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Am See

Es war halb elf Uhr während der «Langen Nacht der Kirchen». Eine kleine, buntgemischte Gruppe von Menschen war noch immer versammelt, und ihnen durfte ich diese Geschichte vorlesen.

 

Ruhig liegt er vor ihr, der grosse See, der an dieser Stelle ganz überschaubar wirkt.

Sie weiss, dass er nicht immer ruhig liegt, sie hat es vor zwei Jahren erlebt. Damals waren sie mit dem Kanu auf dem See unterwegs, die ganze Familie. Zwei Kinder, die fröhlich ein Paddel in der Hand hielten und damit auf dem Wasser herumklatschten. Sie selbst, die eine Ahnung hatte vom Paddeln, aber keine vom Steuern eines Kanus. Und ihr Mann, kräftig im Paddeln und sicher im Steuern. Der Wind kam auf, als sie die Halbinsel, die sie ansteuerten, beinahe erreicht hatten. Nur noch schnell durch den kleinen Kanal rudern und zum anderen Ufer des Sees schauen! Nachdem sie den Kanal wieder verlassen hatten, spürten sie, wie der Wind heftiger wurde. Schnell zurück! Ihr Mann und sie begannen, koordinierter zu paddeln, wiesen die Kinder an, es ihnen gleichzutun. Sie hatten die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als die näherkommenden Wolkentürme begannen, bedrohlich zu wirken. Wasser rund um sie her, Wind von der Seite, das rettende Ufer mit dem Steg in guter Sichtnähe, doch kaum näherkommend. Wir schaffen es! Natürlich. Was denn sonst? Sie liess den Gedanken nicht zu, hielt sich verbissen an die Anweisungen ihres Mannes, spornte die Kinder an und liess die Angst erst zu, als sie sie in der Stimme ihres Mannes wahrnahm. Das Ufer war nahe, doch der Steg entfernte sich. Der Wind blies das Kanu von ihm weg, in Richtung des undurchdringlichen Schilfgürtels. Mama? Kommen wir ans Ufer? Natürlich. Was denn sonst. Rudern, so wie Papa es sagt, kräftig. Wir schaffen es. Zug um Zug gegen den Wind, weg vom Schilf, hin zum rettenden Steg.

Während sie nun am Ufer sitzt und auf den ruhigen See schaut, kann sie sich nicht erinnern, ob ihr Mann schliesslich ins Wasser sprang und sie die letzten Meter ans Ufer zog oder ob sie es mit Paddelkraft schafften. Sie weiss noch, dass besorgte Menschen auf dem Steg standen und aufatmeten, als sie anlegten. Sie spürt noch die Erleichterung, mit der sie ihre Kinder in den Arm nahm und ihrem Mann, dessen Ruhe und Stärke sie gerettet hatten, dankbar zulächelte.

Jetzt lächelt sie dem ruhigen See zu. Heute hat er sein Versprechen gehalten. Vor wenigen Stunden ist sie mit ihrer Familie wieder in ein Kanu gestiegen, über den See zur Halbinsel gepaddelt, durch den kleinen Kanal hindurch und wieder zurück. In guter Stimmung, ohne Angst, ohne sorgenvolle Blicke zum Himmel, mit viel Spass, Gelächter und spritzenden Rudern. In Sichtweite des Stegs haben sie angehalten, die Kinder sprangen kreischend ins Wasser, genossen den Auftrieb der Schwimmwesten und hievten sich kichernd und prustend zurück ins schwankende Kanu.

Ruhig liegt der See vor ihr, ruhig werden ihre Gedanken, wird ihr Geist. Sogar die Stimmen vom nahen Spielplatz her wirken gedämpft. Nicht dass die spielenden Kinder gedämpfter Stimmung wären, sie sind nur satt. Satt vom Abendessen, das vor den meisten Wohnwagen, Zelten und VW-Bussen bereits eingenommen wurde. Satt von der Sonne und der Wärme des Tages, die sie auf der Haut spüren, vielleicht verstärkt durch eine heisse Dusche. Satt von der frischen Luft, der Bewegung und den Abenteuern, die ein Campingtag am See bieten. Satt auch vom Spielen mit den altbekannten und den neuen Freunden und Freundinnen. Sie fühlt dieselbe Sattheit, während sie am See sitzt und sich von seiner Ruhe einnehmen lässt. Einer Ruhe, die sie selten so spürt. Warum eigentlich?, wundert sie sich. Warum fühle ich mich so viel ruhiger, satter und sicherer, wenn ich auf einem Campingplatz am Ufer eines unberechenbaren Sees sitze, als wenn ich zu Hause bin? Was ist der Grund, dass sich diese Weite um mich herum mehr wie ein Daheim anfühlt als mein eigener Garten? Weil es besonders ist, weil es nicht Alltag ist, gibt sie sich selbst zur Antwort und lässt es genügen. Ihre Gedanken schweifen vom Warum zum Wie, zu dem prallen, fröhlichen, banalen Leben auf dem Campingplatz, dieser Schicksalsgemeinschaft für ein verlängertes Wochenende, die die Devise «leben und leben lassen» konsequent verinnerlicht zu haben scheint. Sie denkt an das Rennen, dass sie sich am Ende ihrer Kanutour mit einer anderen Crew lieferten und zu ihrer Freude gewannen. Schmunzelnd denkt sie an die netten jungen Männer aus dem Verliererkanu, die ihnen anschliessend beim Ausufern halfen und von denen sich ihr Sohn gar nicht mehr trennen mochte. Er durfte Teil sein der lustigen Runde, die sich als feucht-fröhlicher Junggesellenabschied entpuppte, bekam Schorle statt Sangria und warf beim Schwedenschach den letzten Zug, weil er zwar mit Abstand der jüngste Mitspieler war, gleichzeitig aber auch der mit Abstand noch treffsicherste. Zwei von uns sind Lehrer, wir sind verantwortungsvoll!, hatten die jungen Männer ihr versichert.

