael (Engström, dessen Bücher ich nicht kenne, von denen ich aber unbedingt mal eines ausleihen will, drüben in «seiner» Ferienwohnung) und Pija (Lindenbaum, Schriftstellerin und Illustratorin, die ich auch noch entdecken will).
Haus Astrid wurde mir von Noemi und Bruno zugeteilt, als ich für meinen dreiwöchigen Aufenthalt angefragt habe. Ich bin sicher, dass ich mich in jeder Wohnung auf Åboholm wohlfühlen würde, aber dass es Astrid ist, ist schon besonders schön.
Astrid Lindgren gehört zu den Autor*innen, die in mir die Liebe für Geschichten geweckt haben. Die Kinder von Bullerbü, Mio mein Mio, Die Brüder Löwenherz, Pippi Langstrumpf und am meisten Ronja Räubertochter. Ich habe sie alle mehrmals gelesen und jedes Mal wieder neu lieben gelernt.
In der Oberstufe habe ich einmal einen Vortrag über Astrid gehalten. Als Erwachsene habe ich ihr Buch «Die Menschheit hat den Verstand verloren» gelesen, und ihr scharfsichtiger Blick auf die Weltlage rund um den 2. Weltkrieg hat mich sehr beeindruckt. Ebenfalls sehr eindrücklich fand ich «Ich habe auch gelebt – Briefe einer Freundschaft», ein Buch, das den Briefwechsel zwischen Astrid und ihrer Freundin Louise Hartung widergibt.
Astrid Lindgren hat nicht nur geschrieben. Sie hat nachgedacht, gelebt, konnte unbequem sein und war trotz ihrer Scharfsichtigkeit ein Kind ihrer Zeit, weshalb ich es richtig finde, dass ihre Werke zum Teil angepasst und ihrer rassistischen Sprache entledigt werden. Ohne es wissen zu können, glaube ich nämlich, Astrid wäre damit einverstanden. Astrid hat immer auch gearbeitet, war zwischendurch alleinerziehende Mutter, hat für ihr unehelich geborenes Kind gekämpft. Und natürlich hat sie geschrieben. Viel und diszipliniert.
Ich konnte die Frage meines Vaters nicht richtig beantworten. Ich weiss nicht, ob es Astrid ist, die ich spüre. Aber hier in Haus Astrid kann ich kreativ sein, ich kann nachdenken, ich fühle viel, ich kann mich in meine Geschichte vertiefen, es geht mir gut.
Hej, Astrid, bist du das?
Im Mathiswald
Wenn der Fischadler über Åboholm kreist, freue ich mich immer. Aber ein bisschen schaudert es mich auch. Mit seiner Spannweite und dem weissen Bauch erinnert er mich nämlich an die gruseligsten Wesen im Mathiswald (Ronja Räubertochter): Die Wilddruden. Die haben mir damals als Kind buchstäblich schlaflose Nächte bereitet.
«Warst du schon im Wald hinter dem Tor?», fragte Bruno. Wir brauchten eine Weile, bis wir sicher waren, dass wir vom gleichen Tor sprachen, dann sagte ich: «Ich bin durchs Tor gegangen, habe aber keinen Pfad gefunden.» – «Ja, da hat es keinen offensichtlichen Pfad», meinte Noemi. «Aber es ist unser schönster Wald.» – «Der Graugnomen-Wald», raunte Bruno. – «Oh, solange es nicht der Wilddruden-Wald ist», meinte ich schmunzelnd. «Zu den Graugnomen wage ich mich rein!»
Ich war aber noch nicht da. Dafür bin ich eine Rumpelwicht-Höhle gefallen. Erinnerst du dich an die Szene, in der Ronja skiläuft und mit einem Fuss in einer Höhle steckenbleibt? Die Rumpelwichte ärgern sich erst und brauchen dann Ronjas Stiefel, um ihre Babywiege aufzuhängen. Oben wird es gruselig, weil Ronja nicht wegkann und die – ja, genau – Wilddruden kommen. Zum Glück wird Ronja von Birk gerettet!
Ich suchte nach einem Pfad rund um den See. Von Noemi und Bruno wusste ich, dass ein Teil noch nicht ausgebaut ist und man Tierpfaden folgen muss. Versehen mit Wanderstock und Wanderschuhen folgte ich also dem, was ich als Tierpfade identifizierte. Es wurde unglaublich mathiswald-mässig. Moosbewachsene Steine, Birkenlichtungen, Grün in jeder Schattierung, Wald in jeder Dichte. Und dann fand ich keinen Tierpfad mehr. Schlug mich noch ein wenig durchs Unterholz und – wusch – sank mit dem Fuss in eine Höhle.
«Sorry, Rumpelwichte!», rief ich (wirklich). Es war kein Problem, den Fuss wieder rauszuziehen. Es kamen keine Wilddruden, daher musste auch kein Birk kommen, um mich zu retten). Aber ich beschloss, dass es sicherer sei umzukehren und den See dieses Mal halt nicht ganz zu umrunden. Auf dem Rückweg folgte ich einem anderen Tierpfad, geriet in einen Sumpf, zog einen Schuh voll Wasser raus und war gar nicht so unglücklich, als ich wieder auf einem Menschenpfad war.
Liebes Reisetagebuch, Astrids Geist lebt in der ganzen Umgebung von Åboholm und ganz sicher auch in meinem Kopf.


Ich lese dein Tagebuch jeden Tag und ich freue mich. Es ist so natürlich und aus vollem Herzen und spontan geschrieben. Das gefällt mir so gut. Geniesse deine Auszeit mit vollen Zügen. En ganz en liebe Gruess
Verena
Liebe Verena
Wie schön, dass du mitliest! Das freut mich sehr, und auch, dass dir meine spontanen Texte gefallen. Dir auch eine ganz gute Zeit, bis wir uns hoffentlich (endlich!) wieder einmal treffen. Grüessli, Mirjam