Reisetagebuch Tag 24: Mit Astrid durch Stockholm

Last Updated on 10. Juli 2026 by Mirjam Wicki

Dalagatan 46

«Besuchst du Astrid Lindgrens Haus in Stockholm?», hatte mich eine Freundin gefragt. Ich hatte noch keine Pläne, wollte mich treiben lassen und fand die Idee, dabei Astrids Spuren zu folgen, sehr schön.

Ich recherchierte also ein wenig und fand heraus, dass Astrid Lindgrens Hem in der Dalagatan 46 gewesen war. Sie hat dort über 60 Jahre gewohnt und ging gern im nahen Vasapark spazieren.

Ich konnte mit der Tunnelbana bis ganz in die Nähe fahren, erwischte wundersamerweise den richtigen Ausgang und wäre in 2 Minuten bei Astrids Hem gewesen. Nur, dass ich daran vorbeiging. Ich war davon ausgegangen, dass ich entweder die Plakette am Haus sehen oder irgendwie spüren würde, dass ich da war. Nun, das tat ich beides nicht, und deshalb kenne ich jetzt eigentlich die ganze Dalagatan.

Astrid Lindgrens Hem ist heute ein kleines Museum, das an bestimmten Tagen geöffnet hat. Dass heute kein solcher Tag war, wusste ich. Ich schaute also ein bisschen an die Hausfassade und versuchte mir vorzustellen, dass Astrid Lindgren hier gewohnt hatte und jeweils aus dieser Tür auf diese Strasse gekommen war. Eine schöne Vorstellung, aber auch etwas abstrakt.

Der Vasapark auf der gegenüberliegenden Strassenseite bot wesentlich mehr Leben. Kinder spielten Fussball, Senior*innen spielten Minigolf, Menschen sassen auf Bänken und auf dem Rasen, lasen, unterhielten sich, lagen in der Sonne. Ein Teil des Parks ist ein riesiger Spielplatz mit einem grossen Parkplatz für Kinderwagen. Der deutsche Åboholm-Wwoofer, der in Finnland wohnt, hat erzählt, dass die Spielplätze in Helsinki während der Ferien Betreuung und Mittagessen für die Kids anbieten. Gut möglich, dass das auf dem Vasapark-Spielplatz auch so ist.

Mir Astrid hier vorzustellen, beim Spielplatz, beim Spazieren, Lesen oder Sich-Unterhalten fiel mir sehr leicht.

Junibacken

Es gibt noch weitere Orte in der Umgebung, die mit Astrid Lindgren und ihren Büchern in Verbindung stehen, aber die habe ich mir nicht angeschaut. Stattdessen machte ich mich mit der Tunnelbana und zu Fuss auf Richtung Djurgården (das mit dem zu Fuss dauerte länger als gedacht. Ich habe ein unglaubliches Talent entwickelt, mit Hilfe von Google Maps in die falsche Richtung zu gehen und das gern mehrmals hintereinander).

Djurgården ist die Insel der Museen und Attraktionen in Stockholm, und eines der Museen ist Junibacken. Es ist benannt nach dem Wohnort von Madicken in einem von Astrids Büchern (auf Deutsch heisst das Mädchen Madita und ihr Zuhause Birkenlund).

Vor dem Museum steht, resp. sitzt eine Statue von Astrid Lindgren mit einem Buch in der Hand. Als ich da war, stellte sich gerade ein kleiner Junge neben sie, die Hand auf das Buch, ein Strahlen im Gesicht. Wieder ein Moment, in dem ich mir die richtige Astrid so gut vorstellen konnte.

Der Kinderwagenparkplatz vor dem Museum war noch beeindruckender und voller als der im Vasapark, und ich hatte ganz fest den Eindruck, dass ich hier nicht die Zielgruppe war. Ich wollte dennoch rein. Astrid war es nämlich wichtig, dass das hier nicht nur ihr Museum war, sondern das Museum der schwedischen Kinderliteratur. Hier drin würde ich Sven Nordquist und Tove Jansson wieder begegnen. Was für eine wundervolle Abrundung meines Aufenthalts auf Åboholm!

Yup, es hat Spass gemacht. All die Figuren zu sehen (die Krähe, die den Stall weiss anmalt, statt ihn zu putzen!), die Sonderausstellung des Mumin-Winterwunderlands zu besuchen, in dem man Schneebälle werfen und Schneehügel hinunterrutschen kann, den Kiddies beim Spielen in der Villa Kunterbunt zuzuschauen, engagierte junge Schwed*innen Theater spielen zu sehen. Im Restaurant habe ich Pasta bestellt und sie auf der Terrasse mit wunderbarem Ausblick aufs Wasser genossen (und mich zusammen mit einem schwedischen Vater über sein Kleinkind amüsiert, dass die Rufe der Möwen imitiert hat).