Sie schmunzelt, während ihr Blick noch immer auf das Wasser gerichtet ist. Als ob betrunkene Lehrer vertrauenseinflössender wären als betrunkene Nichtlehrer! Sie muss es wissen, sie war selbst einmal Lehrerin. Die feucht-fröhliche Runde ist weitergezogen, unternimmt eine weitere Tour auf dem Wasser, ihr junger Bewunderer hat sich wieder in die Gruppe der Gleichaltrigen auf dem Spielplatz eingegliedert.

Schade, dass man nicht am See entlangspazieren kann, denkt sie. Andererseits hat der Ort wohl gerade dem angrenzenden Naturschutzgebiet seine Ruhe und Schönheit zu verdanken. Sie steht auf, geht am Spielplatz vorbei, wo sie den Kindern zulächelt, den eigenen und den fremden. Geht zu ihrem Mann und fragt ihn, ob er mit ihr einen Abendspaziergang mache. Halt nicht dem See entlang, aber vielleicht finden sie ja einen anderen Weg.

Sie finden ihn. Gleich neben dem Eingang des Campingplatzes zweigt ein Trampelpfad in den Wald hinein. Sie folgen ihm und werden zu einer Lichtung geführt, einem hellen Fleck mitten im Wald, geheimnisvoll und schön. Ein Ort zum Verweilen, doch sie verweilen nur kurz, bevor sie weitergehen auf ihrem Abendspaziergang, der sie auf dem schmalen Trampelpfad bald ins undurchdringliche Dickicht führt. Das war wohl nichts, lass uns umkehren. Wieder vorbei an der Lichtung, die beim zweiten Mal bereits weniger zauberhaft wirkt, hinaus aus dem Wald, und da hören sie es: Das unheilverkündenden Dü-da eines Rettungsfahrzeuges. Es ist nicht das erste heute, offenbar hat die nahe Stadt ein gutbesuchtes Krankenhaus. Doch dieses Dü-da kommt näher, und ein Blick bestätigt die Befürchtung: Das Ambulanzfahrzeug biegt auf den Campingplatz ein. Vor der Schranke bleibt es stehen, sie und ihr Mann unmittelbar daneben, plötzlich mitten im Geschehen. Es ist einer der jungen Junggesellen, der vom See herbeieilt, um die Schranke zu öffnen. Gefolgt von ihrem Sohn, der ja ein guter Freund dieser Freunde des zukünftigen Bräutigams geworden ist. Was hat er?, fragt der junge Freund. Schnittwunden, antwortet der Ältere und leitet die Ambulanz Richtung See.

Und so kommt es, dass sie wieder auf den ruhigen See schaut. In gebührendem Abstand zum Ufer steht sie da, den Blick auf den blinkenden Krankenwagen gerichtet. In gebührendem Abstand auch zu den Spielgeräten auf dem Spielplatz, auf denen sich die Campingkinder versammelt haben. Ruhig, respektvoll, voller Anteilnahme und schaudernder Neugier schauen sie auf das Boot, das ruhig über den ruhigen See kam und den verletzten jungen Mann und seinen Freund an den Anlegeplatz brachte. Es scheint lange zu dauern, bis die Rettungsleute so weit sind, dass sie den Verletzten aus dem Boot ins Auto tragen können. Die Kinder bleiben die ganze Zeit über auf ihren Aussichtsplätzen, die Erwachsenen schüchtern im Hintergrund. Erste Gerüchte machen die Runde. Es ist der Bräutigam. Betrunken Boot gefahren. Das konnte ja nicht gutgehen.

