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Reisetagebuch Tag 16: Astrids Rat

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Sitzen

«Und dann muss ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hinzuschauen.» (Astrid Lindgren)

Zum Beispiel im Graugnomenwald hinter Åboholm. Ich bin durchs richtige Tor gegangen, habe ignoriert, dass es hier keinen sichtbaren Pfad hat (und dass neben dem Tor vor vielen Jahren eine Müllhalde war, die leider nicht vollständig geräumt werden kann) und habe mich zu den Graugnomen gewagt.

Grosse Steine (kleine Felsen?), moosbewachsen. Alte Nadelbäume mit hängenden Ästen und Flechten. Sonnenlicht, das einzelne Flecken beleuchtet, während andere Bereiche im Schatten liegen.

Ich habe mich auf einen Stein gesetzt und einfach nur gelauscht, geschaut und gefühlt (unter anderem Mücken, die es toll fanden, dass ich da so ruhig sass. Nicht jede von ihnen hat es überlebt.)

Ein mystischer, beschützender Ort.

Früher am Tag habe ich einen anderen Ort erkundet, von dem ich bisher nur gehört hatte: Den Biberdamm.

«Ah, ja, ein Damm», dachte ich, als ich darauf zuging. So mit Stöcken und ein paar angenagten Baumstämmen daneben. «Herzig.» Dann kam ich näher und sah, was die Biber tatsächlich gebaut hatten: Einen richtigen kleinen Stausee! Nun war ich anders beeindruckt.

Ich setzte mich auf einen Baumstamm in der Nähe des Dammes. Hier ist der Wald viel lichter, jünger und hellgrüner als bei den Graugnomen, mit mehr Laub- als Nadelbäumen.

Ein leichter, unbeschwerter Ort.

Zwei von unendlich vielen Stellen auf Åboholm, an denen man einfach da sitzen und vor sich hin schauen kann.

Was meine Protagonistin daraus macht

Am Morgen habe ich richtig viel geschrieben. Nicht nur lange, sondern richtig viele Wörter. Der erste Teil des Manuskripts, auf dessen Ende ich die letzten Tage hingeschrieben habe, ist abgeschlossen. Meine Protagonistin hat sich von einigem, was ihr in den letzten Kapiteln wichtig war, verabschieden müssen.

Und sie hat das auf ihre ganz eigenen Art gemacht. Radikaler und selbstbestimmter, als ich es für sie geplant hatte.

In der ursprünglichen Szene sass sie am Ende im Privatflugzeug ihrer Tante und schaute freudig-aufgeregt aus dem Fenster. Im Lauf des letzten Tage merkte ich, dass sie nicht freudig-aufgeregt sein würde, sondern traurig-enttäuscht. Aber davon wollte sie nichts wissen. Sie liess das Privatflugzeug, die Tante und mich links liegen und setzte sich stattdessen in einen Linienbus. Nun schaut sie da aus dem Fenster, überzeugt davon, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Sie weiss auch schon, wie es jetzt weitergeht, und ich schreibe brav mit. Wir freuen uns beide auf das, was jetzt kommt (was immer es sein wird).

Abends auf dem Steg

Nach dem Abendessen habe ich mit meinem Mann telefoniert. Den besten Empfang in Haus Astrid habe ich, wenn ich am Stubenfenster stehe und auf den See hinunter schaue. Ich telefonierte und schaute also, und nachdem wir das Gespräch beendet hatten, fand ich es schade, dass ich hier oben war und nicht unten am See. Also machte ich meinen Abendtee im Thermosbecher (am Abend trinke ich Flädderkulle-Tee – hast du eine Ahnung, was das sein könnte?) und ging zum Badesteg hinunter.

Ich setzte mich auf den Steg, trank Tee und schaute einmal mehr an diesem Tag einfach vor mich hin (und auf die stille Wasserfläche).

Liebes Reisetagebuch, einfach sitzen ist wunderbar.

Reisetagebuch Tag 15: Tanzen

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Hoppa

An Midsommar habe ich ein Nachbarehepaar von Åboholm kennengelernt (das heisst, sie wohnen irgendwo im Wald hinter den Bäumen, bei den sieben Graugnomen, wahrscheinlich in einem roten Haus). Mit ihnen waren Noëmi und Bruno im Winter an einem Tanzabend in der Nähe von Askersund. Am 30. Juni wäre wieder so ein Abend, und der Nachbar würde sie hinfahren. Ich dürfte mitkommen, wenn ich wollte.

Ein Tanzabend mit Bruno, Noëmi, dem Nachbarn und anderen swedish people, die nicht sofort verschwinden würden? Ich kann zwar nicht tanzen, aber hej, das klang nach Spass.

Bruno und Noëmi konnten im Winter die Tänze auch nicht, hatten sich aber vorgenommen, zumindest den Schottisch zu üben. «Übst du mit?», fragten sie beim Mittagessen. Eine Stunde, bevor der Nachbar uns abholen würde, fingen wir damit an. Der grosse Tisch in der Gemeinschaftsküche war zusammengeklappt, ein Laptop mit einem offenen YouTube-Video drauf, die Stühle waren an den Rand des Raums geschoben.

Wir übten zwei Arten von Schottisch: Einen mit Hüpfer (hoppa!) und einen ohne. Es war unfassbar lustig, und ich fühlte mich am Ende des Trainings unfassbar unvorbereitet, war aber fest entschlossen, den Abend zu geniessen.

Der ältere deutsche Wwoofer kam auch mit, und so quetschten wir uns zu viert (also mit dem Fahrer zu fünft) ins kleine Auto des Nachbarn. Er fuhr mit uns nach Askersund und darüber hinaus, ungefähr eine Dreiviertelstunde Fahrt. Bei einem roten Haus irgendwo im Nirgendwo hielt er an und parkierte. Es waren schon ein paar Autos da, und im Lauf der nächsten Stunde kamen noch mehr dazu. Menschen mit und ohne Instrumentenkoffer, die meisten etwas älter als ich, schwedisch freundlich (so freundlich, dass sie auch noch schwedisch mit mir sprachen, als sie eigentlich wussten, dass ich es nicht verstehe, aber nichts sagen wäre wahrscheinlich unfreundlicher gewesen).

Spela

Irgendwann rief uns der Veranstalter nach drinnen, wo vor einem bunten Vorhang eine Bühne aufgebaut war. Davor standen vier Stuhlreihen für das Publikum. «Offenbar ist es heute ein Konzert, kein Tanzabend», meinte Noëmi schulterzuckend. «Der Nachbar war nicht so kommunikativ, was die Art des Programms betraf.» Wir schmunzelten (es passt einfach zu gut zu dem unglaublich freundlichen, aber halt wirklich nicht so kommunikativen Nachbarn, dass er vergessen hatte zu erklären, dass das Programm heute anders war als im Winter).

