Reisetagebuch Tag 18: Regen auf Åboholm

Das Rauschen am Morgen

Der starke Regen war gestern früher gekommen als angekündigt. Es bestand also die allgemeine Hoffnung, dass er auch früher aufhören würde als angekündigt. Als ich aufwachte, hörte ich den Regen rauschen. Dann lese ich eben noch ein wenig im Bett, dachte ich. Als ich eine Stunde später doch aufstand, regnete es immer noch. Ich ging aus dem Schlafzimmer – und stutzte. Da draussen trommelte der Regen nicht aufs Dach.

Wie lange wohne ich jetzt schon in Haus Astrid? Mehr als zwei Wochen, aber ich habe immer noch nicht abgespeichert, dass das Rauschen vor dem Schlafzimmerfenster der Wasserfall des Stausees ist und kein Regen!

Es goss also nicht aus Strömen, als ich aufstand. Der Regen war aber auch nicht vorbei. Er kam und ging, mal stärker, mal schwächer.

Ich vertiefte mich in mein Manuskript, mein Buch und meine Häkelarbeit. Letzteres war tricky. Ich will nämlich wirklich verstehen, was ich mache, und bei einem Problem nicht gleich eine erfahrene Häklerin fragen (wie ich das zu Hause und letzthin im Kreativ-Input gemacht habe). Es hat erfahrene Häklerinnen auf Åboholm. Noëmi kann Tierchen häkeln, und die beiden deutschen Wwooferinnen machen Granny Squares, wie ich.

Ich hätte also easy meine Anleitung zum Mittagessen mitnehmen und mich coachen lassen können. Das habe ich aber eben nicht gemacht. Ich erzählte zwar ein wenig von meinen Problemen (wie häkelt man 11 Stäbchen in 4 Luftmaschen???), ging dann aber zurück und machte try and error, bis ich verstand, dass ich die Stäbchen gar nicht in die Maschen häkeln muss, sondern in den Ring, den die 4 Luftmaschen bilden. Gar nicht so deep, eigentlich.

Als nächstes kommen Büschelmaschen. Help! Also hilf dir selbst.

Die Seeumrundung

Im Lauf des Nachmittags regnete es immer weniger. Ich wurde unruhig, hatte genug von Indoor-Aktivitäten (ich hatte sogar schon ein wenig Badezimmer geputzt). Also war es Zeit für einen Punkt auf meiner Das-will-ich-noch-machen-solange-ich-hier-bin-Liste. Dieses Mal wollte ich die Seeumrundung von der anderen Seite her angehen, in der Hoffnung, so immer einen Tierpfad oder etwas ähnliches erkennen zu können.

Ich rüstete mich mit Wanderhose und -schuhen aus und ging los. Runter zum Badesteg, daran vorbei, zu dem Tor, das man laut Bruno öffnen kann, ich aber nicht verstanden habe wie. Ich balancierte dann einfach aussen am Zaun herum, so halb im See.

Wie versprochen ist der Weg erst noch ausgebaut. Es war richtig cool, auf der anderen Seite zu sein und über den See zu Astrid und nach einer Weile auf ganz Åboholm zu schauen. Es waren Pfade da, es gab Heidelbeeren, es brauchte schon Konzentration, war aber okay. Dieses Mal würde ich es schaffen!

Und das tat ich wirklich. Mit einem Abstecher ganz an den See zu einem Stein, auf dem man vor sich hin schauen und nichts tun kann. Mit einem Stock in der Hand, um auszuloten, wie hoch die Stauden waren, zwischen denen ich mir einen Pfad vorstellte, und um allfällige Rumpelwicht-Höhlen rechtzeitig zu erkennen. Irgendwann war ich dort, wo ich letztes Mal umgekehrt hatte, und wusste: Von da an kann ich es!

Der Regen hielt sich vornehm zurück, bis ich kurz vor Åboholm war. Dann legte er wieder los.

Ich kam zurück zu Astrid, mit nassen Hosen von all den nassen Stauden, die ich passiert hatte, nassen Schuhen und Socken, und mit dem guten Gefühl, dem Regentag nebst den Häkelstäbchen noch einen Erfolg abgerungen zu haben.

