Reisetagebuch Tag 14: Entdeckungen

Last Updated on 30. Juni 2026 by Mirjam Wicki

Was bleibt

«I hope you will enjoy the swimming platform», sagte der Wwoofer aus Polen zum Abschied. Die Badeplattform, die er zusammen mit Bruno gebaut hatte, und die ein paar Herausforderung geboten hatte. – «Every day!», bestätigte ich, dass ich seine Arbeit wertschätzen würde, solange ich auf Åboholm war.

Von der amerikanischen Wwooferin, die schon vor längerer Zeit abgereist ist, habe ich auch etwas übernommen: Peanutbutter and Jelly. Ja, ich bestreiche mir als Abschluss des Abendessen fast immer ein Stück Brot oder ein Knäckebrot mit Erdnussbutter und Konfi/Gelee. Klingt süss und fettig? Ist es auch. Und unfassbar lecker.

«Spoony?», fragte die deutsche Wwooferin regelmässig am Ende des Essens. Wer möchte den Löffel aus der Konfi, der Erdnussbutter oder sonst einem Glas abschlecken? Jetzt fragt niemand mehr, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich von jetzt an, wenn ich mir einen solchen Löffel gönne, immer ihre Stimme im Ohr haben werde.

Von unserem Lagerfeuerabend ist mir das Lied Bare Necessities aus dem Film zum Dschungelbuch geblieben. Es passt einfach zu gut zu meinem Alltag auf Åboholm, und ich höre es mir fast jeden Morgen an.

Was sich ändert

In der Gemeinschaftsküche hat sich ein Wechsel ergeben. Vor ihrer Abreise hat fast immer die deutsche Wwooferin das Mittagessen gekocht. Nun stehen Noëmi oder die junge Frau aus der Schweiz, die wir vor fast einer Woche in Motala am Bahnhof abgeholt haben, in der Küche. Auch sie kochen vegetarisch (aber nicht mehr vegan), immer noch hat es  ganz viele frische Zutaten im Essen, und doch schmeckt es ganz anders. Ich schätze die Abwechslung, und noch viel mehr schätze ich es, bekocht zu werden. Mich nicht um Einkaufen und Menüplanung kümmern zu müssen. Einfach hinsitzen und das essen, was auf dem Tisch steht. Dass da immer etwas unfassbar Leckeres steht, macht die Sache natürlich noch besser.

Zur Zeit sind nur Menschen hier, die Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch sprechen. Wir haben gestern also das erste Mal Fun Facts auf Deutsch gespielt, und auch sonst finden alle Gespräche auf Hoch- oder Schweizerdeutsch statt. Eine Tatsache, die sich natürlich jederzeit wieder ändern kann, wenn neue Menschen dazukommen.

Was sich eingespielt hat

Ich stelle keinen Wecker auf Åboholm und wache nicht immer zur gleichen Zeit auf. Gleichgeblieben ist aber meine Morgenroutine mit Frühstück, Morgenseiten, Tee und Schreibsessions. Dass ich seit zwei Wochen täglich an der Geschichte schreibe, führt dazu, dass ich unterdessen null Aufwärmzeit brauche. Ich öffne das Dokument und beginne zu tippen. Daraus ergeben sich mehr Wörter, und es fühlt sich leicht an, obwohl der Inhalt immer mehr an Tiefe gewinnt.

Etwa um 13 Uhr klingelt die Glocke zum Mittagessen. Danach gibt es Kaffee für die, die mögen, und dabei immer auch spannende Gespräche. Siesta auf dem Sofa von Haus Astrid, und dann habe ich meistens Lust auf  Bewegung.

Was ich neu entdeckt habe

Zum Beispiel auf eine E-Bike-Tour an den Fagertärn.

In diesem See haben sich aufgrund einer zufälligen Veränderung die rosaroten Seerosen entwickelt (die unter anderem Claude Monet so gut gefallen haben), als Mutation der weissen Seerose. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurden sie entdeckt, und Botaniker (wahrscheinlich wirklich vor allem männliche) reisten von weither an, nahmen Seerosen mit und liessen sie fast aussterben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die rosa Seerosen unter Schutz gestellt.

Es war eine etwa vierzigminütige Velofahrt durch endlos scheinenden Wald, vorbei an einer Höhle, die tatsächlich Wolfsklamm heisst, wie die Klamm bei Ronja Räubertochter. Beim Fagertärn hat es einen Parkplatz und einen geschlossenen Kiosk (das mit den geschlossenen Infrastrukturen ist ein wenig ein Ding bei meinen Ausflügen). Ich schloss das E-Bike ab und ging zum See.

Und der ist einfach nur zauberhaft! Anders als Vitsand. Verwunschener. Kleiner. Aber auch von Kiefern (und einer Menge anderer Bäume) umgeben. Ein Ort zum ganz tief Durchatmen.

Um den See führt ein drei Kilometer langer Weg, was eigentlich eine gute Spaziergangdistanz gewesen wäre. Leider war ich unsicher, was das Wetter anging: Auf der Seite, aus der ich gekommen war, war strahlend blauer Himmel. Im Süden und Westen türmten sich Wolken, und es ging ein kräftiger Wind. Würde es gleich gewittern? Würde der Wind die Wolken wegwehen? Würde einer dieser kurzen schwedischen Platzregen kommen? Ich hatte keine Ahnung und wagte es nicht, allzu weit vom Velo und dem Kioskgebäude wegzugehen. Also spazierte ich vom Parkplatz aus je etwa zehn Minuten in beide Richtungen und zurück. Ein Weg war breit und gekiest, der andere ein schmaler Pfad durch den Wald (auf dem ich einem Eidechsli und einer Blindschleiche begegnet bin).

Die rosa Seerosen  sah ich leider nicht. Keine Ahnung, ob sie später dran sind als sonst (sie müssten eigentlich ab Midsommar blühen) oder ob sie am anderen Ende des Sees blühen. Natürlich hätte ich sie gern gesehen und mit Fotos geflext, aber der Ausflug zum Fagertärn war auch so wunderbar.

Regen kam übrigens keiner, ein Gewitter schon gar nicht. Ich radelte zurück in die Richtung des strahlend blauen Himmels, brachte den E-Bike-Akku zur Ladestation und beendete meinen Ausflug mit einem Sprung von der Schwimmplattform.

Liebes Reisetagebuch, es könnte sein, dass ich im Lauf der nächsten Woche noch einmal an den Fagertärn radeln werde.

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