Last Updated on 8. Juli 2026 by Mirjam Wicki
Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.
Die Zeitrechnung
«Dein Aufenthalt in Åboholm dauert nicht länger, wenn du das Reisetagebuch zweimal mit Tag 20 datierst», warnte mich mein Vater am Telefon.
Das leuchtet mir natürlich ein (und ich habe es mittlerweile auch korrigiert), aber ich finde es schon noch bemerkenswert, dass mich am Ende nicht einmal mein sorgfältig durchnummeriertes Tagebuch davon abhalten konnte, die Übersicht über meine Zeit in Åboholm zu verlieren.
Der letzte ganze Tag
Trotzdem war ich mir natürlich bewusst, dass der Dienstag mein letzter Tag war. Ein Tag, an dem es immer wieder regnen sollte. Das heisst ein Tag, um Astrid noch einmal so richtig zu geniessen. Kaffee zubereiten mit der French Press. Auf dem Sofa liegen, lesen und den Blick immer wieder Richtung See gleiten zu lassen. Einen grossen Krug Tee machen. Am Schreibtisch in der Stube und am Küchentisch schreiben. Die Regenpausen nutzen, um tatsächlich noch einen neuen Pfad zu entdecken und lieb gewonnene Orte noch einmal zu besuchen.
Eierschwämmli
Rund um Åboholm wachsen Pfifferlinge/Eierschwämmli. Bruno und Noëmi haben mich mehrmals darauf hingewiesen, immer mit der freundlichen Aufforderung, doch gern welche mitzubringen. Nun bin ich keine Pilzlerin, aber ich fing tatsächlich an, einen Papiersack mitzunehmen auf meine Spaziergänge. Am Wochenende hatte die Schweizer Wwooferin nämlich Eierschwämmli gepflückt, wir hatten sie in einem Gemeinschaftsevent geputzt und gerüstet und am nächsten Tag in einer feinen Sauce gegessen. Ich hätte gern dazu beigetragen, dies zu wiederholen. Und offenbar musste man die Pilze nicht einmal suchen, sondern einfach nur pflücken.
Ich startete also einen letzten Versuch. Ging mit dem Papiersack den Waldweg am See entlang, über die Autostrasse und in den Eierschwämmli-Wald. Spazierte, liess meine Gedanken schweifen und erinnerte mich immer mal wieder selbst daran, dass ich ja Pilze suchen wollte. Fand gerade keine und vergass es wieder. Fand dafür blaue Markierungen und folgte ihnen eine Weile. Pilze! Nein, hier hatte es auch keine. Also dachte ich wieder andere Dinge.
Nun, ich kam (einmal mehr) ohne Pilze zurück nach Åboholm.
Der letzte letzte Abend
Mein wirklich letzter Abend auf Åboholm brachte noch einmal etwas Neues: Immer am ersten Dienstag im Monat (ausser im August, also nächsten Monat) organisiert der Verband Neurodiversität einen Online-Vortrag. Heute sprach Corina Elfe zum Thema Warum fallen immer mehr neurodivergente Kinder durchs Raster? Noëmi und Bruno installierten in der Gemeinschaftsküche einen Laptop und eine Bluetooth-Box, und wer wollte, konnte am Vortrag teilnehmen. Fast alle wollten, und so wurde der Abend nach meinem letzten Abend noch einmal sehr gemeinschaftlich.
Und dann ging ich zum letzten Mal in der Abendstimmung zum Steg hinunter. Dort traf ich die eine deutsche Wwooferin und zeigte ihr den Biberdamm (an dem ich eigentlich am Nachmittag das letzte Mal gewesen war, aber so genau nehmen wir es hier ja nicht mit den letzten Malen). Als ich zum Steg zurückkam, sass eine andere Wwooferin da. Mein Lieblingsplatz ist verständlicherweise nicht nur meiner. Ich suchte mir einen Stein, auf dem ich noch nie gesessen bin, und genoss den abendlichen See von einer neuen Perspektive aus.
Dann ging ich zurück zu Astrid, zu unserem letzten Abend. Habe ich ein bisschen geweint? Nur ganz kurz. Vor allem aber habe ich es ganz fest genossen, immer noch hier zu sein.
(Update: Während ich das schreibe, bin ich nicht mehr bei Astrid, sondern sitze im Zug von Hallsberg nach Stockholm. Im Regiozug statt im Schnellzug, den ich eigentlich reserviert habe, aber das ist eine Geschichte für den nächsten Tagebucheintrag.)
Das Manuskript
Astrid und Åboholm haben mein Manuskript beeinflusst. Meine Protagonistin ist nicht dem logischen Lauf der Dinge gefolgt, sondern hat sich in ein abgelegenes Haus zurückgezogen. Hier ist ein Ausschnitt aus der aktuellen Rohfassung, der ganz viel Astrid-Vibes enthält:
Irgendwann bin ich offenbar doch eingeschlafen. Ich wache von Vogelgezwitscher und leise fallendem Regen auf. Oh, glorious landlife! Der Blick aufs Handy zeigt mir, dass acht Uhr morgens ist. Eine vernünftige Zeit, um aufzustehen. Und eine vernünftige Zeit, um alle Nachrichten weiterhin zu ignorieren. Meine Tante hat sich nicht gemeldet, alles andere ist nicht prioritär. Ich weiss, dass ich sie nicht mehr lange ignorieren kann: meine Eltern, Elin, Ashley, Marit. Aber auch die Leute von der Uni, die auf irgendein Zeichen von mir warten, nachdem sie die Videos und Memes gesehen haben.
Aber es ist so einfach hier im Häuschen, nicht aufs Handy zu schauen. Sondern aufzustehen, in Jogginghosen und einen Kaschmirpulli zu schlüpfen und im Vorratsschrank nach Kaffee zu suchen. Leider finde ich keinen, dafür eine Schachtel mit Schwarztee. Ich rieche misstrauisch daran und schüttle einen Teebeutel. Es fliegen keine Motten auf, wenn ich Glück habe, ist der Tee noch geniessbar.
In einer Küchenschublade finde ich Block und Bleistift.
Kaffee, schreibe ich als erstes auf meine Einkaufsliste. Dann suche ich durch die Schränke auf der Suche nach einer Zubereitungsmethode. Zu meiner Enttäuschung steht nämlich keine Kaffeemaschine hier, nicht mal eine einfache Kapselmaschine. Schliesslich finde ich eine French Press. Damit werde ich erst einmal klarkommen.
Ich ergänze das Wort auf der Einkaufliste: Kaffeepulver.
Dann bereite ich mir aus den Haferflocken, der Hafermilch und den Äpfeln einen Porridge. Ich löffle ihn am grossen Esstisch in der Stube, mit Blick auf den Garten. Es regnet nicht mehr, aber der Nebel hängt tief in den Bäumen des nahen Waldes.
Ich suche in meinem Innern nach Spuren der Trauer von gestern Nacht, kann aber nichts finden. Stattdessen ist da ganz viel Zufriedenheit über die Ruhe, die ich mir mit meiner Entscheidung geschenkt habe.
Liebes Reisetagebuch, Häuschen in der Natur sind wunderbar.