Mir war es ganz recht, dass ich meine Nicht-Tanzkünste nicht unter Beweis stellen musste, sondern mir ein Konzert anhören durfte.

Und was für eines!

Als erstes kam eine Frau auf die Bühne. «Eine Elfe!», rutschte es mir raus. Sie war gross, schlank, mit langen weissen Haaren über den ganzen Rücken. Sie spielte eine Art Querflöte aus Holz. Beim ersten Stück spielte sie nicht nur, sondern blies manchmal auch nur hinein. Das gab ein Geräusch, das mir Gänsehaut verursachte. Wie Wind, aber – elfisch?

Begleitet wurde sie von einem Mann, der mal Flöte, mal Cello und mal Säckpipa, einen schwedischen Dudelsack, spielte. Er wirkte auf den ersten Blick sehr introvertiert, aber dann erzählte er zu jedem Stück eine Geschichte und schien das sehr zu geniessen. Ich verstand zwar ein paar Dinge, verpasste aber immer die Pointe, von der es einige gab – ich sah es an seinem verschmitzten Lächeln und hörte es an den leisen Lachern aus dem Publikum.

Der dritte auf der Bühne war der Schwiegersohn des Nachbarn. Er spielte Gitarre. Wie schnell können Finger sich bitte über diese Saiten bewegen?

Es war unglaublich schön, den dreien zuzuhören. Dabei ab und zu aus dem Fenster in die schwedische Landschaft zu schauen. Sich mittragen zu lassen von den Klängen, der Leidenschaft, der Kunst.

In der Pause konnte man sich selber ein Sandwich schmieren und einen Tee machen. Ein Hoch auf die schwedische Unkompliziertheit!

Danach ging es weiter, und nach einer Zugabe und einer ausführlichen Vorstellung des kommenden Programms im roten Kulturhaus im Nirgendwo, machten die meisten Menschen das, what swedish people do: Sie verschwanden.

Jamma

Aber ein paar blieben, und nun kam das, worunter ich mir nichts hatte vorstellen können. Man wollte noch «jamma», also jammen.

Das Trio, das das Konzert gespielt hatte, der Veranstalter und seine Frau und ein paar andere Leute setzten sich in einen Kreis, alle mit einem Instrument. Ich lernte die Schlüsselharfe kennen, von der mir Noëmi vorgeschwärmt hatte, und Flöten mit Formen, die ich noch nie gesehen hatte. Der Nachbar holte eine Geige aus seinem kleinen Auto und setzte sich in den Kreis.

Und dann spielten sie einfach zusammen. Legten eine Tonart und – falls ich es richtig verstand – einen Stil fest und legten los.

Wir sassen in einer Ecke auf roten Polstermöbeln, und ich hätte ewig dort sitzen und den schwedischen Volksmusiker*innen beim Jammen zuhören können.

Doch irgendwann beschloss der Nachbar, dass jetzt genug sei. Er müsse nach Hause, zum Hund seiner Tocher, den er gerade hüte. Er versorgte die Geige, dann kam er auf mich zu. Streckte mir die Hand hin und führte mich durch den Raum. Zeigte mir ein paar Tanzschritte (ganz ohne Hoppa) und ich – müde, ein wenig überwältigt von der Musik und all dem Schönen – tanzte mit ihm zur Musik der Kreisrunde, völlig untalentiert, völlig überfordert und vollkommen glücklich.

Liebes Reisetagebuch, was für ein Abend!

Reisetagebuch Tag 14: Entdeckungen

Was bleibt

«I hope you will enjoy the swimming platform», sagte der Wwoofer aus Polen zum Abschied. Die Badeplattform, die er zusammen mit Bruno gebaut hatte, und die ein paar Herausforderung geboten hatte. – «Every day!», bestätigte ich, dass ich seine Arbeit wertschätzen würde, solange ich auf Åboholm war.

Von der amerikanischen Wwooferin, die schon vor längerer Zeit abgereist ist, habe ich auch etwas übernommen: Peanutbutter and Jelly. Ja, ich bestreiche mir als Abschluss des Abendessen fast immer ein Stück Brot oder ein Knäckebrot mit Erdnussbutter und Konfi/Gelee. Klingt süss und fettig? Ist es auch. Und unfassbar lecker.

«Spoony?», fragte die deutsche Wwooferin regelmässig am Ende des Essens. Wer möchte den Löffel aus der Konfi, der Erdnussbutter oder sonst einem Glas abschlecken? Jetzt fragt niemand mehr, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich von jetzt an, wenn ich mir einen solchen Löffel gönne, immer ihre Stimme im Ohr haben werde.

Von unserem Lagerfeuerabend ist mir das Lied Bare Necessities aus dem Film zum Dschungelbuch geblieben. Es passt einfach zu gut zu meinem Alltag auf Åboholm, und ich höre es mir fast jeden Morgen an.

Was sich ändert

In der Gemeinschaftsküche hat sich ein Wechsel ergeben. Vor ihrer Abreise hat fast immer die deutsche Wwooferin das Mittagessen gekocht. Nun stehen Noëmi oder die junge Frau aus der Schweiz, die wir vor fast einer Woche in Motala am Bahnhof abgeholt haben, in der Küche. Auch sie kochen vegetarisch (aber nicht mehr vegan), immer noch hat es  ganz viele frische Zutaten im Essen, und doch schmeckt es ganz anders. Ich schätze die Abwechslung, und noch viel mehr schätze ich es, bekocht zu werden. Mich nicht um Einkaufen und Menüplanung kümmern zu müssen. Einfach hinsitzen und das essen, was auf dem Tisch steht. Dass da immer etwas unfassbar Leckeres steht, macht die Sache natürlich noch besser.

Zur Zeit sind nur Menschen hier, die Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch sprechen. Wir haben gestern also das erste Mal Fun Facts auf Deutsch gespielt, und auch sonst finden alle Gespräche auf Hoch- oder Schweizerdeutsch statt. Eine Tatsache, die sich natürlich jederzeit wieder ändern kann, wenn neue Menschen dazukommen.

Was sich eingespielt hat

Ich stelle keinen Wecker auf Åboholm und wache nicht immer zur gleichen Zeit auf. Gleichgeblieben ist aber meine Morgenroutine mit Frühstück, Morgenseiten, Tee und Schreibsessions. Dass ich seit zwei Wochen täglich an der Geschichte schreibe, führt dazu, dass ich unterdessen null Aufwärmzeit brauche. Ich öffne das Dokument und beginne zu tippen. Daraus ergeben sich mehr Wörter, und es fühlt sich leicht an, obwohl der Inhalt immer mehr an Tiefe gewinnt.

