Reisetagebuch Tag 23: Weiterziehen

Last Updated on 9. Juli 2026 by Mirjam Wicki

Tschüss Astrid, tschüss Åboholm

Zwischen Routine und Alles-ist-heute-anders. Zwischen Dankbarkeit, Abschiedsschmerz und Vorfreude auf die Weiterreise. Ich habe alles zugelassen in den letzten Stunden in Haus Astrid. Bewusst den letzten Frenchpress-Kaffee zubereitet. Die Küche aufgeräumt, alles Geschirr in die Schränke gestellt, die Vorratsdosen geleert. Meine Sachen zusammengesucht und zurück in Koffer und Rucksack gepackt. Das Aussichts- und Lüftifenster in der Stube zum letzten Mal geschlossen (und dann noch einmal geöffnet, um den Vögeln ein paar Brösmeli rauszuwerfen).

Dann war alles erledigt. In einer Viertelstunde würden Noëmi und ich losfahren nach Hallsberg. Ich stellte mein Gepäck auf die Veranda und schloss die Haustür zum letzten Mal.

Ich habe Astrid verlassen, wie ich angekommen bin. Weinend und voller widersprüchlicher Gefühle.

Meine Füsse trugen mich nicht zur Gemeinschaftsküche und den Werkstattschuppen, sondern hinunter zum See. Ich legte mich auf den Steg (gut darauf achtend, dass das Handy sicher war und nicht im letzten Moment noch versenkt würde – die Story gäbe zwar eine gute Romanszene, aber kein schönes Kapitel im Reisetagebuch) und tauchte die Hände ins Wasser.

Zum letzten Mal den See spüren.

Ich stand auf und nahm den Weg, der direkt zum Hauptgebäude führte, wo ich Bruno am Arbeiten wusste. Meine Tränen waren versiegt, unten am See geblieben. Ich verabschiedete mich von Bruno und den Wwooferinnen mit Umarmungen und vielen wertschätzenden Worten.

Dann fuhren mich Noëmi und der rote Volvo von Åboholm weg.

Die Reise nach Stockholm

In Hallsberg verabschiedete ich mich auch von Noëmi. Bedankte mich noch einmal für mein Sonderpackage und bekam das Angebot, dass es jederzeit für mich offenstehen würde.

In der Ankunftshalle wurde angezeigt, dass mein Zug eine halbe Stunde Verspätung hatte. Das hätte mich nicht weiter beunruhigt, aber meine Tochter war am Abend zuvor von Malmö nach Stockholm gefahren, in einem Zug, der am Ende fünf Stunden Verspätung hatte. Was war los mit der Schwedischen Bahn?

Nichts Besonderes, erklärte mir eine erboste Frau auf dem Perron. Das sei IMMER so! Zugfahren in Schweden sei schlimmer als in Indien, sie sei dort gewesen. Immer sei etwas kaputt. Während sie schimpfte, fuhr ein Zug ein, der Stockholm angeschrieben war. Die halbe Stunde war um. «Hier!» sagte ich und lief zum Zug. Sie folgte mir nicht. Gut, er war auf dem Gleis gegenüber von dem, auf dem er ankommen sollte, aber dort war eben erst noch derjenige nach Göteborg gestanden. Ich fragte mehrere Menschen, die mir alle bestätigten, dass das der Zug nach Stockholm war. Zu schade, dass die Frau ihn vor lauter Schimpfen verpasst hatte.

Das falsche Gleis, nur drei Wagen, obwohl meine Reservation im Wagen 5 war – es hätte mir komisch vorkommen können. Die Zugbegleiterin erklärte mir dann nach etwa der halben Strecke, dass ich im falschen Zug sitze. Das sei der Regiozug, ich hätte im Schnellzug reserviert. «Oh», meinte ich, nicht überrascht, aber ein bisschen verunsichert, was mein Ticket anging. – «Sie können hier sitzenbleiben», beruhigte mich die Zugbegleiterin. «Es ist alles gut. Es tut mir nur sehr leid für Sie. Sie sind viel langsamer in diesem Zug.» Knuffig einfach, diese swedish people! Ich versicherte ihr, dass ich die Reise geniessen würde und fuhr langsamer als geplant, aber stetig Richtung Stockholm.

Rygerfjord Hostel

Das Timing war perfekt. Mein Check-In im Hostel war ab 15 Uhr möglich. Der Regiozug erreichte Stockholm Centralstation um 14.50 Uhr. Ich folgte den Empfehlungen des Hostels, stieg in die Tunnelbana und am Mariatorget wieder aus, verliess mich auf meinen Orientierungssinn und irrte ein wenig durch die Quartiere, bis ich den Kaj fand. Rygerfjord Hostel liegt direkt am Wasser, auf drei Schiffen.

Ein Hotel auf einem Schiff war ein Traum von mir, seit ich als Jugendliche gehört hatte, dass es das gab (ich glaub, es war damals die Jugi in Stockholm, bin aber nicht mehr sicher). Ich habe ein Zimmer mit See(Meer? Wer weiss das schon in Stockholm)Sicht, direkt Richtung Gamla Stan. Wenn ich auf dem Pier zwischen den Schiffen Rygerfjord 2 und Rygerfjord 3 sitze, direkt am Wasser, sehe ich zum Rathaus, zur bekannten farbigen Häuserreihe oder auch auf Gamla Stan, je nach Richtung.

Das Zimmer ist klein, eine Kabine halt, Dusche und WC im Gang, wie ich es gebucht habe.

Gamla Stan

Ich habe die Kabine nicht lange genossen. Ein wenig ankommen, etwas von meinen Astrid-Vorräten essen und trinken und dann los Richtung Gamla Stan. Ich habe mich treiben lassen. Zwischendurch habe ich mit meinem Mann telefoniert und später gemerkt, dass ich mich dafür auf die Stufen der Storkyrken gesetzt hatte, direkt neben dem Königlichen Schloss. Dort wurde gerade eine Wachablösung zelebriert, als ich um die richtige Ecke schaute. Als es ein wenig tröpfelte, setzte ich mich in ein Restaurant. Später gab es Mjukglass und chillen am Wasser. Und schliesslich die Abendstimmung auf dem Pier vor Rygerfjord 3.

Zurück unter vielen Menschen

Es war gar nicht so anstrengend, wie ich befürchtet hatte. Stockholm ist zwar voller Tourist*innen, aber alles ist schwedisch gelassen und mit viel Weite. Der Übergang in das Leben ausserhalb von Åboholm ist geglückt.

Liebes Reisetagebuch, zum Reisen gehört das Weiterziehen.

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