Die Store

Der dritte Erfolg des Tages geht an Bruno. Er hat das Rollo in meinem Schlafzimmer geflickt, das nicht mehr oben bleiben wollte, sondern im Lauf des Tages immer von selbst nach unten rutschte. Jetzt passt das wieder.

Liebes Reisetagebuch, vielleicht lerne ich ja noch, dass das Rauschen vor dem Rollo meistens nicht vom Regen kommt.

Reisetagebuch Tag 17: In Askersund

Am Hafen von Askersund

Noëmi und Bruno wollten ihre wöchentliche Entsorgungs-, Loppis-, Baumarkt- und Grosseinkaufstour machen.

«Könnt ihr mich bis Askersund mitnehmen und auf dem Rückweg wieder abholen?», bat ich. Ich hatte das Städtchen ja kurz kennengelernt, als ich mit Noëmi einkaufen war, und es hatte mir sehr gut gefallen. Eine lauschige Strandpromenade, offenbar irgendwo ein Badestrand, ein paar Läden, Cafés, Glacéstände. Ein wunderbarer Ort, um mal wieder einen Nachmittag in der Stadt zu verbringen.

Noëmi und Bruno nahmen mich gern mit, und so wurde ich wieder einmal im Auto durch die unendlichen Wälder rund um Åboholm chauffiert. Ich habe einen ziemlich guten Orientierungssinn, aber ich bin echt nicht sicher, ob ich mich auf dem Weg zwischen Åboholm und Askersund allein nicht verfahren würde. Aber zum Glück habe ich ja meinen Fahrdienst. Bruno liess mich mitten im Städtchen raus, und Noëmi gab mir den Rat, erst den Spaziergang zum Hafen zu machen und nachher die Shoppingtour. Bevor der Regen käme.

Tatsächlich war der Himmel bedeckt, und so nahm ich ihren Rat ernst. Ging zu dem schnuckeligen Hafen und widerstand dem Drang, bei einem der Glacéstände etwas zu kaufen. Erst spazieren.

Vorbei an einem historischen anmutenden Schiff, einigen Hausbooten, der Strandpromenade entlang. Der Wind nahm zu, eine Formation Gänse flog auf mich zu. Alles sehr stürmisch romantisch.

Ich kam zu einem langen Bootssteg, der auf eine Insel führte. Ah, die verboten Brücke. Der Wwoofer aus Polen hatte mir erzählt, dass er nicht sicher gewesen wäre, ob er diese überqueren dürfte. Aber offenbar dürfe man. Also ging ich an vielen Booten vorbei nach Borgmästerholmen. Auf der Insel gab es ein paar Pavillons. Für Feste? Anlässe, zu denen swedish people erscheinen und wieder verschwinden? Es hatte auch einen Badestrand, wo ein schwedischer Vater seinem Kind, das in den Wellen herumschwamm, Anweisungen zurief. Mir stand der Sinn ausnahmsweise nicht nach Schwimmen.

Shopping in Askersund

Es kamen die ersten Regentropfen, und ich beschloss, dass es Zeit wurde für den zweiten Teil meines Besuchs in Askersund: Die Shoppingtour.

Ich brauchte ein neues Notizbuch für meine Morgenseiten, da ich das erste bereits vollgeschrieben habe. Das war eigentlich kein Problem. Es gibt eine Buchhandlung/Papeterie in Askersund (Bok & Papper). Das Problem war, dass sie sehr viele schöne Notizbücher haben, aber die meisten mit liniertem Papier. Ich brauche aber blanko (oder im Notfall das gepünktelte). Das zweite Problem war, dass ich ein wunderschönes Notizbuch fand, blanko Seiten, made in Sweden, aber grösser und schwerer, als ich es mir für die Weiterreise wünschen würde. Habe ich es gekauft? Javisst!

Gleich neben dem Bok och Papper hat es einen Handarbeitsladen. Dort  wollte ich Garn kaufen. Ich habe nämlich Häkelsachen mit nach Schweden genommen, weil ich dachte, das wäre ein Projekt, das ich in Haus Astrid eher angehen würde als zu Hause. Ich möchte wirklich gern gern häkeln, nehme mir aber nie die Zeit, es wirklich zu üben. Nun sind ja meine Åboholm-Tage auch mit mehr Aktivität gefüllt, als ich erwartet hätte, weshalb das Häkeln auch hier bis jetzt keine Priorität hatte. Dann habe ich noch festgestellt, dass ich falsches Garn eingepackt habe (zum Glück nicht viel). Und nun war da dieser Laden, der gefühlt von oben bis unten voller Garn war. Nur welches brauchte ich?