Etwa um 13 Uhr klingelt die Glocke zum Mittagessen. Danach gibt es Kaffee für die, die mögen, und dabei immer auch spannende Gespräche. Siesta auf dem Sofa von Haus Astrid, und dann habe ich meistens Lust auf  Bewegung.

Was ich neu entdeckt habe

Zum Beispiel auf eine E-Bike-Tour an den Fagertärn.

In diesem See haben sich aufgrund einer zufälligen Veränderung die rosaroten Seerosen entwickelt (die unter anderem Claude Monet so gut gefallen haben), als Mutation der weissen Seerose. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurden sie entdeckt, und Botaniker (wahrscheinlich wirklich vor allem männliche) reisten von weither an, nahmen Seerosen mit und liessen sie fast aussterben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die rosa Seerosen unter Schutz gestellt.

Es war eine etwa vierzigminütige Velofahrt durch endlos scheinenden Wald, vorbei an einer Höhle, die tatsächlich Wolfsklamm heisst, wie die Klamm bei Ronja Räubertochter. Beim Fagertärn hat es einen Parkplatz und einen geschlossenen Kiosk (das mit den geschlossenen Infrastrukturen ist ein wenig ein Ding bei meinen Ausflügen). Ich schloss das E-Bike ab und ging zum See.

Und der ist einfach nur zauberhaft! Anders als Vitsand. Verwunschener. Kleiner. Aber auch von Kiefern (und einer Menge anderer Bäume) umgeben. Ein Ort zum ganz tief Durchatmen.

Um den See führt ein drei Kilometer langer Weg, was eigentlich eine gute Spaziergangdistanz gewesen wäre. Leider war ich unsicher, was das Wetter anging: Auf der Seite, aus der ich gekommen war, war strahlend blauer Himmel. Im Süden und Westen türmten sich Wolken, und es ging ein kräftiger Wind. Würde es gleich gewittern? Würde der Wind die Wolken wegwehen? Würde einer dieser kurzen schwedischen Platzregen kommen? Ich hatte keine Ahnung und wagte es nicht, allzu weit vom Velo und dem Kioskgebäude wegzugehen. Also spazierte ich vom Parkplatz aus je etwa zehn Minuten in beide Richtungen und zurück. Ein Weg war breit und gekiest, der andere ein schmaler Pfad durch den Wald (auf dem ich einem Eidechsli und einer Blindschleiche begegnet bin).

Die rosa Seerosen  sah ich leider nicht. Keine Ahnung, ob sie später dran sind als sonst (sie müssten eigentlich ab Midsommar blühen) oder ob sie am anderen Ende des Sees blühen. Natürlich hätte ich sie gern gesehen und mit Fotos geflext, aber der Ausflug zum Fagertärn war auch so wunderbar.

Regen kam übrigens keiner, ein Gewitter schon gar nicht. Ich radelte zurück in die Richtung des strahlend blauen Himmels, brachte den E-Bike-Akku zur Ladestation und beendete meinen Ausflug mit einem Sprung von der Schwimmplattform.

Liebes Reisetagebuch, es könnte sein, dass ich im Lauf der nächsten Woche noch einmal an den Fagertärn radeln werde.

Reisetagebuch Tag 13: Astrid

Astrid Lindgrens Geist

«Spürst du Astrid, wenn du schreibst?», fragte mein Vater am Telefon.

«Astrids schriftstellerischer Geist hat Einfluss auf dein Schreiben», schrieb mir eine Freundin als Rückmeldung auf mein Tagebuch. (Danke!)

Jede der Ferienwohnungen auf Åboholm ist nach einem/einer schwedischen Autor*in benannt. Neben Astrid sind da Sven (Nordquist, der Findus und Pettersson und Mamma Muh geschrieben hat, Lieblingsbücher von mir, die ich erst als Lehrerin und Mutter kennengelernt habe), Selma (Lagerlöf, von der ich noch nie etwas gelesen habe, shame on me), Tove (Jansson, Die Mumins, wundervolle Geschichten), Mikael (Engström, dessen Bücher ich nicht kenne, von denen ich  aber unbedingt mal eines ausleihen will, drüben in «seiner» Ferienwohnung) und Pija (Lindenbaum, Schriftstellerin und Illustratorin, die ich auch noch entdecken will).

Haus Astrid wurde mir von Noemi und Bruno zugeteilt, als ich für meinen dreiwöchigen Aufenthalt angefragt habe. Ich bin sicher, dass ich mich in jeder Wohnung auf Åboholm wohlfühlen würde, aber dass es Astrid ist, ist schon besonders schön.

Astrid Lindgren gehört zu den Autor*innen, die in mir die Liebe für Geschichten geweckt haben. Die Kinder von Bullerbü, Mio mein Mio, Die Brüder Löwenherz, Pippi Langstrumpf und am meisten Ronja Räubertochter. Ich habe sie alle mehrmals gelesen und jedes Mal wieder neu lieben gelernt.

In der Oberstufe habe ich einmal einen Vortrag über Astrid gehalten. Als Erwachsene habe ich ihr Buch «Die Menschheit hat den Verstand verloren» gelesen, und ihr scharfsichtiger Blick auf die Weltlage rund um den 2. Weltkrieg hat mich sehr beeindruckt. Ebenfalls sehr eindrücklich fand ich «Ich habe auch gelebt – Briefe einer Freundschaft», ein Buch, das den Briefwechsel zwischen Astrid und ihrer Freundin Louise Hartung widergibt.

Astrid Lindgren hat nicht nur geschrieben. Sie hat nachgedacht, gelebt, konnte unbequem sein und war trotz ihrer Scharfsichtigkeit ein Kind ihrer Zeit, weshalb ich es richtig finde, dass ihre Werke zum Teil angepasst und ihrer rassistischen Sprache entledigt werden. Ohne es wissen zu können, glaube ich nämlich, Astrid wäre damit einverstanden. Astrid hat immer auch gearbeitet, war zwischendurch alleinerziehende Mutter, hat für ihr unehelich geborenes Kind gekämpft. Und natürlich hat sie geschrieben. Viel und diszipliniert.

Ich konnte die Frage meines Vaters nicht richtig beantworten. Ich weiss nicht, ob es Astrid ist, die ich spüre. Aber hier in Haus Astrid kann ich kreativ sein, ich kann nachdenken, ich fühle viel, ich kann mich in meine Geschichte vertiefen, es geht mir gut.