Ruhig liegt der See, sachte schaukelt das Boot mit den Sanitätern in ihren hellen Jacken. In der Ferne taucht ein blau blinkendes Licht auf, das stetig näherkommt. Die Seepolizei, raunen diejenigen, die es wissen müssen. Neue Gerüchte, neue Vermutungen. Noch mehr Menschen, die gewusst haben, dass es nicht gutgehen konnte. Ruhig gleitet das blaublinkende Boot an den Strand. Die Kinder versammeln sich auf dem Floss, zwischen Ambulanz und Polizeiboot, die Erwachsenen wagen sich näher heran. Zeugenbefragungen. So wirklich scheint niemand etwas gesehen zu haben oder zu wissen. Die Gerüchte verstummen. Es dauert nicht lange, und die Polizei weiss, was sie wissen muss. Mit hochgekrempelten Hosenbeinen, Schuhe und Socken in der Hand, watet der Seepolizist durch den ruhigen See zurück zu seinem blinkenden Boot. In der Zwischenzeit konnte der Verletzte in den Rettungswagen gebracht werden. Er ist ins Wasser gefallen, so munkeln die Erwachsenen nun. In die Schiffsschraube geraten. Er hat dunkle Haut, erzählen die Kinder, es könnte wirklich der Bräutigam sein. Die Boote verlassen den Strand, während das noch immer blinkende Ambulanzfahrzeug langsam vom Campingplatz fährt. Kinder, es ist Zeit, ins Bett zu gehen. Und habt ihr gesehen, was passieren kann, wenn man zu viel Alkohol trinkt? Gute Nacht, sagen die Erwachsenen und ergänzen hinter vorgehaltener Hand: Immerhin wird die Nacht wohl nicht so laut, wie wir befürchtet hatten. Der Junggesellenabschied ist vorbei.

Ruhig liegt der See.

Er wird auch am nächsten Morgen noch ruhig liegen, wenn sie erfahren, dass es nicht der Bräutigam war, der von der Schiffsschraube verletzt wurde. Es gibt keine junge Frau, die sich wundern muss, ob sie sich wirklich für den richtigen Mann entschieden hat. Der Verletzte war ein junger Mann, den die Junggesellen zufällig während ihrer Kanufahrt auf dem See getroffen hatten und der mit ihnen feierte. Der ein eigenes Boot besitzt, dessen Schraube ihm nach einem Sturz in den See Schnittwunden zugefügt hat. Sie werden heilen, so erzählen die nicht mehr ausgelassenen jungen Männer am nächsten Morgen, während sie, wie die meisten Besucher auf dem Campingplatz, ihre Zelte abbrechen.

Es ist Zeit für einen letzten Blick auf den ruhigen See, auf dem so viel Unruhiges geschehen kann. Ein letzter Blick auf seine ruhige Oberfläche, ein letztes Mal die Ruhe einatmen, die von ihm ausgeht, und dann in den VW-Bus steigen, der langsam vom Platz rollt. Weg von diesem Ort, an dem Glück und Unglück so nahe beieinaner liegen, wie sie das meistens tun.

Einfach anfangen

Heute ist ein Schreibmorgen geplant, ein Morgen nur für mich und meine Schreibprojekte. Kein Haushalt, kein Geschäft, keine Kontakte mit der Aussenwelt. Also – abgesehen vom Arzttermin um 7.30 Uhr, der Praxisbesichtigung um 11 Uhr, einem Telefongespräch, ein paar WhatsApp-Nachrichten und dem Vorbereiten des Mittagessens. Es ist kein reiner Schreibmorgen, aber es sind genau jetzt – zwischen 9.00 und 10.30 Uhr – eineinhalb Stunden Schreibzeit.

Eineinhalb wertvolle, ungestörte Schreibstunden. Und nun?

Ach, ehrlich gesagt fühle ich mich gerade ziemlich uninspiriert. Ich höre noch etwas Musik und schaue nach, ob sich in meiner Facebook-Timeline oder bei Instagram etwas inspirierend Aufbauendes findet. Ich räume noch schnell die saubere Wäsche in die Schränke, und dann brauche ich dringend einen Kaffee! Wo setze ich mich eigentlich hin zum Schreiben? Ins Büro, ins Wohnzimmer, auf den Sitzplatz, oder packe ich den Laptop ins Velokörbli und fahre in ein Café? Zu einem Bänkli am Waldrand?

Wo liegt sie nun, diese heilige Inspiration, die mich durch die nächsten eineinhalb Stunden tragen wird?