«Do you speak english?», fragte ich die Verkäuferin, eine ältere Schwedin. – «Yes!», antwortete sie selbstsicher. Ich zeigte ihr mein Häkchen und erklärte ihr mein Projekt (wobei mir die englischen Worte etwas fehlten – ich meine, was heisst Garn?), und sie antwortete in Sätzen, die mindestens so viele schwedische wie englische Wörter enthielten. Aber das Garn, das sie mir zeigte, schien mir passend, ich kaufte es, und wir freuten uns beide, dass die Verständigung so gut geklappt hatte.

Fika in Askersund

Nach dem Besuch in einem Kunstwerkladen fand ich es an der Zeit, von Shopping zu Fika zu wechseln. Ganz zufällig sah ich ein Schild, das ein Café anpries, ging in diese Richtung und fand ein superherziges Café, das zu einem Bed & Breakfast gehört. Kaffee und Zimtschnecke? Nein! Tee und – keine Ahnung, wie es heisst. Haselnuss-Meringue, gefüllt mit Rahm und Himbeeren. Es sah so lecker aus, dass ich nicht widerstehen konnte (wollte). Das Stück war viel zu gross. Ich schaffte es fast nicht, es aufzuessen. Aber es war himmlisch gut!

Ich wusste, dass ich etwa um neunzehn Uhr abgeholt würde. Das Café schloss um 18 Uhr, wie auch alle anderen Cafés und Läden in Askersund. Geöffnet waren noch der ICA, wo ich ein wenig Essen kaufen wollte, und Restaurants. Aber ich mit meinem vollen Meringue-Rahm-Himbeer-Bauch hatte gar keine Lust auf Restaurant.

Regen in Askersund

Ich könnte mir noch die Kirche auf der anderen Seite des Hafens anschauen, dachte ich, weil es gerade kaum regnete. Diese liegt auf der anderen Seite der Brücke. Und kaum war ich da, fing es wie aus Kübeln zu giessen an. Die Kirche war verschlossen, es schiffte, ich war kurz ratlos.

Aber es half ja nichts. Im strömenden Regen ging ich zurück über die Brücke und direkt in den ICA, wo ich mir viel Zeit liess für meinen kleinen Einkauf. Diese schwedischen Regen sind ja oft wie die Leute: Sie verschwinden so schnell, wie sie auftauchen.

Aber dieser nicht. Der war gekommen, um zu bleiben. Ich fand einen gedeckten Unterstand am Hafen, stellte meine Einkäufe ab, nahm die Sitzunterlage und das E-Book aus dem Rucksack und vertrieb mir die letzte Stunde in Askersund mit lesen und dem Regen lauschen, der auf meinen Unterstand prasselte.

«Du schaust ein bisschen aus wie ein überreiztes Kind», stellte Noëmi beim Abendessen fest. «Hat dich die Grossstadt gefordert?» – «Grossstadt? Ich will nächste Woche noch nach Stockholm!», meinte ich lachend. Aber sie hat schon recht: Nach all der Stille auf Åboholm und der übersichtlichen Menge an Kontakten, war der Tag in Askersund ein Kontrastprogramm. Aber ein gutes!

Liebes Reisetagebuch, ab jetzt wird auch noch gehäkelt.

Reisetagebuch Tag 16: Astrids Rat

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Sitzen

«Und dann muss ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hinzuschauen.» (Astrid Lindgren)

Zum Beispiel im Graugnomenwald hinter Åboholm. Ich bin durchs richtige Tor gegangen, habe ignoriert, dass es hier keinen sichtbaren Pfad hat (und dass neben dem Tor vor vielen Jahren eine Müllhalde war, die leider nicht vollständig geräumt werden kann) und habe mich zu den Graugnomen gewagt.

Grosse Steine (kleine Felsen?), moosbewachsen. Alte Nadelbäume mit hängenden Ästen und Flechten. Sonnenlicht, das einzelne Flecken beleuchtet, während andere Bereiche im Schatten liegen.

