Last Updated on 7. Juli 2026 by Mirjam Wicki
Der letzte Abend
Wenn eine Wwooferin/ein Wwoofer Åboholm verlässt, darf er oder sie am Vorabend ein Programm wünschen.
«Was wünscht du dir für deinen letzten Abend?», schloss Noëmi mich in diese Tradition mit ein.
Ich wünschte mir einen Abend am Feuer. Ich habe unseren Åboholm-Midsommar-Abend in schönster Erinnerung und sowieso: Feuer geht immer!
Also machten wir ab, dass es am Dienstag einen Feuerabend mit Schlangenbrot, Kräuterbutter, Zimtbutter, Salat und vielleicht einem kleinen Gitarrenkonzert geben würde.
Jetzt wäre Åboholm nicht Åboholm, wenn alles nach Plan laufen würde (Bruno würde jetzt wohl fragen: «Was für ein Plan?»). Für Dienstagabend ist Regen angesagt, der Montag hingegen sollte schön sein. Dazu kam, dass Noëmi und Bruno am Dienstagabend an einer Onlineveranstaltung ihres Verband teilnehmen wollen.
«Mirjam, wir feiern deinen letzten Abend schon am Montag!»
«Wunderbar! Wenn ich trotzdem bis am Mittwoch bleiben darf …» Das wurde mir natürlich gewährt.
Kyrkstigen, der Kirchenpfad
Aber erst wollte ich den sonnigen Montag für eine weitere Wanderung nutzen. Noëmi hatte den E-Bike-Pneu zwar geflickt, aber er verlor weiterhin Luft. Kein Vitsand also für mich.
«Du könntest auf dem Kirchenpfad nach Sannerud wandern, das sind etwa zwei Stunden», schlugen meine Hosts vor und erklärten, wo ich den Einstieg finden würde. Einfach hinter Haus Tove auf einen der Pfade, die ich schon kannte, dem Waldweg entlang, bis er endet, und dann in den Wald hinein, den blauen Markierungen nach. Wunderbar, Markierungen entlanglaufen hatte ich ja auf dem Bergslegsleden geübt. «Wenn du angekommen bist, meldest du dich, dann holen wir dich mit dem Auto ab.»
Kirchenpfade gibt es offenbar von allen schwedischen Anwesen/kleinen Dörfern aus. Auf einer Infotafel in Tivedstorp habe ich gelesen, dass die Leute früher mindestens einmal monatlich die Kirche besuchen mussten. Die Kirchenpfade mussten also immer instand gehalten werden. Auch sollten sie so breit sein, dass man mit Pferd und Wagen durchkommen konnte (Spoiler: Das Minipferdchen, das dem Pfad von Åboholm bis Sannerud folgen kann, möchte ich ja mal sehen!).
Auf der Website von Tiveden steht zur Wanderung von Åboholm nach Sannerud: In a few short kilometres you get a real feeling of the wilderness and a real Tived feeling. Tiveden-Nationalpark-Feeling, ohne im Nationalpark zu sein – wenn das nicht voll mein Ding ist!
Noëmi hatte mich vorgewarnt, dass es etwas schwieriger ist als üblich, den Einstieg zum Pfad mit den blauen Markierungen zu finden, weil Sveaskog, die nationalen Waldarbeiter, gerade am Bäume fällen sind. Ich suchte dann tatsächlich eine Weile und war auch etwas unsicher, wie nahe ich der Riesenmaschine kommen sollte, die im Wald herum röhrte. Aber schliesslich war ich sicher auf dem Pfad unterwegs.
Es war ein anderes Wandern als auf dem Bergslegsleden. Erstens ist es schwieriger, blaue Markierungen zu sehen als rote, und zweitens waren sie weniger grosszügig verteilt. Und drittens war ich am Samstag einfach ziemlich direkt nach Süden gewandert. Der Kirchenpfad aber geht gefühlt in alle Himmelsrichtungen. Ich war mehrmals unsicher, kehrte einmal sogar um, fand aber immer wieder die richtigen Markierungen oder sogar Wegweiser, die Richtung Åboholm oder Tived (anderer Name für Sannerud, das hatte ich zum Glück mal irgendwo gelesen) zeigten.
