Last Updated on 5. Juli 2026 by Mirjam Wicki
Der Plan
Der Samstag würde auf Åboholm ein freier Tag sein. Alle wollten einen Ausflug machen (ausser die eine Wwooferin, die mehr Lust hatte, im Garten zu arbeiten, als frei zu nehmen). Noëmi hatte Brot gebacken, damit wir alle ein Picknick mitnehmen könnten. Die Pläne waren Kajak- und Kanutouren, eine Velofahrt und – in meinem Fall – eine Wanderung im Tiveden Nationalpark mit Startpunkt Vitsand. Noch ein Punkt auf meiner Das-will-ich-noch-machen-solange-ich-hier-bin-Liste.
Am Freitagabend ging ich also mit meinem Brot und dem geladenen E-Bike-Akku von der Gemeinschaftsküche zurück zu Astrid. Am Samstagmorgen machte ich das Picknick bereit, studierte die Wanderkarte des Nationalparks und packte meinen Rucksack.
Pünktlich zur geplanten Zeit ging ich zum Fahrradschuppen, setzte den Akku ins E-Bike und fuhr los. Dünkte es mich nur, oder ging es strenger als sonst die erste Anhöhe hinauf? Nach wenigen Metern war mir klar: Etwas stimmte nicht.
Ich stieg vom E-Bike und kontrollierte die Luft des Hinterreifens. Definitiv zu wenig! O nein, und ich hatte am Abend noch gesagt, es müsse nicht gepumpt werden. Dann halt zurück und die Pumpe suchen. Oder Noëmi und Bruno an ihrem freien Tag stören?
Der Platten
Als ich das E-Bike vor dem Gewächshaus abstellte und der Garten-Wwooferin den Reifen zeigte, war mir eigentlich schon klar, dass da auch Pumpen nicht mehr helfen würde. Es hatte noch weniger Luft drin als zuvor.
Ich versuchte es trotzdem: Schrieb Noëmi ein Whatsapp und fragte, wo die Pumpe sei. Fand sie schneller, als sie – die bereits mit dem Kanu unterwegs war – antworten konnte (sie antwortete trotzdem, immer die super Gastgeberin, auch an ihrem freien Tag). Versuchte zu pumpen und stellte zusammen mit den deutschen Wwooferinnen, die sich gerade für ihre Kajaktour bereitmachten, fest, dass es nichts nützte. Liess mir von ihnen bestätigen, dass der Velofahr-Wwoofer, der mir bestimmt mit viel Know-how hätte zur Seite stehen können, bereits unterwegs war. Rief meinen Sohn an, um mich coachen zu lassen, ob und wie ich den Kompressor nutzen könnte. Doch während ich ihm den Reifen zeigte, gestand ich mir ein, dass es keinen Sinn machte, da Luft reinzupressen.
Es würde keine E-Bike-Tour nach Vitsand geben.
Tivedstorp
Eine Weile lang konnte und wollte ich es nicht glauben. Der Plan war so schön gewesen, ich hatte mich so auf das Wandern im Nationalpark gefreut, der Rucksack war mit so tollem Picknick gepackt – und jetzt sollte ich hier bleiben?
Dann fiel mir ein, dass ich Åboholm wunderschön finde und es eine Menge lauschiger Picknickplätze bietet. Und mir fiel ein, dass es hier noch andere Fahrräder gibt, z.B. das kleine blaue Mountainbike. Könnte ich vielleicht damit fahren?
Man muss wissen: Ich liebe E-Bike-Fahren. Und ich mag Velofahren überhaupt nicht.
Trotzdem holte ich das blaue Fahrrad aus dem Schuppen und fuhr einmal die Anhöhe hinauf. War zwar nicht sonderlich bequem (unangenehmer Sattel, komische Körperhaltung, ein unbequemer Lenker), aber es ging. Also warum nicht? Warum nicht ein Ausflug auf einem Velo ohne Akku? Muss ja nicht immer alles perfekt sein.
Ich könnte zur Bäckerei im Wald fahren und einmal mehr schauen, ob sie geöffnet hat. Oder der Autostrasse entlang nach Sannerud? Oder doch gleich die gut zehn Kilometer nach Vitsand? Und zurück?
Ich fuhr ohne festen Plan los. Es ging prima, hinauf und hinunter, und ich bog von der Autostrasse Richtung Tiveden Nationalpark ab. 5 km bis zum Feriendorf Tivedstorp, wo es ein Café hat. 10 km bis Vitsand. Mal schauen.
Dann fingen meine Handgelenke an zu schmerzen. Ich versuchte, sie zu entlasten, aber das war schwierig. Der Sattel war wirklich unbequem. Was mich hingegen erstaunte: Besonders anstrengend fand ich es nicht. Habe ich am Ende vor lauter E-Bike-Fahren noch verlernt, das Velofahren blöd zu finden?