Der Geschichtenzug

Um 14 Uhr durfte ich anstehen für den Sagotåget, den Geschichtenzug. Die Reise im Sagotåget ist im Eintritt enthalten. Ich konnte mir trotz einiger Audiodateien, die ich dank eines QR-Codes gefunden hatte, nicht viel darunter vorstellen. Aber ich erfuhr, dass man sich die Geschichten in verschiedenen Sprachen anhören konnte. Wenn man Schwedisch wählt, führt einen Astrid Lindgren persönlich durch ihre Geschichten.

Ich setzte mich also in die Gondel mit Sitzbank und sagte selbstbewusst «Svenska», als ich nach der Sprache gefragt wurde. Und dann folgte ein unglaubliche Viertelstunde! Man fährt und fliegt an Szenen aus Astrids Büchern vorbei oder durch sie hindurch. Astrid erzählt, was man sieht, und weil ich fast alle Geschichten kenne, habe ich ganz viel verstanden. Da balancierte Madicken/Madita auf dem Dach, Ida hing an der Fahnenstange, ich fuhr ganz nahe am Tischlerschuppen vorbei, in dem Emil/Michel für seine Streiche büssen muss. Unter mir kreiste Karlsson vom Dach über die Dächer von Stockholm, dann war ich geschrumpft und musste an einer riesigen Ratte vorbeischweben. Die Mathisräuber sangen in der Burg, und Ronja und Birk machten Feuer in der Höhle. Jonathan und Krümel retteten sich aus der brennenden Wohnung, kamen nach Nangijala, begegnetem dem Drachen Katla und lagen am Ende am Rand der Klippe.

Und dann war die Reise zu Ende, und irgendwie musste ich wieder in die Gegenwart zurückfinden. Die Angestellte des Museums wollte mir wahrscheinlich dabei helfen, aber da sie schwedisch mit mir redete (selber schuld, ich), war das wenig hilfreich.

Das Problem war halt auch: Es wird einem schwer empfohlen, als Kinder und Erwachsene gemeinsam in eine Gondel zu steigen. So kann man sich gegenseitig an der Hand nehmen, falls jemand Angst bekommt. Angst hatte ich nicht, aber eine Hand zum Drücken wäre schon schön gewesen.

38’000 Schritte

Von Junibacken ging ich nach Skansen, ins Freiluftmuseum und den Tierpark. Das war schön, ausser dass ich zum ersten Mal in Schweden eine nicht besonders feine Zimtschnecke ass. Die Elche waren auch nicht ganz so eindrücklich wie erhofft (sie lagen halt so hinter dem Zaun), aber ich habe den Luchs gesehen (den es in den Wäldern rund um Åboholm auch geben soll, den ich aber nie aktiv gesucht habe) und Robben.

Irgendwann waren es dann genug der Eindrücke. Direkt vor dem Hauptausgang des Parks hat es eine Tramstation, von der aus man zum Bahnhof fahren kann. Ich kann sehr empfehlen, in Stockholm die SL-App runterzuladen, da kann man Tickets lösen für den ganzen öffentlichen Verkehr in der Stadt. Einzelbillette sind 75 Minuten lang gültig, und man kann damit verschiedene Strecken hintereinander fahren. Ich nahm am Bahnhof also gleich noch die Tunnelbana, fuhr bis Gamla Stan und erkundete dort noch ein paar Läden, die ich am Abend vorher gesehen hatte. Danach ging ich zum Hotel und gönnte meinen Füssen ein wenig Ruhe.

Am Abend wollte ich eigentlich ganz in der Nähe etwas essen gehen. Aber dann ging ich über eine andere Brücke als sonst, und das Abendlicht war so schön. Ich umrundete Riddarholmen und ging einmal quer hindurch. Da war ich schon wieder in der Nähe von Gamla Stan und merkte, dass ich so richtig Hunger hatte. Pizzahunger! Also hin und her in und um Gamla Stan herum, bis ich eine Pizzeria fand, vor der keine Menschenschlange stand und die noch Platz hatte an einem Tisch draussen. Es war jetzt nicht die beste Pizza meines Lebens, aber der Hunger war gestillt. Also fast. Es brauchte noch ein Softeis für den Heimweg, der Richtung orangenem Himmel führte und – hach, Stockholm ist schön.

So schön, dass ich an einem Tag mehr als 38’000 Schritte gemacht habe und es nie als anstrengend empfunden habe.

Liebes Reisetagebuch, von heute gibt es viele tolle Fotos. Dieses ist vom Spielplatz im Vasapark.

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