Natürlich kann es sein, dass sie mich auf Facebook oder YouTube anspringt oder dass mich die einsame farbige Socke inmitten der schwarzen T-Shirts im Wäschekorb zu einer Geschichte anregt. Dass ich mich dank meiner schwedischen Kaffeetasse in neue Welten denke oder dass ein paar Minuten Bewegung auf dem Velo meine Schreib-Hirnregion anregen. Kann sein.

Doch die ganze schöne Inspiration nützt mir nichts, wenn ich nicht anfange zu schreiben!

Es ist für mich immer wieder der schwierigste Teil. Das Word-Dokument öffnen, sei es ein neues, leeres, das gefüllt werden will, oder sei es eine angefange Geschichte, die weitergehen soll. Einfach hinsetzen und schreiben, ob die Inspiration nun da ist oder nicht. Die Grenze in die Welt des Schreibens überschreiten. Ich habe im Lauf der Zeit meine Tricks und Rituale gefunden, die mir den Übergang erleichtern, aber am Ende läuft es auf genau einen Punkt hinaus:

Ich fange an zu schreiben.

Inspiriert oder nicht. Begeistert oder nicht. Konzentriert oder nicht. So wie ich auch die anderen Tagesgeschäfte erledige. (Wie würde unser Haushalt wohl aussehen, wenn ich immer erst auf die Inspiration zum Waschen und Kochen warten würde?) Vielleicht kommt er dann, der ganz grosse Flow, dieser Rausch, der das Schreiben zur Sucht macht. Vielleicht poppt während den eineinhalb Stunden plötzlich ein herrliches kleines Glücksgefühl auf. Vielleicht finde ich den entscheidenden Twist in meiner Geschichte, oder es fliesst mir ein Satz für die Ewigkeit aus der Tastatur. Vielleicht schreibe ich auch einfach so vor mich hin.

Ich weiss nicht, was während dem Schreiben entstehen und passieren wird. Aber ich weiss, dass weder etwas passiert, noch etwas ensteht, wenn ich nicht anfange zu schreiben.

Also fange ich an. Wer noch?

Kill your Darlings

Ich habe es getan: Eine Figur, die ich sehr gut mochte, aus dem Manuskript gestrichen. Lieblingsszenen weggelassen. «Perfekte» Sätze gekillt.

Mein Herz ist jedes Mal ein bisschen gebrochen dabei.

Aber es stimmt: Sie fehlen nicht. Sie machen Platz für das, was sich hinter/unter/neben ihnen versteckt hat. Es hat sie gebraucht beim Schreiben, es braucht sie nicht beim Lesen.

Einige vergesse ich tatsächlich gleich nach dem Löschen, bei anderen bleibt ein kleiner Abschiedsschmerz hängen (ach, sie waren so schön, diese pinken Blumenaugen, auch wenn sie nicht in die Story gehörten!).

Wovon ich schreibe? Von Milena Mosers Schreibtipp, der mich – als ich ihn während ihrem Schreibkurs das erste Mal hörte – entsetzt hat. Wie bitte? Streichen? Das, was mir gefällt? Habe ich das wirklich richtig verstanden? Ich habe. Und sie hat recht.

 

Monstermässiger Zielcheck

Im Januar schrieb ich unter «Schreibziel 2018«:

Ziele sind da, um verändert zu werden.

In dem Sinn: Ja, ich setze mir ein Schreibziel für das Jahr 2018. Ein realistisches, lustvolles, messbares:

Ich schreibe 2018 jede Woche mindestens 3’000 Wörter an einem meiner Schreibprojekte und/oder an Schreibübungen. Die Schreibwoche beginnt am Montag und endet am Sonntag.

Ich freue mich darauf!

 

Seither sind fast drei Monate vergangen, ein Vierteljahr ist also schon beinahe um (ehrlich, ist so!). Zeit für eine Zielüberprüfung.

 

Habe ich mein Ziel von 3’000 Wörtern in der Woche erreicht?

In den vergangenen 11 Wochen habe ich 9 Mal mehr als 3’000 Wörter geschrieben, zweimal waren es weniger. In den beiden Wochen, in denen es nicht gereicht hat (die letzten beiden übrigens), habe ich sehr intensiv mein aktuelles Manuskript überarbeitet, dabei aber keine neuen Szenen geschrieben (gab also  keine Wörter zum Zählen). Letzte Woche habe ich nicht einmal die wöchentliche Schreibübung gemacht, weil ich meine ganze Schreibzeit für das Manuskript aufwendete.

Hat es Spass gemacht, mein Ziel zu erreichen?

Am Anfang hat es Spass gemacht, die Anzahl Wörter aufzuschreiben und zusammenzuzählen, mit der Zeit wurde es eher etwas lästig. Aber es war und ist eine zusätzliche Motivation, Texte ausserhalb meines Manuskripts zu schreiben, und das tut mir gut.