Hej, Astrid, bist du das?

Im Mathiswald

Wenn der Fischadler über Åboholm kreist, freue ich mich immer. Aber ein bisschen schaudert es mich auch. Mit seiner Spannweite und dem weissen Bauch erinnert er mich nämlich an die gruseligsten Wesen im Mathiswald (Ronja Räubertochter): Die Wilddruden. Die haben mir damals als Kind buchstäblich schlaflose Nächte bereitet.

«Warst du schon im Wald hinter dem Tor?», fragte Bruno. Wir brauchten eine Weile, bis wir sicher waren, dass wir vom gleichen Tor sprachen, dann sagte ich: «Ich bin durchs Tor gegangen, habe aber keinen Pfad gefunden.» – «Ja, da hat es keinen offensichtlichen Pfad», meinte Noemi. «Aber es ist unser schönster Wald.» – «Der Graugnomen-Wald», raunte Bruno. – «Oh, solange es nicht der Wilddruden-Wald ist», meinte ich schmunzelnd. «Zu den Graugnomen wage ich mich rein!»

Ich war aber noch nicht da. Dafür bin ich eine Rumpelwicht-Höhle gefallen. Erinnerst du dich an die Szene, in der Ronja skiläuft und mit einem Fuss in einer Höhle steckenbleibt? Die Rumpelwichte ärgern sich erst und brauchen dann Ronjas Stiefel, um ihre Babywiege aufzuhängen. Oben wird es gruselig, weil Ronja nicht wegkann und die – ja, genau – Wilddruden kommen. Zum Glück wird Ronja von Birk gerettet!

Ich suchte nach einem Pfad rund um den See. Von Noemi und Bruno wusste ich, dass ein Teil noch nicht ausgebaut ist und man Tierpfaden folgen muss. Versehen mit Wanderstock und Wanderschuhen folgte ich also dem, was ich als Tierpfade identifizierte. Es wurde unglaublich mathiswald-mässig. Moosbewachsene Steine, Birkenlichtungen, Grün in jeder Schattierung, Wald in jeder Dichte. Und dann fand ich keinen Tierpfad mehr. Schlug mich noch ein wenig durchs Unterholz und – wusch – sank mit dem Fuss in eine Höhle.

«Sorry, Rumpelwichte!», rief ich (wirklich). Es war kein Problem, den Fuss wieder rauszuziehen. Es kamen keine Wilddruden, daher musste auch kein Birk kommen, um mich zu retten). Aber ich beschloss, dass es sicherer sei umzukehren und den See dieses Mal halt nicht ganz zu umrunden. Auf dem Rückweg folgte ich einem anderen Tierpfad, geriet in einen Sumpf, zog einen Schuh voll Wasser raus und war gar nicht so unglücklich, als ich wieder auf einem Menschenpfad war.

Liebes Reisetagebuch, Astrids Geist lebt in der ganzen Umgebung von Åboholm und ganz sicher auch in meinem Kopf.

Reisetagebuch Tag 12: Abschiede

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Ein Picknick zum Abschied

Die beiden deutschen Wwoofer werden Åboholm verlassen und zum nächsten Hof fahren, auf dem sie arbeiten wollen. Beide waren mehrere Wochen hier, für mich also schon immer. «Lasst uns an eurem letzten Abend ein Picknick am Vitsand machen», hatte Noemi vorgeschlagen, und die beiden hatten die Idee sehr gut gefunden.

Das Wetter war wie schon bei unserem privaten Midsommar-Lagerfeuerabend tagsüber regnerisch. «It will clear up», versicherte der junge Mann aus Polen beim Mittagessen. Er hat eine sehr optimistische Wetter-App, die sich bisher aber immer als richtig erwiesen hat. Wir beschlossen also, am Picknick-Plan festzuhalten.

Eineinhalb Stunden, bevor wir loswollten, ging ich zur Gemeinschaftsküche und fragte, ob ich bei den Vorbereitungen helfen könne. «Eigentlich sind die Arbeiten verteilt», meinte Noemi. «Wenn du unbedingt willst, kannst du schon helfen. Aber du kochst doch gar nicht so gern.» Das hatte ich einmal während einer Tischdiskussion verraten (nicht einmal bei Fun Facts, einfach so). «Stimmt», gab ich zu. «Aber es fällt mir schwer, zum Picknick zu kommen und nicht mitzuhelfen bei den Vorbereitungen.» Noemi grinste. «Ja, ja, wir Schweizerinnen … Aber hey, du bezahlst Halbpension. Wäre ja blöd, wenn du auch noch mithelfen würdest!» – «Gut argumentiert.» Ich lachte. «Okay, dann übe ich, nichts zu machen und kein schlechtes Gewissen zu haben dabei.»

Es ging ganz okay, aber gegen Ende der Vorbereitungen – als alles länger dauerte als gedacht, und alle noch irgendetwas zu tun hatten ausser ich – kam ich mir schon komisch vor. Aber schliesslich sassen wir alle in zwei Autos: Noemi, Bruno, die vier Wwoofer, ein riesiger Picknickkorb und ich.

Die Fahrt nach Vitsand dauert mit dem Auto etwa zwanzig Minuten, gar nicht viel weniger lang als mit dem Ebike. Als wir ankamen, hatte es noch ein paar wenige Autos auf dem Parkplatz und ein paar Menschen am Strand und im Wasser. Die Sonne war dabei, hinter dem Nationalpark-Wald unterzugehen.

Weisser Sand, klares Wasser, Sonnenuntergangsstimmung, ein warmer Sommerabend, zufriedene Menschen, Picknick.

Und was für ein Picknick: Draniki (Kartoffelpfannkuchen), vegetarische Köttbullar, Mojo Rojo Sauce, Gartensalat, Zimtschnecken. Kulinarisch einmal quer durch Europa.

Nach dem Essen spielten wir auf Wunsch des einen Wwoofers, der Åboholm verlassen wird, das Spiel Dixit. Anders als bei Fun Facts spielt man gegeneinander, aber auch bei diesem Spiel geht es darum, einander richtig einzuschätzen. Während dem letzten Fun Facts hatte ich zugegeben, dass ich schlecht verlieren kann (weit schlechter als alle anderen, wobei Bruno argwöhnte, dass ich vielleicht als einzige ehrlich gewesen war), und nun war natürlich die Frage, ob das gutgehen konnte. Es ging gut. Erstens ist Dixit kein Spiel, das meinen Ehrgeiz weckte (dafür ist es irgendwie doch zu kooperativ) und zweitens war mein Häschen (ja, die Spielfiguren sind Häschen – was für ein tolles Spiel einfach!) zusammen mit Brunos am Ende zuvorderst.

