Reisetagebuch Tag 15: Tanzen

Last Updated on 1. Juli 2026 by Mirjam Wicki

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Hoppa

An Midsommar habe ich ein Nachbarehepaar von Åboholm kennengelernt (das heisst, sie wohnen irgendwo im Wald hinter den Bäumen, bei den sieben Graugnomen, wahrscheinlich in einem roten Haus). Mit ihnen waren Noëmi und Bruno im Winter an einem Tanzabend in der Nähe von Askersund. Am 30. Juni wäre wieder so ein Abend, und der Nachbar würde sie hinfahren. Ich dürfte mitkommen, wenn ich wollte.

Ein Tanzabend mit Bruno, Noëmi, dem Nachbarn und anderen swedish people, die nicht sofort verschwinden würden? Ich kann zwar nicht tanzen, aber hej, das klang nach Spass.

Bruno und Noëmi konnten im Winter die Tänze auch nicht, hatten sich aber vorgenommen, zumindest den Schottisch zu üben. «Übst du mit?», fragten sie beim Mittagessen. Eine Stunde, bevor der Nachbar uns abholen würde, fingen wir damit an. Der grosse Tisch in der Gemeinschaftsküche war zusammengeklappt, ein Laptop mit einem offenen YouTube-Video drauf, die Stühle waren an den Rand des Raums geschoben.

Wir übten zwei Arten von Schottisch: Einen mit Hüpfer (hoppa!) und einen ohne. Es war unfassbar lustig, und ich fühlte mich am Ende des Trainings unfassbar unvorbereitet, war aber fest entschlossen, den Abend zu geniessen.

Der ältere deutsche Wwoofer kam auch mit, und so quetschten wir uns zu viert (also mit dem Fahrer zu fünft) ins kleine Auto des Nachbarn. Er fuhr mit uns nach Askersund und darüber hinaus, ungefähr eine Dreiviertelstunde Fahrt. Bei einem roten Haus irgendwo im Nirgendwo hielt er an und parkierte. Es waren schon ein paar Autos da, und im Lauf der nächsten Stunde kamen noch mehr dazu. Menschen mit und ohne Instrumentenkoffer, die meisten etwas älter als ich, schwedisch freundlich (so freundlich, dass sie auch noch schwedisch mit mir sprachen, als sie eigentlich wussten, dass ich es nicht verstehe, aber nichts sagen wäre wahrscheinlich unfreundlicher gewesen).

Spela

Irgendwann rief uns der Veranstalter nach drinnen, wo vor einem bunten Vorhang eine Bühne aufgebaut war. Davor standen vier Stuhlreihen für das Publikum. «Offenbar ist es heute ein Konzert, kein Tanzabend», meinte Noëmi schulterzuckend. «Der Nachbar war nicht so kommunikativ, was die Art des Programms betraf.» Wir schmunzelten (es passt einfach zu gut zu dem unglaublich freundlichen, aber halt wirklich nicht so kommunikativen Nachbarn, dass er vergessen hatte zu erklären, dass das Programm heute anders war als im Winter).

Mir war es ganz recht, dass ich meine Nicht-Tanzkünste nicht unter Beweis stellen musste, sondern mir ein Konzert anhören durfte.

Und was für eines!

Als erstes kam eine Frau auf die Bühne. «Eine Elfe!», rutschte es mir raus. Sie war gross, schlank, mit langen weissen Haaren über den ganzen Rücken. Sie spielte eine Art Querflöte aus Holz. Beim ersten Stück spielte sie nicht nur, sondern blies manchmal auch nur hinein. Das gab ein Geräusch, das mir Gänsehaut verursachte. Wie Wind, aber – elfisch?

Begleitet wurde sie von einem Mann, der mal Flöte, mal Cello und mal Säckpipa, einen schwedischen Dudelsack, spielte. Er wirkte auf den ersten Blick sehr introvertiert, aber dann erzählte er zu jedem Stück eine Geschichte und schien das sehr zu geniessen. Ich verstand zwar ein paar Dinge, verpasste aber immer die Pointe, von der es einige gab – ich sah es an seinem verschmitzten Lächeln und hörte es an den leisen Lachern aus dem Publikum.

Der dritte auf der Bühne war der Schwiegersohn des Nachbarn. Er spielte Gitarre. Wie schnell können Finger sich bitte über diese Saiten bewegen?

Es war unglaublich schön, den dreien zuzuhören. Dabei ab und zu aus dem Fenster in die schwedische Landschaft zu schauen. Sich mittragen zu lassen von den Klängen, der Leidenschaft, der Kunst.

In der Pause konnte man sich selber ein Sandwich schmieren und einen Tee machen. Ein Hoch auf die schwedische Unkompliziertheit!

Danach ging es weiter, und nach einer Zugabe und einer ausführlichen Vorstellung des kommenden Programms im roten Kulturhaus im Nirgendwo, machten die meisten Menschen das, what swedish people do: Sie verschwanden.

Jamma

Aber ein paar blieben, und nun kam das, worunter ich mir nichts hatte vorstellen können. Man wollte noch «jamma», also jammen.

Das Trio, das das Konzert gespielt hatte, der Veranstalter und seine Frau und ein paar andere Leute setzten sich in einen Kreis, alle mit einem Instrument. Ich lernte die Schlüsselharfe kennen, von der mir Noëmi vorgeschwärmt hatte, und Flöten mit Formen, die ich noch nie gesehen hatte. Der Nachbar holte eine Geige aus seinem kleinen Auto und setzte sich in den Kreis.

Und dann spielten sie einfach zusammen. Legten eine Tonart und – falls ich es richtig verstand – einen Stil fest und legten los.

Wir sassen in einer Ecke auf roten Polstermöbeln, und ich hätte ewig dort sitzen und den schwedischen Volksmusiker*innen beim Jammen zuhören können.

Doch irgendwann beschloss der Nachbar, dass jetzt genug sei. Er müsse nach Hause, zum Hund seiner Tocher, den er gerade hüte. Er versorgte die Geige, dann kam er auf mich zu. Streckte mir die Hand hin und führte mich durch den Raum. Zeigte mir ein paar Tanzschritte (ganz ohne Hoppa) und ich – müde, ein wenig überwältigt von der Musik und all dem Schönen – tanzte mit ihm zur Musik der Kreisrunde, völlig untalentiert, völlig überfordert und vollkommen glücklich.

Liebes Reisetagebuch, was für ein Abend!

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