Behalte ich mein Ziel bei?

Ich behalte die Idee von einer bestimmten Anzahl Wörter pro Woche bei. Allerdings reduziere ich die Wörter auf 2’500 in der Woche. Das hat einen guten Grund:

Willkommen liebes Motivationsmonster!

Ich habe die tolle Seite www.monstermotivation.de gefunden und ein Monster adoptiert! Mein Monsterchen heisst Daggy und benötigt pro Woche 2’500 Wörter, damit es ihm gut geht. Im Moment ist es ein Armes, es hat Hunger und lässt die Mundwinkel hängen. Sobald ich ihm ein paar Wörter füttere, wird sich sein Befinden bessern, und es wird mich anlächeln. Daggy zu füttern macht viel mehr Spass als eine Wordcount-Tabelle zu führen, deshalb mache ich meinen Wordcount von nun an direkt bei meinem Monster. Da muss ich weder zählen, noch rechnen, sondern sehe an Daggys Gesicht, ob ich mein Wochenziel erreicht habe oder nicht.

Ich hatte Angst vor Schlangen

Ich hatte eine Schlangenphobie. So eine, bei der der Gedanke an eine Schlange Gänsehaut auslöst. Genauso Bilder von Schlangen und diese unsäglichen Gummiviecher. Filme waren noch schlimmer. Sobald sich die Schlange bewegte, schlängelte und im schlimmsten Fall züngelte, schloss ich schaudernd die Augen und es schüttelte mich. Schlangen im Zoo? Ohne mich. Blindschleichen im Garten? Ohne mich. Blindschleichen im Keller? Da musste ich mich mal getrauen, aber es war schwierig.

Ich lebte bisher gut mit meiner Schlangenphobie, sie hat mich in meinem Alltag nicht (oder nur sehr selten) behindert. Nun war ich am Wochenende im Rahmen meiner Tätigkeit als Lösungsorientierte Beraterin an einer Weiterbildung. Dabei ging es um das Lösen von Phobien. Zuerst behielt ich sie zurück, meine Schlangenphobie. Sie stört mich ja nicht. Ich kenne sie so gut. Wozu sollte ich etwas ändern daran? Doch als uns gegen Ende des Wochenendes so langsam die Phobien ausgingen, mit denen wir arbeiten konnten, kramte ich sie hervor, meine Angst vor Schlangen. Die irrationale Angst, diejenige, die auch Blindschleichen, Fotos, Filme, Gummiviecher und sicher eingesperrte Schlangen umfasst.

«Wann triffst du zum nächsten Mal auf eine Schlange?», fragte meine Beraterin zum Schluss.

«Wann ich will», antwortete ich. «Der Freund meines Sohnes hat eine zu Hause. Ich kann ihn fragen, ob ich sie sehen darf.»

«Und anfassen?»

«Nein! Das nicht. Aber ansehen – ja, ich werde ihn fragen!», gab ich ohne Gänsehaut zur Antwort.

Heute hat mein Sohn mit seinem Freund abgemacht. Ich begleitete ihn zu dem Freund nach Hause. Der Freund war begeistert, als ich ihn bat, seine Schlange anschauen zu dürfen. Er führte mich ins Zimmer mit der Schlange, öffnete das Terrarium, hob den Ast hoch, unter dem sie sich versteckt hatte, und nahm die Schlange heraus.

«Hier.»

Ich schaute sie an. Ganz ohne Gänsehaut. Ganz ohne Schaudern. Sie züngelte nicht. Sie wand sich um den Arm des Jungen. So what? Ich schaute ihr in die Augen. Ich habe noch nie im Leben einer Schlange in die Augen geschaut. Sie hatte nette Augen. Der Junge erklärte mit lang und breit, wie sie sich anfühlen würde. Ich schaute sie an, streckte den Finger aus und tippte sie kurz an. Wirklich nur kurz, als sich der Kopf in meine Richtung bewegte, zog ich den Finger schnell zurück. Trotz ihrer netten Augen. Immer noch ohne Gänsehaut. Er liess die Schlange zurück ins Terrarium kriechen, erzählte mir, dass man ihre Rippen spüren könnte, und mein Finger bewegte sich wie von selbst und strich ihr über einen Teil des Rückens.

Ich hatte eine Schlangenphobie. Jetzt ist sie weg.

(Wir haben nicht zaubern gelernt an unserer Weiterbildung, aber ein bisschen magisch fühlt es sich trotzdem an!)