Aufs Baden verzichteten wir (Wasser, Sand, Picknickdecke, …), und irgendwann waren wir die einzigen am Strand. «Swedish people disappeared again», stellte der junge Mann aus Polen fest. Das können sie wirklich gut, nicht nur an Midsommar.

Einen Tag nach den deutschen Wwoofern wird auch er weiterziehen. Dafür werden drei neue Leute ankommen. Alltag auf Åboholm.

Schreibupdate

Auch meine Protagonistin nähert sich einem Abschied. Das weiss ich schon lange, denn diese Abschiedsszene war die erste, die ich geschrieben hatte. Seither schreibe ich darauf hin. Eigentlich dachte ich, dass ich heute mit diesem ersten Teil der Geschichte fertig werden würde. Aber obwohl ich viel Schreibzeit hatte und auch wirklich viel geschrieben habe, bin ich noch nicht beim Abschied angekommen. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich ihn einfach hinauszögere, weil ich ihn ihr eigentlich gern ersparen möchte, oder ob sie wirklich gerade noch ganz wichtige Erfahrungen macht. Das wird sich zeigen, wenn die Geschichte fertig ist.

Liebes Reisetagebuch, Abschiede müssen nicht immer schwer sein.

Reisetagebuch Tag 11: Ferien von den Ferien

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Einfach sein

Meine erste Woche in Åboholm war geprägt von Begegnungen, Erlebnissen, Eindrücken. Niemals hätte ich gedacht, dass mein Aufenthalt in the middle of nowhere (so hat es ein schwedischer Geschäftspartner meines Mannes ausgedrückt, als er sich den Ort auf Maps angeschaut hat) so viel Abwechslung bieten würde.

Am Freitag gönnte ich mir einen Tag Ferien von den Ferien. Trotz weiterhin wunderbarem Wetter ging ich nicht auf Entdeckungstour, probierte keine neuen Dinge aus und führte keine langen Gespräche mit den anderen Mitgliedern der Åboholm-Gemeinschaft (gut, ausser einer spannenden Diskussion beim Kaffee mit Noemi über ihre Erfahrungen mit Wwoof).

Ich nutzte den Morgen zum Schreiben auf der Terrasse von Haus Pija (Astrids Gärtchen wurde von Lasse, dem Rasenmähroboter, getrimmt). Den Nachmittag verbrachte ich mit lesen und an der Sonne liegen.

Erst nach dem Abendessen packte ich meine Badesachen und ging vom neuen Steg (es hat jetzt auch eine fast fertige Treppe vom Pfad zum Steg runter!) aus in den See. Während ich nach dem Schwimmen auf dem Steg sass, hörte ich plötzlich von hinten und vorne Schreie.

Kraniche

«Sie schreien», hatte mir die deutsche Wwooferin am Vortag erklärt, als ich fragte, was die Kraniche (die gerade am Fenster vorbeigeflogen waren und die ich leider verpasst hatte) für Geräusche machen würden. Ich hatte mir nichts darunter vorstellen können, aber jetzt war mir klar: Wer so schreit, muss ein Kranich sein! Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis einer über den See geflogen kam, erst direkt auf mich zu, dann drehte er ab und machte eine Runde über das andere Ende des Sees. Die Schreie verstummten, der Kranich kam für den Moment nicht wieder, und ich ging zurück zu Astrid für einen gemütlichen Ferien-Leseabend.

Eisenwerte

Falls du dir bei meinen Beschreibungen des Sees bis jetzt einen klaren, hellen, birkenumrandeten schwedischen See vorgestellt hast, muss ich diese Vorstellung korrigieren. Rund um beide Seen, die ans Anwesen grenzen, hat es Mischwald. Ja, es gibt viele Birken, aber der untere See ist hauptsächlich von Nadelbäumen umgeben. Das Wasser ist dunkel, nicht wegen der Bäume, sondern wegen dem Eisen im Wasser. Auf Åboholm wurde schon im 18. Jahrhundert Eisenerz gewonnen und verarbeitet, und natürlich ist dieses Eisen immer noch hier. Das sieht man nicht nur an der Färbung des Seewassers, sondern schmeckt es auch im Trinkwasser.

Noemi hat übrigens einen Selbsttest gemacht und vor und nach einem Aufenthalt auf Åboholm ihre Eisenwerte messen lassen. Leider hatten weder das tägliche Schwimmen im See, noch das Trinkwasser einen Einfluss auf die Werte. Das wäre mal eine Einnahmequelle für Åboholm, wenn alle Frauen mit Eisenmangel einfach hier Ferien machen und ihre Speicher auffüllen könnten!

Liebes Reisetagebuch, Åboholm mag keine Eisenspeicher füllen, dafür umso mehr die Relaxspeicher.

Reisetagebuch Tag 10: Verbindung nach Hause

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Die Wichtigkeit von Tagen

Noemi hat mir, als sie mich vor über eine Woche vom Bahnhof abholte, erzählt, viele Menschen würden in Åboholm das Zeitgefühl verlieren. Nach kurzer Zeit wüssten sie nicht mehr, welcher Tag wäre oder wie lange sie schon hier wären.

Mir fiel der Überblick bis jetzt nicht schwer. Erstens habe ich mein Reisetagebuch, das beim Zählen hilft. Zweitens bot jeder Tag etwas Besonders und hatte damit einen eigenen Charakter. Und drittens gibt es immer wieder Daten, die mir etwas bedeuten. Geburtstage oder wichtige Termine von wichtigen Menschen.

Die Kumulation davon war am 10. Tag meiner Reise: Mein Mann hatte Geburtstag, die Tochter Abschlussfeier ihrer Schule. Selbstverständlich hatten wir im Voraus darüber geredet, dass es okay war, dass ich an dem Tag nicht zu Hause sein würde. Für alle zu Hause auf jeden Fall. Wie es für mich sein würde, aus der Ferne oder vielleicht gar nicht dabeizusein, konnte ich nicht abschätzen.

Als ich meine Reise antrat, wusste ich nicht, wie die Verbindung nach aussen sein würde. Die Ferienwohnungen in Åboholm haben kein WLAN, das steht auf der Website. Wie die Erreichbarkeit über mobile Daten sein würde, wusste ich nicht, und ich fragte auch nicht danach. Es war Teil des Unbekannten, auf das ich mich einlassen wollte.