Ich erreichte Tivedstorp ohne grosse Anstrengung, aber mit schmerzenden Händen. Sollte ich es wagen? Weiterfahren bis Vitsand, wie geplant wandern, und irgendwie käme ich sicher wieder nach Hause mit meinem unbequemen, blauen Fahrrad.
Berglagsleden
Es war ein Vernunftsentscheid, ein wenig wehmütig, aber überzeugt getroffen: Ich fahre nicht weiter. Ich stelle das Velo hier ab und hoffe, dass jemand an unvorbereitete Touristinnen gedacht und eine Infotafel aufgestellt hat.
Es gab sogar mehrere Informationstafeln am Eingang von Tivedstorp. Für Velotouren, für Wanderungen, nur leider war für mich auf keiner von ihnen wirklich ersichtlich, wie hübsch die Wege sein würden.
Die nächste Entscheidung fiel rein aus dem Bauch heraus: Ich würde erst einmal dem Bergslagsleden folgen. Der ging bis zum Nationalpark und darüber hinaus. Und es stellte sich heraus, dass er sehr gut markiert war.
Er führte mich erst über Wiesen, dann auf einen breiten Waldweg und schliesslich mitten in den Wald hinein, auf einem gut sichtbaren, immer wieder mit orangen Zeichen markierten Weg. Als als ich dann an einen See kam, einen perfekten Zmittagstein fand und mein feines Picknick ass, war ich rundum versöhnt mit der Änderung meines Wanderplans.
Es wurde noch viel lauschiger. Der Weg führte an Graugnomensteinen vorbei, durch Heidelbeeren, Birkenwälder, Nadelgehölz. Und alle zwanzig Meter ein oranges Zeichen an einem Baum. Keine Chance, sich zu verlaufen. Ich checkte jeden Baumstrunk und jeden grossen Stein, ob er nicht vielleicht doch Ohren oder gar ein Geweih hätte und ein Elch wäre, aber sie blieben leblos.
Nach etwa einer Stunde kam ich an einen weiteren See. Da stand ein Wohnmobil. Ah, Allemansrätten, dachte ich, das schwedische Jedermannsrecht. Dann sah ich ein Zelt, zwei weitere WoMo’s und schaute kurz auf Maps nach: Ich war bei einem Campinplatz gelandet. Maps konnte mir aber nicht sicher sagen, ob es einen anderen schönen Weg zurück nach Tivedstorp gab, und Infotafel fand ich auch keine. Also entschied ich mich dafür, einfach den gleichen schönen Weg zurückzuwandern.
Im Nachhinein fand ich heraus, dass ich mich bei dem Campingplatz genau an der Grenze zum Nationalpark befunden habe. Wenn ich mir dessen bewusst gewesen wäre, wäre ich sicher noch etwas weiter dem Bergslagsleden gefolgt. Aber so wanderte ich einfach die gute Stunde zurück durch diesen unglaublich schönen Wald. Dachte zwischendurch an den Nationalpark und daran, ob es ein noch schöneres Wandererlebnis wäre, wenn ich von Vitsand aus hätte losgehen können. Aber das bringt ja nichts, oder? Es war wunderschön, und das reichte mir.
Von Tivedstorp nach Åboholm
Als krönenden Abschluss der Wanderung setzte ich mich vor die Kaffestuga in Tivedstorp, ass einen wunderbaren Heidelbeer-Crumblekuchen («Would you like some vanilla custard with your cake?» – «Uh, I would love that!») und trank ein alkoholfreies Mariestad-Bier.
Und dann schwang ich mich auf mein blaues Fahrrad und radelte in den Sonnenuntergang.
Nein, so war es nicht.
Dann setzte ich mich auf das Fahrrad und fand es noch viel unbequemer als bei der Hinfahrt. Wusste nach einer Weile gar nicht mehr, wie ich auf diesem Sattel sitzen und wie ich die Handgelenke entlasten sollte. Nahm für den letzten Teil der Strecke bewusst den Waldweg statt die Autostrasse und schob das Fahrrad. Was war ich froh, dass ich im vorwanderlichen Leichtsinn nicht bis nach Vitsand gefahren war und nun nicht noch fünf Kilometer länger zurückfahren musste!
Beim Abendessen erzählten wir alle von unseren Ausflügen. «Der Berglagsleden ist ein Fernwanderweg», erklärte Bruno. «Der beginnt oben in Kiruna und führt fast durch ganz Schweden.» Ich habe dann noch weiter recherchiert: Der Berglagsleden ist Teil eines Fernwandernetzwerks, das von Sizilien bis nach Nordschweden führt. Also falls du mal richtig weit wandern möchtest – go for Berglagsleden und Co!
Am Abend fragte mein Sohn nach, was denn nun aus dem platten Veloreifen geworden wäre. Ich erzählte ihm von meinem Tag, und er meinte: «Do hesch emu s Beschte druus gmacht.» Finde ich auch!
Liebes Reisetagebuch, hier ist die Wanderin, die es immerhin bis an die Grenze des Nationalparks geschafft hat.