Schreibübung «Licht»

«Magst du?», hatte meine Schreibfreundin gefragt, und ich hatte ja gesagt zu vier Schreibübungen in vier Wochen. In der zweiten Übung ging es um Licht. Mir hingegen fiel der Laden runter. Oder so. Kä Luscht. Ich bemühte mich, glaubte erstaunlich lange daran, dass schon noch etwas werden würde aus dem Text. Doch leider nein. Hier also das unzensurierte Beispiel für einen Text, aus dem nichts wurde ausser einer Schreiberfahrung. Die ganz echte Unlust der Autorin am Schreiben über dieses Thema zu diesem Zeitpunkt. Auch das ist Schreiben!

 

«Schreiben Sie heute über das Licht».

Heute, an diesem trüben Tag, soll ich über Licht schreiben. Bisher ist mir noch gar nicht aufgefallen, wie trüb er ist. Ich habe ihn sowieso drinnen verbracht, zuerst an einer inspirierten Sitzung, danach bei einem lustigen Mittagessen mit den Kindern, schliesslich mit anstrengend-langweiliger Buchhaltung. Die Sitzung wäre nicht weniger inspiriert, die Buchhaltung nicht weniger langweilig und das Mittagessen nicht ernster gewesen, wenn die Sonne geschienen hätte. Im Gegenteil, dank der trüben Wolken, aus denen Schnee fiel, waren die Kinder den ganzen Morgen hindurch beschäftigt, und die Sitzung konnte ungestört inspirierend werden.

Was mich hingegen empfindlich gestört hat, war die Kälte in meinem Büro. Trotz Pulswärmern und Wolljacke habe ich gefroren während meiner Buchhaltung. Zu wenig, um den ganzen Krempel an einen wärmeren Ort zu zügeln oder mich endlich mit meinem unkooperativen Heizkörper herumzuschlagen, aber doch so, dass sich die buchhalterische Arbeit noch etwas unangenehmer anfühlte, als sie es ohnehin schon tat.

Schreiben Sie über Licht. Nicht über trübe Tage und kalte Büros.

Sonnenlicht. Kerzenlicht. Neonlicht. LED-Licht. Tageslicht. Kaltes Licht. Warmes Licht. Bildschirmlicht. Flackerndes Licht. Fehlendes Licht. Licht aus der Taschenlampe. Lichtstrahl. Unheimliches Licht. Heimeliges Licht. Lichtermeer. Lichterkette. Es werde Licht. Schalt das Licht aus. Schalt das Licht ein. Nachtlicht. Licht und Schatten. Ihr seid das Licht der Welt. Licht ins Dunkel bringen. In Deinem Licht sehen wir das Licht. Das Licht der Strassenlampe. Scheinwerferlicht. Ein Licht erhellt die Nacht. Im Licht der Autoscheinwerfer. Lichtblick. Nordlicht. Windlicht. Räbeliechtli. Friedenslicht.

Ich kann keinen Text über Licht schreiben, ohne dabei klischeehaft zu werden. Natürlich waren da die endlosen Sommertage im Norden. War das verzauberte Spätnachmittagslicht auf Amrum. Sind die erwartungsvoll flackernden Kerzen im Schlafzimmer. Gab es am Schlittelwochenende die Momente, in denen plötzlich die Sonne durch die Wolken brach. Haben wir an Weihnachten das Friedenslicht nach Hause getragen. Das kommt mir zwar in den Sinn, aber darüber mag ich nicht schreiben. Nicht jetzt. Nicht, weil ich über Licht schreiben soll. Vielleicht ein andermal, wenn es mich berührt, das magische Licht, das bedeutungsvolle Licht, das strahlende Licht, welches das Dunkel erhellt.

Unterdessen ist es dunkel vor meinem Fenster. Das Tageslicht ist weg, die Fenster der Nachbarshäuser sind beleuchtet. Ich schüttle den Kopf über mich und meine Weigerung, mich auf das Thema einzulassen. Nein, heute ist mir kein Licht aufgegangen.

P.S. Es gibt ein Lied meiner Lieblingsband, das heisst «Lights and Shadows». Das höre ich mir jetzt an.

Überarbeiten

Motivation sammeln. Zusammentragen der Testleser-Rückmeldungen zu Teil 1 des Manuskripts. Entscheiden, was ich ändere und was bleibt. Zwischendurch Malvorlagen ausdrucken für die Kids. Besonderes Augenmerk auf die Einführung der Personen legen (ich kenne sie so gut, ist es wirklich möglich, dass die Leser das nicht tun?!). Die ganze Zeit über die strenge Kritikerinnen-Brille tragen und nicht versehentlich in die kreative Pippi-Langstrumpf-Rolle schlüpfen. Los geht’s!

