Last Updated on 3. Juli 2026 by Mirjam Wicki
Am Hafen von Askersund
Noëmi und Bruno wollten ihre wöchentliche Entsorgungs-, Loppis-, Baumarkt- und Grosseinkaufstour machen.
«Könnt ihr mich bis Askersund mitnehmen und auf dem Rückweg wieder abholen?», bat ich. Ich hatte das Städtchen ja kurz kennengelernt, als ich mit Noëmi einkaufen war, und es hatte mir sehr gut gefallen. Eine lauschige Strandpromenade, offenbar irgendwo ein Badestrand, ein paar Läden, Cafés, Glacéstände. Ein wunderbarer Ort, um mal wieder einen Nachmittag in der Stadt zu verbringen.
Noëmi und Bruno nahmen mich gern mit, und so wurde ich wieder einmal im Auto durch die unendlichen Wälder rund um Åboholm chauffiert. Ich habe einen ziemlich guten Orientierungssinn, aber ich bin echt nicht sicher, ob ich mich auf dem Weg zwischen Åboholm und Askersund allein nicht verfahren würde. Aber zum Glück habe ich ja meinen Fahrdienst. Bruno liess mich mitten im Städtchen raus, und Noëmi gab mir den Rat, erst den Spaziergang zum Hafen zu machen und nachher die Shoppingtour. Bevor der Regen käme.
Tatsächlich war der Himmel bedeckt, und so nahm ich ihren Rat ernst. Ging zu dem schnuckeligen Hafen und widerstand dem Drang, bei einem der Glacéstände etwas zu kaufen. Erst spazieren.
Vorbei an einem historischen anmutenden Schiff, einigen Hausbooten, der Strandpromenade entlang. Der Wind nahm zu, eine Formation Gänse flog auf mich zu. Alles sehr stürmisch romantisch.
Ich kam zu einem langen Bootssteg, der auf eine Insel führte. Ah, die verboten Brücke. Der Wwoofer aus Polen hatte mir erzählt, dass er nicht sicher gewesen wäre, ob er diese überqueren dürfte. Aber offenbar dürfe man. Also ging ich an vielen Booten vorbei nach Borgmästerholmen. Auf der Insel gab es ein paar Pavillons. Für Feste? Anlässe, zu denen swedish people erscheinen und wieder verschwinden? Es hatte auch einen Badestrand, wo ein schwedischer Vater seinem Kind, das in den Wellen herumschwamm, Anweisungen zurief. Mir stand der Sinn ausnahmsweise nicht nach Schwimmen.
Shopping in Askersund
Es kamen die ersten Regentropfen, und ich beschloss, dass es Zeit wurde für den zweiten Teil meines Besuchs in Askersund: Die Shoppingtour.
Ich brauchte ein neues Notizbuch für meine Morgenseiten, da ich das erste bereits vollgeschrieben habe. Das war eigentlich kein Problem. Es gibt eine Buchhandlung/Papeterie in Askersund (Bok & Papper). Das Problem war, dass sie sehr viele schöne Notizbücher haben, aber die meisten mit liniertem Papier. Ich brauche aber blanko (oder im Notfall das gepünktelte). Das zweite Problem war, dass ich ein wunderschönes Notizbuch fand, blanko Seiten, made in Sweden, aber grösser und schwerer, als ich es mir für die Weiterreise wünschen würde. Habe ich es gekauft? Javisst!
Gleich neben dem Bok och Papper hat es einen Handarbeitsladen. Dort wollte ich Garn kaufen. Ich habe nämlich Häkelsachen mit nach Schweden genommen, weil ich dachte, das wäre ein Projekt, das ich in Haus Astrid eher angehen würde als zu Hause. Ich möchte wirklich gern gern häkeln, nehme mir aber nie die Zeit, es wirklich zu üben. Nun sind ja meine Åboholm-Tage auch mit mehr Aktivität gefüllt, als ich erwartet hätte, weshalb das Häkeln auch hier bis jetzt keine Priorität hatte. Dann habe ich noch festgestellt, dass ich falsches Garn eingepackt habe (zum Glück nicht viel). Und nun war da dieser Laden, der gefühlt von oben bis unten voller Garn war. Nur welches brauchte ich?
«Do you speak english?», fragte ich die Verkäuferin, eine ältere Schwedin. – «Yes!», antwortete sie selbstsicher. Ich zeigte ihr mein Häkchen und erklärte ihr mein Projekt (wobei mir die englischen Worte etwas fehlten – ich meine, was heisst Garn?), und sie antwortete in Sätzen, die mindestens so viele schwedische wie englische Wörter enthielten. Aber das Garn, das sie mir zeigte, schien mir passend, ich kaufte es, und wir freuten uns beide, dass die Verständigung so gut geklappt hatte.
Fika in Askersund
Nach dem Besuch in einem Kunstwerkladen fand ich es an der Zeit, von Shopping zu Fika zu wechseln. Ganz zufällig sah ich ein Schild, das ein Café anpries, ging in diese Richtung und fand ein superherziges Café, das zu einem Bed & Breakfast gehört. Kaffee und Zimtschnecke? Nein! Tee und – keine Ahnung, wie es heisst. Haselnuss-Meringue, gefüllt mit Rahm und Himbeeren. Es sah so lecker aus, dass ich nicht widerstehen konnte (wollte). Das Stück war viel zu gross. Ich schaffte es fast nicht, es aufzuessen. Aber es war himmlisch gut!
Ich wusste, dass ich etwa um neunzehn Uhr abgeholt würde. Das Café schloss um 18 Uhr, wie auch alle anderen Cafés und Läden in Askersund. Geöffnet waren noch der ICA, wo ich ein wenig Essen kaufen wollte, und Restaurants. Aber ich mit meinem vollen Meringue-Rahm-Himbeer-Bauch hatte gar keine Lust auf Restaurant.
Regen in Askersund
Ich könnte mir noch die Kirche auf der anderen Seite des Hafens anschauen, dachte ich, weil es gerade kaum regnete. Diese liegt auf der anderen Seite der Brücke. Und kaum war ich da, fing es wie aus Kübeln zu giessen an. Die Kirche war verschlossen, es schiffte, ich war kurz ratlos.
Aber es half ja nichts. Im strömenden Regen ging ich zurück über die Brücke und direkt in den ICA, wo ich mir viel Zeit liess für meinen kleinen Einkauf. Diese schwedischen Regen sind ja oft wie die Leute: Sie verschwinden so schnell, wie sie auftauchen.
Aber dieser nicht. Der war gekommen, um zu bleiben. Ich fand einen gedeckten Unterstand am Hafen, stellte meine Einkäufe ab, nahm die Sitzunterlage und das E-Book aus dem Rucksack und vertrieb mir die letzte Stunde in Askersund mit lesen und dem Regen lauschen, der auf meinen Unterstand prasselte.
«Du schaust ein bisschen aus wie ein überreiztes Kind», stellte Noëmi beim Abendessen fest. «Hat dich die Grossstadt gefordert?» – «Grossstadt? Ich will nächste Woche noch nach Stockholm!», meinte ich lachend. Aber sie hat schon recht: Nach all der Stille auf Åboholm und der übersichtlichen Menge an Kontakten, war der Tag in Askersund ein Kontrastprogramm. Aber ein gutes!
Liebes Reisetagebuch, ab jetzt wird auch noch gehäkelt.


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