Ich habe mich auf einen Stein gesetzt und einfach nur gelauscht, geschaut und gefühlt (unter anderem Mücken, die es toll fanden, dass ich da so ruhig sass. Nicht jede von ihnen hat es überlebt.)

Ein mystischer, beschützender Ort.

Früher am Tag habe ich einen anderen Ort erkundet, von dem ich bisher nur gehört hatte: Den Biberdamm.

«Ah, ja, ein Damm», dachte ich, als ich darauf zuging. So mit Stöcken und ein paar angenagten Baumstämmen daneben. «Herzig.» Dann kam ich näher und sah, was die Biber tatsächlich gebaut hatten: Einen richtigen kleinen Stausee! Nun war ich anders beeindruckt.

Ich setzte mich auf einen Baumstamm in der Nähe des Dammes. Hier ist der Wald viel lichter, jünger und hellgrüner als bei den Graugnomen, mit mehr Laub- als Nadelbäumen.

Ein leichter, unbeschwerter Ort.

Zwei von unendlich vielen Stellen auf Åboholm, an denen man einfach da sitzen und vor sich hin schauen kann.

Was meine Protagonistin daraus macht

Am Morgen habe ich richtig viel geschrieben. Nicht nur lange, sondern richtig viele Wörter. Der erste Teil des Manuskripts, auf dessen Ende ich die letzten Tage hingeschrieben habe, ist abgeschlossen. Meine Protagonistin hat sich von einigem, was ihr in den letzten Kapiteln wichtig war, verabschieden müssen.

Und sie hat das auf ihre ganz eigenen Art gemacht. Radikaler und selbstbestimmter, als ich es für sie geplant hatte.

In der ursprünglichen Szene sass sie am Ende im Privatflugzeug ihrer Tante und schaute freudig-aufgeregt aus dem Fenster. Im Lauf des letzten Tage merkte ich, dass sie nicht freudig-aufgeregt sein würde, sondern traurig-enttäuscht. Aber davon wollte sie nichts wissen. Sie liess das Privatflugzeug, die Tante und mich links liegen und setzte sich stattdessen in einen Linienbus. Nun schaut sie da aus dem Fenster, überzeugt davon, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Sie weiss auch schon, wie es jetzt weitergeht, und ich schreibe brav mit. Wir freuen uns beide auf das, was jetzt kommt (was immer es sein wird).

Abends auf dem Steg

Nach dem Abendessen habe ich mit meinem Mann telefoniert. Den besten Empfang in Haus Astrid habe ich, wenn ich am Stubenfenster stehe und auf den See hinunter schaue. Ich telefonierte und schaute also, und nachdem wir das Gespräch beendet hatten, fand ich es schade, dass ich hier oben war und nicht unten am See. Also machte ich meinen Abendtee im Thermosbecher (am Abend trinke ich Flädderkulle-Tee – hast du eine Ahnung, was das sein könnte?) und ging zum Badesteg hinunter.

Ich setzte mich auf den Steg, trank Tee und schaute einmal mehr an diesem Tag einfach vor mich hin (und auf die stille Wasserfläche).

Liebes Reisetagebuch, einfach sitzen ist wunderbar.

Reisetagebuch Tag 15: Tanzen

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Hoppa

An Midsommar habe ich ein Nachbarehepaar von Åboholm kennengelernt (das heisst, sie wohnen irgendwo im Wald hinter den Bäumen, bei den sieben Graugnomen, wahrscheinlich in einem roten Haus). Mit ihnen waren Noëmi und Bruno im Winter an einem Tanzabend in der Nähe von Askersund. Am 30. Juni wäre wieder so ein Abend, und der Nachbar würde sie hinfahren. Ich dürfte mitkommen, wenn ich wollte.

Ein Tanzabend mit Bruno, Noëmi, dem Nachbarn und anderen swedish people, die nicht sofort verschwinden würden? Ich kann zwar nicht tanzen, aber hej, das klang nach Spass.

Bruno und Noëmi konnten im Winter die Tänze auch nicht, hatten sich aber vorgenommen, zumindest den Schottisch zu üben. «Übst du mit?», fragten sie beim Mittagessen. Eine Stunde, bevor der Nachbar uns abholen würde, fingen wir damit an. Der grosse Tisch in der Gemeinschaftsküche war zusammengeklappt, ein Laptop mit einem offenen YouTube-Video drauf, die Stühle waren an den Rand des Raums geschoben.