Schreibübung «Grenzen»

«Magst du?», fragte meine Schreibtischfreundin. Mag ich mich darauf einlassen, in den nächsten vier Wochen je eine Schreibübung aus einem Handbuch für Kreatives Schreiben zu machen? «Ja, klar mag ich!», lautete meine Antwort. Nun, als ich mich dann dransetzte, hielt sich meine Begeisterung erst in Grenzen. Warum eine Schreibübung machen und über etwas schreiben, das mir von aussen aufgedrängt wird, wo ich doch sonst schon einen Überfluss an Schreibprojekten habe? Bloss weil ich ja gesagt habe? Nein, weil ich neugierig bin! Weil ich weiss, dass es meinen Schreibfluss anregt, wenn ich über die Grenzen meiner Schreibprojekte hinausschreibe. Das war übrigens genau das Thema der 1. Übung: Schreib über Grenzen!

 

Ich fotografiere Grenzübergänge. Jedes Jahr, wenn wir mit unserem Hippiebus über die Schweizer Grenze ins Ausland fahren, knipse ich. Fotografiere den Rhein, das Zollgebäude, die Landesflagge oder die Tafel, die die Verkehrsregeln des gerade erreichten Landes erklärt. Auch unterwegs fotografiere ich die Grenzen, über die wir fahren, und auf der Heimreise knipse ich ein Bild des Zollübergangs in die Schweiz. Es hat für mich eine besondere Bedeutung, bewusst in ein anderes Land einzureisen, und ich bin immer noch erstaunt, dass das seit einigen Jahren so problemlos geht. Niemand will meinen Ausweis sehen (ausser ich reise mit der Fähre nach England, dann schon!), niemand hält uns an und stellt Fragen. Wir entschliessen uns, eine Grenze zu überfahren, und man lässt uns machen. Es erfüllt mich jedes Mal mit Ehrfurcht, wenn ich eine Grenze passiere. Ich betrete Neuland, die Grenzen öffnen sich für mich, es ist mir erlaubt einzutreten. Und umgekehrt: Es ist mir erlaubt zurückzukehren.

Am Intensivsten habe ich es letzten Sommer bei der Einreise nach Schweden erlebt. Nach einer Nacht auf der Fähre zwischen Deutschland und Schweden öffnete sich am frühen Morgen die Luke des grossen Schiffbauches. Wir standen in der Pole Position, als eines der ersten Fahrzeuge verliessen wir die Fähre und fuhren auf die Rampe, die hinunter auf schwedischen Boden führte. Vor uns der Hafen von Trelleborg, hinter uns das Schiff, das uns sicher durch die Nacht geführt hatte, neben uns das blaue Meer, über uns der weite Himmel. Ich weinte. Still für mich, verborgen hinter Sonnenbrille und Kamera. Ich weinte, weil es sich so unglaublich, so unbeschreiblich gut anfühlte, in dieses Land einzureisen und zu wissen, dass ich die nächsten beiden Wochen hier verbringen und Neues entdecken würde. Deine Seele wohnt im Norden, hat kürzlich jemand zu mir gesagt. Möglich, dass es meine nordische Seele war, die mir Tränen des Glücks und der Rührung in die Augen trieb. Möglich, dass sie es war, die mich an genau diesem Ort das Gefühl von höchster Freiheit spüren liess. Keine politische Grenze, kein Meer, keine tausend Kilometer Autobahn hatten mich daran hindern können, hier zu sein!

Ich glaube nicht an Grenzen, die trennen und hindern. Ich glaube an Grenzen, die schützen und beschützen. Ich glaube an Grenzen, die überwunden werden, und an Grenzen, die gewahrt werden. Grenzen zeigen mir, dass meine Freiheit dort aufhört, wo die des anderen anfängt, und sie zeigen mir, wie kostbar es ist, wenn wir unsere Grenzen füreinander öffnen.

Schreibst du eigentlich autobiographisch?

Ich habe einen Roman geschrieben über eine Familienfrau, die ihren eigenen beruflichen und persönlichen Weg sucht. Zu der Zeit, als die Geschichte entstand, war ich selbst zu 100% als «Hausfrau und Mutter» tätig, nachdem ich vorher ein paar Jahre Teilzeit gearbeitet hatte. Ich wusste nicht, wie sich mein Berufsleben weiterentwickeln würde. Ich wusste auch nicht, dass ich ein Buch zu diesem Thema schreiben wollte. Ich wusste nur, dass ich die freie Kapazität in meinem Kopf nutzen wollte, um zu schreiben. Tatsächlich wurde mir erst Jahre später – nämlich, als das Buch bei meinem Verlag angekommen war, bewusst, worüber ich geschrieben hatte. «Ein wichtiges Thema für viele Frauen», meinte die Verlegerin. «Du schreibst mir aus dem Herzen!», sagen Leserinnen. «Das ist genau mein Thema!» Leserinnen aus der Generation über mir sagen eher: «Aha, so läuft das bei euch heute!» oder «Bei uns war das halt noch anders». Oder auch: «Es waren andere Themen, aber dieselben Gefühle und Gedanken!»

