Last Updated on 4. Juli 2026 by Mirjam Wicki
Das Rauschen am Morgen
Der starke Regen war gestern früher gekommen als angekündigt. Es bestand also die allgemeine Hoffnung, dass er auch früher aufhören würde als angekündigt. Als ich aufwachte, hörte ich den Regen rauschen. Dann lese ich eben noch ein wenig im Bett, dachte ich. Als ich eine Stunde später doch aufstand, regnete es immer noch. Ich ging aus dem Schlafzimmer – und stutzte. Da draussen trommelte der Regen nicht aufs Dach.
Wie lange wohne ich jetzt schon in Haus Astrid? Mehr als zwei Wochen, aber ich habe immer noch nicht abgespeichert, dass das Rauschen vor dem Schlafzimmerfenster der Wasserfall des Stausees ist und kein Regen!
Es goss also nicht aus Strömen, als ich aufstand. Der Regen war aber auch nicht vorbei. Er kam und ging, mal stärker, mal schwächer.
Ich vertiefte mich in mein Manuskript, mein Buch und meine Häkelarbeit. Letzteres war tricky. Ich will nämlich wirklich verstehen, was ich mache, und bei einem Problem nicht gleich eine erfahrene Häklerin fragen (wie ich das zu Hause und letzthin im Kreativ-Input gemacht habe). Es hat erfahrene Häklerinnen auf Åboholm. Noëmi kann Tierchen häkeln, und die beiden deutschen Wwooferinnen machen Granny Squares, wie ich.
Ich hätte also easy meine Anleitung zum Mittagessen mitnehmen und mich coachen lassen können. Das habe ich aber eben nicht gemacht. Ich erzählte zwar ein wenig von meinen Problemen (wie häkelt man 11 Stäbchen in 4 Luftmaschen???), ging dann aber zurück und machte try and error, bis ich verstand, dass ich die Stäbchen gar nicht in die Maschen häkeln muss, sondern in den Ring, den die 4 Luftmaschen bilden. Gar nicht so deep, eigentlich.
Als nächstes kommen Büschelmaschen. Help! Also hilf dir selbst.
Die Seeumrundung
Im Lauf des Nachmittags regnete es immer weniger. Ich wurde unruhig, hatte genug von Indoor-Aktivitäten (ich hatte sogar schon ein wenig Badezimmer geputzt). Also war es Zeit für einen Punkt auf meiner Das-will-ich-noch-machen-solange-ich-hier-bin-Liste. Dieses Mal wollte ich die Seeumrundung von der anderen Seite her angehen, in der Hoffnung, so immer einen Tierpfad oder etwas ähnliches erkennen zu können.
Ich rüstete mich mit Wanderhose und -schuhen aus und ging los. Runter zum Badesteg, daran vorbei, zu dem Tor, das man laut Bruno öffnen kann, ich aber nicht verstanden habe wie. Ich balancierte dann einfach aussen am Zaun herum, so halb im See.
Wie versprochen ist der Weg erst noch ausgebaut. Es war richtig cool, auf der anderen Seite zu sein und über den See zu Astrid und nach einer Weile auf ganz Åboholm zu schauen. Es waren Pfade da, es gab Heidelbeeren, es brauchte schon Konzentration, war aber okay. Dieses Mal würde ich es schaffen!
Und das tat ich wirklich. Mit einem Abstecher ganz an den See zu einem Stein, auf dem man vor sich hin schauen und nichts tun kann. Mit einem Stock in der Hand, um auszuloten, wie hoch die Stauden waren, zwischen denen ich mir einen Pfad vorstellte, und um allfällige Rumpelwicht-Höhlen rechtzeitig zu erkennen. Irgendwann war ich dort, wo ich letztes Mal umgekehrt hatte, und wusste: Von da an kann ich es!
Der Regen hielt sich vornehm zurück, bis ich kurz vor Åboholm war. Dann legte er wieder los.
Ich kam zurück zu Astrid, mit nassen Hosen von all den nassen Stauden, die ich passiert hatte, nassen Schuhen und Socken, und mit dem guten Gefühl, dem Regentag nebst den Häkelstäbchen noch einen Erfolg abgerungen zu haben.
Die Store
Der dritte Erfolg des Tages geht an Bruno. Er hat das Rollo in meinem Schlafzimmer geflickt, das nicht mehr oben bleiben wollte, sondern im Lauf des Tages immer von selbst nach unten rutschte. Jetzt passt das wieder.
Liebes Reisetagebuch, vielleicht lerne ich ja noch, dass das Rauschen vor dem Rollo meistens nicht vom Regen kommt.