Wir übten zwei Arten von Schottisch: Einen mit Hüpfer (hoppa!) und einen ohne. Es war unfassbar lustig, und ich fühlte mich am Ende des Trainings unfassbar unvorbereitet, war aber fest entschlossen, den Abend zu geniessen.

Der ältere deutsche Wwoofer kam auch mit, und so quetschten wir uns zu viert (also mit dem Fahrer zu fünft) ins kleine Auto des Nachbarn. Er fuhr mit uns nach Askersund und darüber hinaus, ungefähr eine Dreiviertelstunde Fahrt. Bei einem roten Haus irgendwo im Nirgendwo hielt er an und parkierte. Es waren schon ein paar Autos da, und im Lauf der nächsten Stunde kamen noch mehr dazu. Menschen mit und ohne Instrumentenkoffer, die meisten etwas älter als ich, schwedisch freundlich (so freundlich, dass sie auch noch schwedisch mit mir sprachen, als sie eigentlich wussten, dass ich es nicht verstehe, aber nichts sagen wäre wahrscheinlich unfreundlicher gewesen).

Spela

Irgendwann rief uns der Veranstalter nach drinnen, wo vor einem bunten Vorhang eine Bühne aufgebaut war. Davor standen vier Stuhlreihen für das Publikum. «Offenbar ist es heute ein Konzert, kein Tanzabend», meinte Noëmi schulterzuckend. «Der Nachbar war nicht so kommunikativ, was die Art des Programms betraf.» Wir schmunzelten (es passt einfach zu gut zu dem unglaublich freundlichen, aber halt wirklich nicht so kommunikativen Nachbarn, dass er vergessen hatte zu erklären, dass das Programm heute anders war als im Winter).

Mir war es ganz recht, dass ich meine Nicht-Tanzkünste nicht unter Beweis stellen musste, sondern mir ein Konzert anhören durfte.

Und was für eines!

Als erstes kam eine Frau auf die Bühne. «Eine Elfe!», rutschte es mir raus. Sie war gross, schlank, mit langen weissen Haaren über den ganzen Rücken. Sie spielte eine Art Querflöte aus Holz. Beim ersten Stück spielte sie nicht nur, sondern blies manchmal auch nur hinein. Das gab ein Geräusch, das mir Gänsehaut verursachte. Wie Wind, aber – elfisch?

Begleitet wurde sie von einem Mann, der mal Flöte, mal Cello und mal Säckpipa, einen schwedischen Dudelsack, spielte. Er wirkte auf den ersten Blick sehr introvertiert, aber dann erzählte er zu jedem Stück eine Geschichte und schien das sehr zu geniessen. Ich verstand zwar ein paar Dinge, verpasste aber immer die Pointe, von der es einige gab – ich sah es an seinem verschmitzten Lächeln und hörte es an den leisen Lachern aus dem Publikum.

Der dritte auf der Bühne war der Schwiegersohn des Nachbarn. Er spielte Gitarre. Wie schnell können Finger sich bitte über diese Saiten bewegen?

Es war unglaublich schön, den dreien zuzuhören. Dabei ab und zu aus dem Fenster in die schwedische Landschaft zu schauen. Sich mittragen zu lassen von den Klängen, der Leidenschaft, der Kunst.

In der Pause konnte man sich selber ein Sandwich schmieren und einen Tee machen. Ein Hoch auf die schwedische Unkompliziertheit!

Danach ging es weiter, und nach einer Zugabe und einer ausführlichen Vorstellung des kommenden Programms im roten Kulturhaus im Nirgendwo, machten die meisten Menschen das, what swedish people do: Sie verschwanden.

Jamma

Aber ein paar blieben, und nun kam das, worunter ich mir nichts hatte vorstellen können. Man wollte noch «jamma», also jammen.

Das Trio, das das Konzert gespielt hatte, der Veranstalter und seine Frau und ein paar andere Leute setzten sich in einen Kreis, alle mit einem Instrument. Ich lernte die Schlüsselharfe kennen, von der mir Noëmi vorgeschwärmt hatte, und Flöten mit Formen, die ich noch nie gesehen hatte. Der Nachbar holte eine Geige aus seinem kleinen Auto und setzte sich in den Kreis.