Mittlerweile bin ich wieder berufstätig, gleich in zwei Berufen. Mein Weg war ein anderer als der von Linda aus «Ich melde mich ab». Die Entwicklungen in meiner Familie sind anders als die in meinem Buch. Dennoch staune ich, wie ich vor fünf Jahren beim Schreiben punktgenau das Thema getroffen habe, das wichtig war in meinem Leben. Ich staune, wenn ich sehe, wie viel sich für mich genau bei diesem Thema verändert hat!

Ehrlich gesagt mag ich es nicht besonders, wenn Leserinnen und Leser zu enge Vergleiche ziehen zwischen Linda und mir, zwischen unseren Ehemännern und Kindern. Das wird uns allen nicht gerecht. Linda ist eine erfundene Person in einer erfundenen Geschichte. Gleichzeitig ist sie für mich wie eine gute Freundin, die mich durch eine bestimmte Zeit meines Lebens begleitet hat. Ich habe von ihr gelernt, manchmal hat sie für mich etwas ausprobiert, ausgehalten, entdeckt. Sie war mir nahe, und in einigen Punkten ist sie es immer noch. Sie hat aber auch Eigenschaften, die mir heute fremd sind. Ich habe mich weiterentwickelt, sie steckt in ihrem Buch fest und kann nicht raus. (Wobei ich sicher bin, dass auch sie sich weiterentwickelt, dort drüben, im Paralleluniversum der Romanfiguren. Und wer weiss: Vielleicht treffen wir uns ja einmal wieder und stellen fest, dass wir immer noch Freundinnen sind. Oder auch nicht mehr.)

Schreibe ich nun also autobiographisch oder nicht? Meine Antwort lautet: Ich schreibe nicht autobiographisch, ich erzähle Geschichten.

Wie die Geschichten in meinen Kopf hineinkommen und warum welche wann herauskommen will oder gar muss – das weiss ich nicht. Manches macht beim Schreiben Sinn, anderes bleibt rätselhaft. Lindas Geschichte lässt sich im Nachhinein in mein Leben einordnen, andere Texte bleiben für sich stehen.

Wichtig ist für mich:

Das Schreiben tut mir gut, egal, ob ich verstehe, warum ich etwas schreibe, oder nicht. Mehr noch: Das Schreiben ist zur Notwendigkeit geworden, zu einem Werkzeug, mit dem ich mein Leben und meinen Alltag besser meistere.

 

P.S. Im März 2018 startet die zweite Ausgabe des Schreibkurses «Lust auf Schreiben – Creative Writing für Erwachsene» mit Iris Pfammatter und mir. Hast du Lust, den Geschichten in deinem Kopf auf die Spur zu kommen und herauszufinden, ob und wie sie sich aufs Papier bringen lassen? Wir würden uns freuen, mit dir auf Entdeckungsreise zu gehen! Infos unter «Schreibkurse».

Schreibziel 2018

Neujahrsvorsätze habe ich keine. Auch keine Jahresziele für mich, mein Privat- und Familienleben. Meine persönliche Entwicklung nimmt sowieso keine Rücksicht auf Jahreswechsel oder andere bedeutende Daten, und sie hält sich auch selten an meine Pläne. Die macht, was sie für nötig hält, und das macht sie gut. Ähnliches gilt für meine Familie.

Ziele für das Geschäftsjahr? Aber ja doch. Längst definiert, aufgegleist, umformuliert, kommuniziert, der Realität angepasst, weiterentwickelt,…

Ziele für mein Autorinnenjahr? Ja. Sie betreffen Aktivitäten rund um mein erschienenes Buch, Schreibkurse, angefangene und geplante Schreibprojekte.

Mein Schreibziel? Brauche ich das überhaupt? Ich schreibe sowieso. Und wenn ich nicht schreibe, erinnert mich meine schlechte Laune daran, es gefälligst wieder zu tun. Trotzdem, ein Tagesziel – zeitlich oder mit Anzahl Wörtern – so wie während des NaNoWriMo – es könnte eine zusätzliche Motivation sein. Ein Stück Ernsthaftigkeit in meiner Pippi-Langstrumpf-Kreativität. Ein Zeichen an mich selbst, dass mein Schreiben mehr ist als Hobby und Psychohygiene.

Ziele sind da, um verändert zu werden.

In dem Sinn: Ja, ich setze mir ein Schreibziel für das Jahr 2018. Ein realistisches, lustvolles, messbares:

Ich schreibe 2018 jede Woche mindestens 3’000 Wörter an einem meiner Schreibprojekte und/oder an Schreibübungen. Die Schreibwoche beginnt am Montag und endet am Sonntag.

Ich freue mich darauf!