Lange wusste ich auch gar nicht, ob und wie viele Daten ich zur Verfügung haben würde. Mein Handy, obwohl erst letzten Herbst gekauft, ist nicht e-Sim kompatibel (ich hatte nicht darauf geachtet, weil ich nicht einmal wusste, dass es so etwas gibt). Mein Aboanbieter bot bis diesen Juni keine Datenpakete im Ausland an, weshalb ich es in den Ferien immer als finanzielles Risiko empfand, Daten zu nutzen. Aber eben, dann machte besagter Anbieter den genialen Move, zum genau richtigen Zeitpunkt attraktive Datenpakete anzubieten, und ich schlug zu.

Ich habe also Daten, und Åboholm hat perfekten Empfang.

Die Verbindung nach Hause ist intakt.

Ich nutze sie rege. Bekomme Sprachnachrichten von meinen Kindern (und quassle zurück). Telefoniere mit meinem Mann und meinen Eltern. Chatte mit Freundinnen. Stelle Fotos auf WhatsApp und Instagram und reagiere auf die Reaktionen. Strecke die Fühler auch mal ganz vorsichtig Richtung Schule aus. Kann in Kontakt sein mit dem Verlag von Hera voll viral und der anderen schönen Nachricht aus der Buchbranche (Update folgt bald). Werde benachrichtigt, dass die Kaninchen jeden Tag gefüttert werden.

Mein Åboholm-Abenteuer ist kein Ich-habe-keinen-Kontakt-zu-meiner-Welt-Abenteuer.

Das war am Tag der verschiedenen Feiern besonders schön. Ich konnte von hier aus ein Geschenk für meinen Mann organisieren. Er konnte mir Fotos schicken von der Geburtstags- und Abschlussfeier (wie schön sie einfach alle aussahen), und spät in der Nacht konnte mir die Tochter in einer Sprachnachricht erzählen, wie der Tag für sie gewesen war (und ich konnte die Nachricht gleich abhören und beantworten, weil mein Körper es unnötig findet, müde zu sein, wenn es draussen nicht dunkel wird).

Es ist schön, auf diese Art dabei zu sein bei dem, was zu Hause läuft.

Und es ist herausfordernd, weil ich zwar zuhören, reagieren und vorschlagen kann, aber nichts machen. Nicht mitreden. Ein wenig dabei, aber nicht Teil davon sein. Machen lassen. Vertrauen.

Nicht meine leichteste Übung, aber auch nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte. Mein Vertrauen ist intakt, meine Entscheidung, hier zu sein, trägt, und so langsam bin ich sogar bereit, mich dem Flow hinzugeben und das Zeitgefühl zu verlieren.

Zu diesem Gefühl passt der neue Song einer Sängerin, deren Lieder mich seit einigen Monaten intensiv begleiten: No worries von Rachel Platten.

Neues und Bekanntes

Und sonst war schwimmen von der neuen Plattform aus. Dem Fischadler beim Kreisen zuschauen. Fun Facts mit der neuen Wwooferin. Das Begehen eines neuen Pfades und die Entdeckung eines weiteren paradiesischen Plätzchens wenige Minuten von Haus Astrid entfernt. Eine weitere Ebike-Tour zur nahen Bakstugan mitten im Wald, wo es Fika und Brot geben soll, die aber wie bei meinem letzten Besuch geschlossen war. Neue Wörter und Erkenntnisse im Manuskript. Spazieren in der Dämmerung, Tee trinken, lesen und irgendwann doch noch einschlafen und gut und tief schlafen.

Liebes Reisetagebuch, no worries ist gar nicht so schwierig in Åboholm.

Reisetagebuch Tag 9: Loppis

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Im Loppis-Paradies Motala

Von Ferien in Schweden war mir nicht nur das Konzept der Fika bekannt, sondern auch die Vorliebe der schwedischen Bevölkerung für ihre Loppis (Flohmärkte/Brockenstuben). Gefühlt sahen wir auf unseren Büslireisen alle paar Kilometer ein entsprechendes Schild oder einen Wegweiser. Diejenigen, die wir besuchten (oft waren sie mit einem Café verbunden), fand ich toll. Schöne Dinge, schön arrangiert. Auch kuriose Dinge, schön arrangiert.

Daher sagte ich gern zu, als Bruno und Noemi mich auf eine Loppis-Tour einluden. Für sie sind Loppis nicht nur zum Schauen und um sich an Schönem und Kuriosem zu freuen, sondern sie richten mit den Gegenständen die Ferienwohnungen auf Åboholm ein. Astrid brauchte zum Beispiel noch eine Ständerlampe für die Stube und eine Bratpfanne. Ich wünschte zudem ein paar Vorratsdosen für Kaffee, Haferflocken und so. Sven könnte einen Teppich mehr vertragen, und grundsätzlich wären Gartenmöbel und ein grosser Tisch eine gute Sache.

«Wir fahren nach Motala, das ist ein Loppis-Paradies», hatte Bruno gemeint. Auch würden wir dort gleich eine neue Wwooferin aus der Schweiz abholen. Die Autofahrt von Åboholm nach Motala dauert ungefähr eine Stunde, führt durch Wälder und Felder und bietet ein paar spektakuläre Ausblicke auf den Vättern, den zweitgrössten See Schwedens. Unterwegs machten wir noch Halt in einem Baumarkt (man kann nie genug Baumärkte sehen, oder?), dann steuerte Noemi das Industriegebiet von Motala und den ersten Loppis an.

Återvinningen war er angeschrieben. «Den kennen wir noch nicht. Mal schauen, was er taugt», meinte Noemi. Was soll ich sagen? Er taugte grossartig! Der Wwoofer aus Polen, der ein T-Shirt brauchte, fand eines. Ich kaufte eine perfekt passende Kaffeebüchse für Astrids Küche und bereute es wirklich, dass ich keine Ferienwohnung einzurichten habe. Was es da an Geschirr, Dekosachen, Küchengeräten, Möbeln, Einrichtungsgegenständen, … hatte!

Aber eben, da es kein Ferienhaus zum Einrichten gibt und der Platz in meinem Koffer beschränkt ist, hatte ich nach ein paar Runden durch den Loppis genug gesehen. Ich bezahlte meine Kaffeebüchse und setzte mich draussen auf ein Bänkli. Bald bekam ich Gesellschaft vom Wwoofer und seinem neuen Shirt. Da er mit dem Velo unterwegs ist und noch weniger Platz übrig hat in seinem Gepäck als ich, war auch er fertig mit diesem Loppis.

Und so sassen wir da, unterhielten uns miteinander und mit unseren Handys (die Aussicht war ausnahmsweise mal nicht soooo berauschend, s. Foto unten) und halfen schliesslich Noemi und Bruno, die gekauften Gegenstände in den Anhänger zu verladen.

