Reisetagebuch Tag 16: Astrids Rat

Last Updated on 2. Juli 2026 by Mirjam Wicki

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Sitzen

«Und dann muss ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hinzuschauen.» (Astrid Lindgren)

Zum Beispiel im Graugnomenwald hinter Åboholm. Ich bin durchs richtige Tor gegangen, habe ignoriert, dass es hier keinen sichtbaren Pfad hat (und dass neben dem Tor vor vielen Jahren eine Müllhalde war, die leider nicht vollständig geräumt werden kann) und habe mich zu den Graugnomen gewagt.

Grosse Steine (kleine Felsen?), moosbewachsen. Alte Nadelbäume mit hängenden Ästen und Flechten. Sonnenlicht, das einzelne Flecken beleuchtet, während andere Bereiche im Schatten liegen.

Ich habe mich auf einen Stein gesetzt und einfach nur gelauscht, geschaut und gefühlt (unter anderem Mücken, die es toll fanden, dass ich da so ruhig sass. Nicht jede von ihnen hat es überlebt.)

Ein mystischer, beschützender Ort.

Früher am Tag habe ich einen anderen Ort erkundet, von dem ich bisher nur gehört hatte: Den Biberdamm.

«Ah, ja, ein Damm», dachte ich, als ich darauf zuging. So mit Stöcken und ein paar angenagten Baumstämmen daneben. «Herzig.» Dann kam ich näher und sah, was die Biber tatsächlich gebaut hatten: Einen richtigen kleinen Stausee! Nun war ich anders beeindruckt.

Ich setzte mich auf einen Baumstamm in der Nähe des Dammes. Hier ist der Wald viel lichter, jünger und hellgrüner als bei den Graugnomen, mit mehr Laub- als Nadelbäumen.

Ein leichter, unbeschwerter Ort.

Zwei von unendlich vielen Stellen auf Åboholm, an denen man einfach da sitzen und vor sich hin schauen kann.

Was meine Protagonistin daraus macht

Am Morgen habe ich richtig viel geschrieben. Nicht nur lange, sondern richtig viele Wörter. Der erste Teil des Manuskripts, auf dessen Ende ich die letzten Tage hingeschrieben habe, ist abgeschlossen. Meine Protagonistin hat sich von einigem, was ihr in den letzten Kapiteln wichtig war, verabschieden müssen.

Und sie hat das auf ihre ganz eigenen Art gemacht. Radikaler und selbstbestimmter, als ich es für sie geplant hatte.

In der ursprünglichen Szene sass sie am Ende im Privatflugzeug ihrer Tante und schaute freudig-aufgeregt aus dem Fenster. Im Lauf des letzten Tage merkte ich, dass sie nicht freudig-aufgeregt sein würde, sondern traurig-enttäuscht. Aber davon wollte sie nichts wissen. Sie liess das Privatflugzeug, die Tante und mich links liegen und setzte sich stattdessen in einen Linienbus. Nun schaut sie da aus dem Fenster, überzeugt davon, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Sie weiss auch schon, wie es jetzt weitergeht, und ich schreibe brav mit. Wir freuen uns beide auf das, was jetzt kommt (was immer es sein wird).

Abends auf dem Steg

Nach dem Abendessen habe ich mit meinem Mann telefoniert. Den besten Empfang in Haus Astrid habe ich, wenn ich am Stubenfenster stehe und auf den See hinunter schaue. Ich telefonierte und schaute also, und nachdem wir das Gespräch beendet hatten, fand ich es schade, dass ich hier oben war und nicht unten am See. Also machte ich meinen Abendtee im Thermosbecher (am Abend trinke ich Flädderkulle-Tee – hast du eine Ahnung, was das sein könnte?) und ging zum Badesteg hinunter.

Ich setzte mich auf den Steg, trank Tee und schaute einmal mehr an diesem Tag einfach vor mich hin (und auf die stille Wasserfläche).

Liebes Reisetagebuch, einfach sitzen ist wunderbar.

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