A real feeling of wilderness. Oh, ja. Ich begegnete auf der ganzen Wanderung keinem einzigen Menschen (und keinem einzigen Elch!). Die Landschaft war unglaublich abwechslungsreich (ja, viel Wald, aber Wald kann so unterschiedlich sein), und als ich an einen See kam, machte ich glücklich eine Pause und ass mein Zvieri.
Am Ende bin ich doch noch falsch abgebogen, fast etwas absichtlich. Die Autostrasse, die zwischen dem Wald und Sannerud verlief, war hörbar auf meiner rechten Seite. Der Holzwegweiser, auf dem Kyrkstigen stand, zeigte aber nach links. «Vielleicht wollen die einem auf einem lauschigen Weg zu ihrer Kirche führen», dachte ich zehn Minuten lang, bis ich einsah, dass ich mich in die völlig falsche Richtung bewegte und der Weg keine Anstalten machte, irgendwann die Richtung zu wechseln. Also rechtsumkehrt, zum Wegweiser zurück, über die Autostrasse, und fünf Minuten später stand ich vor der Kirche und schrieb Noëmi, ich sei abholbereit.
Zum Glück habe ich diese Wanderung noch gemacht. Sie war ein bisschen wie eine Zusammenfassung von allen meinen bisherigen Spaziergänge und Wanderungen rund um Åboholm.
Lagerfeuer
Während ich wandern war, war die Wwoofer-Familie angekommen, auf die wir gewartet hatten. Sie sind mit dem Wohnmobil aus der Slowakei bis nach Åboholm gefahren, Eltern, zwei Teenies und ein Hund, und ihre Ankunft hatte sich aus verschiedenen Gründen verzögert. Nun waren sie da und natürlich auch an den Feuerabend eingeladen. Und auch die Gäste aus Tove, eine Familie mit einem Vorschulkind, hatten die Einladung angenommen.
Mein letzter Abend war also gleichzeitig ein erster Abend, ein Zusammentreffen von allen Menschen, die gerade auf Åboholm sind, und ein buntes Miteinander aus verschiedenen Sprachen und Gesprächen. Ein grosses Feuer, feines Essen, ein lauer, heller schwedischer Sommerabend. Die Schweizer Wwooferin beschloss, kein Gitarrenkonzert, sondern heisse Schokolade für alle zu machen, und dann gab es noch eine letzte Planänderung für diesen Abend: Weil die Knotts, die Kriebelmücken, diese kleinen Plagegeister, genau dann aus ihren Büschen kamen, als der Kakao fertig war, räumten wir den Platz um die Feuerstelle und tranken den Kakao in der Gemeinschaftsküche.
Dann wünschte man sich eine gute Nacht, und alle trugen ihre Gartenstühle zurück zu ihren Wohnungen und Häusern. Ich liess den Abend auf dem Steg am See ausklingen. Schaute auf die glatte Wasseroberfläche, die sich spiegelnden Tannen und den orange gefärbten Himmel. Hörte den Urschreien des Kranichs zu. Und speicherte das alles noch einmal ganz fest in meinem Herz und meinem Körper ab.
Mein letzter Abend. Auch so eine wundervolle Zusammenfassung des Lebens auf Åboholm.
Liebes Reisetagebuch, das Beste ist: Nach dem letzten Abend kommt noch ein Tag.


So schnell gehen 3 Wochen vorbei!
Liebe Mirjam,
es war so schön, dich in dieser Zeit zu begleiten, danke, dass du all deine Gedanken, Erlebnisse und Abenteuer hier teilst. Ich habe tolle, neue Wörter kennengelernt, bin mit dir auf Wanderung gegangen und habe die Sonne genossen, während du baden warst. (Ich traue mich nicht ins Wasser, es könnte da unten alles mögliche lauern ^_^°)
Ich wünsche dir einen zweiten letzten Abend und komm gut wieder nach Hause.
Herzliche Grüsse
Theres
Liebe Theres
Wie schön, dass du dabei bist beim Reisetagebuch. Du hast natürlich recht, dass da im See alles mögliche lauern kann, und ganz selten einmal hat mich der Gedanke gestreift. Aber Åboholm war so gut zu mir, dass ich auch den Wesen im See voll vertraut habe 🙂
Herzlich, Mirjam
P.S. Ich habe gerade verstanden, dass du nicht «Malt» zum Nachnamen heisst, sondern dass dein Name auf Instagram sagt, was du machst. Ups …