Die nächsten beiden Loppis (immer noch im Industriegebiet von Motala) waren leider geschlossen. Vom einen hatte Bruno es gewusst, der andere (mit dem schönen Namen Loppis & Ägg, weil logisch verkauft man in seinem Loppis auch Eier, wenn man welche hat) war geschlossen, obwohl er laut Öffnungszeiten bis 17 Uhr offen sein müsste (und es war erst 16.50 Uhr). Das war sehr schade, denn durch die Fenster sahen wir richtig schöne Dinge und die Lounge vor der Tür wäre perfekt für Åboholm.

Wir fuhren zum Bahnhof und holten die neue Wwooferin ab. Die nächsten beiden Loppis, die wir in Motalas Zentrum ansteuerten, waren auch geschlossen. Der eine aus dem schönen Grund, dass der Sommer endlich hier sei und man deshalb nur noch bis 14 Uhr geöffnet hätte. Ein guter Grund für uns, ein Glacé zu kaufen, bevor wir weiterfuhren.

Auf dem Weg zum Einkaufszentrum für einen Åboholm-Grosseinkauf (und war da etwa noch ein Baumarkt?) passierten wir noch einen Loppis. Dieser hatte bis 18 Uhr geöffnet, und es war 17.50 Uhr. «Zehn Minuten, das schaffen wir!», motivierte Bruno. Wir schafften zwei Bratpfannen, einen Gartentisch und ein wenig Kleinkram.

Åboholm

Je näher wir auf der Heimfahrt Åboholm kamen, desto mehr wuchs die Spannung. Die junge Wwooferin, die den Ort zum ersten Mal sehen würde, war vorfreudig aufgeregt. Bruno und Noemi sassen schmunzelnd vorne im Auto, wohl wissend, dass sie den Ort lieben würde. Und ich sass neben ihr und war mit ihr aufgeregt. Weil ich wusste, wie es ist, wenn man nach Åboholm gefahren wird. Wenn aus den Bildern im Internet und der Vorstellung, die man sich gemacht hat, Realität wird. Eine Realität, die wahrscheinlich kein Foto jemals wirklich wird abbilden können.

War sie begeistert, als wir ankamen? Javisst!

Wir assen spät an diesem Abend und verschoben Fun Facts auf den nächsten Tag. Stattdessen gingen Noemi, Bruno, die junge Schweizerin und ich noch für einen Abendschwumm in den See. Natürlich von der neuen Plattform aus. Und natürlich war es magisch schön.

Liebes Reisetagebuch, Loppis-Dinge werde ich keine nach Hause nehmen können. Aber so viele Erinnerungen!

Reisetagebuch Tag 8: Magische Momente

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Vitsand

Ich war mit Noemis Ebike in den nahen Nationalpark Tiveden gefahren. «Beim weissen Sand ist es schön», hatte die deutsche Wwooferin gemeint. Vitsand war einfach zu finden auf Maps und auch schon früh mit Wegweisern gekennzeichnet. Vitsand würde es also sein.

Irgendwann war ich mir dann doch unsicher, ob ich nicht vom Weg abgekommen sei, und schaute noch einmal auf Maps nach. 3 min mit dem Velo bis zum Ziel. Mit dem Ebike also höchstens 2 min. Noch war ich aber mitten im Wald. Ein paar Autos und Wohnmobile hatte ich getroffen, sonst war da nichts, was auf eine Touristenattraktion hindeutete.

Ich fuhr die zwei Minuten, passierte einem Parkplatz, bog um die Ecke – und sah immer noch nichts. Noch etwa hundert Meter, und da war er – der weisse Sandstrand mitten im Nationalpark. Von Nadelbäumen umgeben. Felsen am einen Ufer. Ein paar Menschen im Wasser und am Strand. Umkleidekabinen. Wanderwegweiser. Touristisch ja, und gleichzeitig der friedlichste Ort, den man sich vorstellen kann.

Ich schloss das Ebike ab, setzte mich an einen Tisch im Nadelwald, ass und trank etwas. Und dann ab in die Umkleidekabine, ins Bikini, in den See!

Er ist flach, der See beim weissen Sand. Ich schwamm ein bisschen, kniete aber hauptsächlich einfach im weichen Sand, genoss das einigermassen warme Wasser, das mich umspülte, die berauschende Umgebung, die Schönheit um mich herum, die Stille, die regelmässig von zwei schwedischen Mädels unterbrochen wurden, die im See herumplantschten und aus voller Kehle «My heart will go on» über das Wasser schmetterten.

Und da war er: Der Moment, in dem ich realisierte, dass ich wirklich hier bin.

Eine Woche nach meinem Aufbruch von zu Hause, der langen Fahrt auf Sitz 111, der leichten Atemlosigkeit, bis ich auch wirklich sicher auf der Fähre nach Schweden war.

Nun sass ich in diesem See und war überwältigt. Ich habe die Möglichkeit für diesen Urlaub bekommen, und ich habe sie gepackt. Habe gewünscht, recherchiert, geplant. Bin gereist und angekommen.

Abendroutine

Vorgestern ist mir aufgefallen, dass ich keine Abendroutine habe im Haus Astrid. Klar, die Abende laufen unterschiedlich ab, je nachdem ob ich nach dem Abendessen etwas mit den anderen mache, ob ich mit jemandem zu Hause telefoniere oder ob ich einfach für mich bin.

Aber immer kommt einmal der Moment, in dem ich mit mir allein im Haus bin. Zu müde zum schreiben, zu wenig müde, um schon ins Bett zu gehen. Und dann sitze ich da, oft mit dem Handy in der Hand, und weiss nicht so recht.

Aber jetzt habe ich ja meine potentielle Elch-Lichtung. Den Pfad, den ich mich auch in der Dämmerung zu gehen getraue.

Zweimal sind noch keine Routine, aber ein Abendspaziergang und dann eine Tasse Tee auf dem Sofa, während ich auf den See (und ja, auch ins Handy oder in den E-Reader) schaue und der Welt beim Nie-ganz-dunkel-werden zuschaue, das könnte eine werden.

Da war übrigens noch so ein magischer Moment, als ich in der Dämmerung spazieren war. Elche waren keine in Sicht, aber plötzlich sprangen einige Meter vor mir zwei kleine, braune, pfeilschnelle Tiere auf den Pfad. Junge Füchse? Hasen? Sonst etwas Flauschiges?

Ich blieb stehen. Da waren sie wieder! Zwei Hasen, die sich ein  Wettrennen oder sonst ein Battle lieferten. Ganz in meiner Nähe, in der schwedischen Abenddämmerung.

