Last Updated on 11. Juli 2026 by Mirjam Wicki
Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.
Schiffe
Was macht man in Stockholm, wenn man noch ein paar Stunden Zeit hat, keine Lust, viel zu laufen, und ein bisschen aufgeregt ist wegen der Frage, ob die kommende Heimreise wie geplant verlaufen wird?
Ich holte den Prospekt, den mir eine junge Frau am ersten Abend in die Hand gedrückt hat, hervor. Guided Tours auf Schiffen, die kürzeste 1 Stunde lang mit dem lautlosen Elektroboot. Selten mal auf Deutsch, regelmässig auf Englisch. O ja, eine Stunde lang sitzen, schauen, auf dem Wasser sein, mich auf Englisch berieseln lassen oder weghören, wenn ich will – perfekt.
Es war perfekt, wenn auch etwas anders als gedacht. Ich war nämlich die einzige Passagierin, die zu Kapitän Ivan und Guide Jana ins Elektroboot stieg. Jana ist aus Deutschland, hat in Stockholm studiert und ist geblieben. Es wurde keine klassische geführte Tour, sondern ein angeregtes Gespräch mit Jana, die mir viel Wissenswertes über Stockholm erzählte (zum Beispiel, wo es die besten Zimtschnecken gibt. Einerseits die offiziell gewählten, aber auch ihre Lieblingsbäckerei). Wenn ich das nächste Mal in Stockholm bin, werde ich Södermalm erkunden.
Wir fuhren an Junibacken vorbei und an einem Schiff mit grossen Masten, das wirklich lange ein Hostel gewesen war, aber heute nicht mehr (bestimmt meine Jugenderinnerung). Wir sahen eine riesige Gruppe Graugänse und verschiedene Teile von Stockholm, zu denen Jana immer ein paar Infos und Geschichten hatte. Es war eine tolle Art, von der Stadt Abschied zu nehmen.
Nach der Tour ging ich zu Fuss zur Centralstation (ein paar Schritte müssen schon sein), und stellte fest, dass die Züge nach Göteborg alle gecancelt waren, mein Zug nach Malmö aber fahrplanmässig abfahren sollte. Auf dem Perron fragte ich gewohnheitsgemäss die nächstbeste Person, ob dies auch wirklich der Zug nach Malmö sei. Die junge Frau schaute mich an, grinste entschuldigend und sagte: «Ich bin auch nicht sicher. Ich rufe gerade meinen Vater an.» Vielleicht sollte ich mir das auch angewöhnen.
Im Bahnhof Lund gab es offenbar auch Chaos, wir waren laut Zugbegleiter der einzige Zug, der durchfahren konnte. Wie war mir das schwedische Bahnglück hold! Auch die Busfahrten zum Hafen schaffte ich ohne hilfreiches deutsches Ehepaar, denn jetzt hatte ich selber die richtige App (Skånetrafiken).
Beim Check-In traf ich auf ein schwedisches und ein finnisches Ehepaar, einen Schweizer, zwei deutsche Jungs, die sich auf die Bar im Schiff freuten, und eine Frau mit Hund, die nichts sagte, weshalb ich nicht herausfand, woher sie war (der Hund war aber sehr freundlich und hat mir im Shuttlebus begeistert die Hand abgeschleckt).
Der Shuttlebus raste auf eine grosse Fähre zu. So eine richtige, wie ich sie mir für die Hinfahrt vorgestellt hatte. Ich schmunzelte innerlich. Bestimmt war unser Schiff dahinter versteckt. Aber nein – der Shuttlebus raste in die Riesenfähre hinein (boah, wenn ich denke, wie süferli ich das Büsli jeweils in diese Kähne steuere), und tatsächlich war dies das Schiff, das uns nach Travemünde bringen sollte. Ich war so happy! Eine schöne Kabine, ein riesiges Sonnen(untergangs)deck, alles grösser und viel schicker als auf der Truckerfähre vor dreieinhalb Wochen. Sie war gut genug gewesen, und ich wäre freudig mit ihr zurück nach Deutschland gefahren. Aber es war schon sehr schön auf der Finnswan.
Der wirklich letzte Abend in Schweden
Der Abend bot einen spektakulären Sonnenuntergang. Ich schaute ihm erst vom Bordrestaurant aus zu, dann suchte ich mir ein schönes Plätzchen auf dem Deck. Schaute und schaute, genoss die unglaubliche Schönheit, die Schweden mir noch einmal bot, und spürte all den Gefühlen in mir nach. Ich war traurig. Ich war dankbar. Ich war vorfreudig. Ich war aufgeregt. Und am meisten von allem war ich glücklich.
Die Sonne ging unter, die MS Finnswan fuhr los, hinein in den brennenden Abendhimmel. Ich holte mir an der Bar ein grosses Bier, suchte einen geschützten Platz auf dem Deck und genoss das Fährenfahren. Bis alle um mich herum etwas aufgeregt wurden. Ich stand auf und schaute um die Ecke.
Und da war einfach die Öresundbrücke! Ja, ich weiss, dass das wenig überraschend ist, wenn man darüber nachdenkt, aber das hatte ich nicht. Und jetzt fuhren wir auf diese endlose Brücke zu, in der immer noch atemberaubenden Abendstimmung. Natur trifft Technik, und ich hatte einen kleinen Titanic-Moment, weil dieses Schiff KANN doch da nicht hindurchpassen! Doch natürlich konnte es.
Ruhig glitt die Finnswan unter der Brücke hindurch. Die Passagier*innen, die das Spektakel alle mit den Handys in der Hand miterlebt hatten, schauten einander an. «Wahnsinn, oder?», fragte die Frau neben mir, und ich konnte ihr nur rechtgeben.
Dann schaute ich zurück. Die Brücke (über die gerade ein Zug fuhr, damit das Staunen noch etwas grösser wurde), dahinter der immer noch brennende Abendhimmel. Wow. Ich trank den letzten Schluck Bier und ging zurück in meine Kabine. Leicht dizzy, vielleicht vom Bier, vielleicht von all der Schönheit um mich herum.
Liebes Reisetagebuch, schau dir das an!