Die Pfannkuchentorte

Die deutsche Wwooferin hatte Lust, eine Pfannkuchentorte wie in Pettersson und Findus zu machen. Zu unser aller Glück hatte sie nicht nur Lust darauf, sondern machte sie tatsächlich.

Auch  ein magischer Moment, in die Gemeinschaftsküche zu kommen, und dann steht da einfach diese Torte aus Pfannkuchen, garniert mit Erdbeeren. Sie stand übrigens nicht lange so da.

Liebes Reisetagebuch, wie schön, dass ich hier sein darf!

Reisetagebuch Tag 7: Unterwegs

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Einkaufen in Askersund

Die amerikanische Wwooferin wollte weiterziehen und brauchte eine Mitfahrgelegenheit bis zur Bushaltestelle in Askersund. Noemi würde dies mit dem Einkauf für die Gemeinschaft verbinden. Ich fragte, ob ich sie begleiten dürfe. Einige meiner Vorräte drohten nämlich bereits auszugehen, und ich hatte ein paar Dinge gefunden, die mir in meiner WG mit Astrid noch fehlten (z.B. Zeckenspray).

«Winkel!», rief Bruno, als wir mit dem Auto an ihm vorbeifuhren. Noemi hielt an, und wir schauten ihn fragend an. «Hat er euch nicht gezeigt, welche Winkel ihr aus dem Baumarkt mitbringen müsst?» Er war der deutsche Wwoofer, der uns gerade fröhlich zugewunken, aber nichts von Winkeln gesagt hatte. «Ich habe ihn eben daran erinnert», wunderte sich Bruno und rief seinen Namen. «Sorry!», tönte es zurück, und er kam angerannt, in der Hand einen Winkel, von dem er noch vierzig weitere brauchte, um das Gewächshaus zu stabilisieren. «Ich hab’s vergessen.» – «Mit dir ist es wie mit Michel aus Lönneberga», meinte Noemi lachend. «Man hat immer einen Grund, deinen Namen zu rufen.» Was wir daraufhin natürlich alle machten und er zum Glück mit Humor nahm (wovon wir ausgegangen waren, denn Humor zeichnet diesen jungen Mann sowas von aus).

Danach fuhren wir die gut zwanzig Autominuten bis Askersund, wo wir uns von der jungen Frau aus den USA verabschiedeten. Sie fährt erst nach Stockholm und dann für weitere Wwoofing-Aufenthalte nach Dänemark. Im August fliegt sie schliesslich zurück zu ihrem Studium in die Vereinigten Staaten. Ich war überrascht, wie leicht es allen fiel, goodbye zu sagen. Es ist wohl einfach ein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft in Åboholm, dass Leute kommen und gehen.

Noemi und ich kauften Lebensmittel in Coop und ICA, gingen in die Apotheke für meinen Insektenspray und anschliessend zu Bergqvist, dem Baumarkt. Wir fanden die richtigen Winkel, allerdings hatte es nur noch 31. Während Noemi etwas anderes holte, fand ich eine weitere Schachtel mit den richtigen Winkeln. Diese war noch zu, verschlossen mit diesen Plastikbändern, die man so schlecht wegkriegt. Ich versuchte es trotzdem, kriegte sie auf und nahm 9 weitere Winkel raus.

«Dich kann man schon nicht allein lassen!» Noemi stand lachend neben mir. – «Denkst du, das war nicht okay?», fragte ich. – «Sicher nicht so gedacht. Aber effizient! Finde ich gut.» (Ich bin nicht sicher, wie schlimm der Regelbruch aus schwedischer Sicht war. Ich glaube, ich hätte die Schachtel auch in einem Schweizer Baumarkt geöffnet, ohne das Gefühl, etwas Grenzüberschreitendes zu tun.)

Statt mit in den Baumarkt zu fahren, hätte ich natürlich auch eine Weile in Askersund bleiben können. Dem hübschen Flussufer entlang promenieren, eine Glacé kaufen und andere Touristinnendinge tun. Aber dazu hatte ich gar keine Lust. Ich war total fein damit, im Baumarkt Winkel zu kaufen und mich dann zurück nach Åboholm fahren zu lassen.

Spaziergänge

Nach dem Mittagessen probierte ich den Insektenspray aus und machte einen meiner Streifzüge durch den Wald rund um Åboholm. Bis jetzt folge ich dabei immer den gekiesten Forstwegen, auch wenn die manchmal abrupt enden oder auf ein Grundstück führen, von dem ich nicht weiss, ob ich jetzt da noch durchgehen soll/darf oder nicht.

Nun habe ich mir aber von Bruno erklären lassen, dass die wirklich schönen Wege die Trampelpfade sind, und jetzt, wo ich dank meinem Spray besser vor Zecken geschützt bin, werde ich auch diese ausprobieren.

Am Abend folgte ich einem Reitpfad (der eher in die Kategorie Trampelpfad als Waldstrasse gehört) zu einer Lichtung, auf der Gäste von Åboholm schon Elche gesehen haben. Ich war zu früh dran für Elche (ich wollte den Weg zum ersten Mal erkunden, wenn es noch nicht dämmerig ist. Ich fürchte mich zwar nicht, wenn ich allein unterwegs bin, aber in der Dämmerung kann sich meine Fantasie manchmal schon lustige oder eben gruslige Dinge ausdenken).

Also keine Elche (ich bleibe dran), dafür war eine anderes Spezies zahlreich unterwegs: die Mücken.

Leider hatte ich vergessen, meinen brandneuen Insektenspray vor dem Abendspaziergang noch einmal anzusprühen, und so habe ich nun einige ziemlich lästige Mückenstiche auf den Armen, hinter den Ohren (!) und an den Händen. Mein Ziel ist es, möglichst wenige von ihnen aufzukratzen (keine geht leider schon nicht mehr).

Das Kapitel

Der heutige Schreiberfolg: Ich habe aus einem Kapitel rausgefunden! Keine Ahnung, wie lange ich mich mit dem schon herumschlage. Weder wusste ich, wo im Manuskript es hingehört, noch wohin es führen soll, noch verhielt sich die Protagonistin so, wie es zu ihr passte. Bereits im Zug nach Hamburg fand ich eine Stelle, die ich unbedingt umschreiben musste, und schliesslich fand ich noch heraus, dass es einen anderen Einstieg braucht . Nun habe ich es geschafft: Das Kapitel ergibt Sinn, bietet einen Mehrwert, hat mir Einiges über die Charaktere verraten, und das Beste ist: Ich weiss auch schon, wie es von hier aus weitergeht!

Liebes Reisetagebuch, beim Schreiben ist es wie beim Spazieren: Manchmal ist es besser, die festgetretenen Pfade zu verlassen.