Und dann spielten sie einfach zusammen. Legten eine Tonart und – falls ich es richtig verstand – einen Stil fest und legten los.

Wir sassen in einer Ecke auf roten Polstermöbeln, und ich hätte ewig dort sitzen und den schwedischen Volksmusiker*innen beim Jammen zuhören können.

Doch irgendwann beschloss der Nachbar, dass jetzt genug sei. Er müsse nach Hause, zum Hund seiner Tocher, den er gerade hüte. Er versorgte die Geige, dann kam er auf mich zu. Streckte mir die Hand hin und führte mich durch den Raum. Zeigte mir ein paar Tanzschritte (ganz ohne Hoppa) und ich – müde, ein wenig überwältigt von der Musik und all dem Schönen – tanzte mit ihm zur Musik der Kreisrunde, völlig untalentiert, völlig überfordert und vollkommen glücklich.

Liebes Reisetagebuch, was für ein Abend!

Reisetagebuch Tag 14: Entdeckungen

Was bleibt

«I hope you will enjoy the swimming platform», sagte der Wwoofer aus Polen zum Abschied. Die Badeplattform, die er zusammen mit Bruno gebaut hatte, und die ein paar Herausforderung geboten hatte. – «Every day!», bestätigte ich, dass ich seine Arbeit wertschätzen würde, solange ich auf Åboholm war.

Von der amerikanischen Wwooferin, die schon vor längerer Zeit abgereist ist, habe ich auch etwas übernommen: Peanutbutter and Jelly. Ja, ich bestreiche mir als Abschluss des Abendessen fast immer ein Stück Brot oder ein Knäckebrot mit Erdnussbutter und Konfi/Gelee. Klingt süss und fettig? Ist es auch. Und unfassbar lecker.

«Spoony?», fragte die deutsche Wwooferin regelmässig am Ende des Essens. Wer möchte den Löffel aus der Konfi, der Erdnussbutter oder sonst einem Glas abschlecken? Jetzt fragt niemand mehr, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich von jetzt an, wenn ich mir einen solchen Löffel gönne, immer ihre Stimme im Ohr haben werde.

Von unserem Lagerfeuerabend ist mir das Lied Bare Necessities aus dem Film zum Dschungelbuch geblieben. Es passt einfach zu gut zu meinem Alltag auf Åboholm, und ich höre es mir fast jeden Morgen an.

Was sich ändert

In der Gemeinschaftsküche hat sich ein Wechsel ergeben. Vor ihrer Abreise hat fast immer die deutsche Wwooferin das Mittagessen gekocht. Nun stehen Noëmi oder die junge Frau aus der Schweiz, die wir vor fast einer Woche in Motala am Bahnhof abgeholt haben, in der Küche. Auch sie kochen vegetarisch (aber nicht mehr vegan), immer noch hat es  ganz viele frische Zutaten im Essen, und doch schmeckt es ganz anders. Ich schätze die Abwechslung, und noch viel mehr schätze ich es, bekocht zu werden. Mich nicht um Einkaufen und Menüplanung kümmern zu müssen. Einfach hinsitzen und das essen, was auf dem Tisch steht. Dass da immer etwas unfassbar Leckeres steht, macht die Sache natürlich noch besser.

Zur Zeit sind nur Menschen hier, die Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch sprechen. Wir haben gestern also das erste Mal Fun Facts auf Deutsch gespielt, und auch sonst finden alle Gespräche auf Hoch- oder Schweizerdeutsch statt. Eine Tatsache, die sich natürlich jederzeit wieder ändern kann, wenn neue Menschen dazukommen.

Was sich eingespielt hat

Ich stelle keinen Wecker auf Åboholm und wache nicht immer zur gleichen Zeit auf. Gleichgeblieben ist aber meine Morgenroutine mit Frühstück, Morgenseiten, Tee und Schreibsessions. Dass ich seit zwei Wochen täglich an der Geschichte schreibe, führt dazu, dass ich unterdessen null Aufwärmzeit brauche. Ich öffne das Dokument und beginne zu tippen. Daraus ergeben sich mehr Wörter, und es fühlt sich leicht an, obwohl der Inhalt immer mehr an Tiefe gewinnt.

Etwa um 13 Uhr klingelt die Glocke zum Mittagessen. Danach gibt es Kaffee für die, die mögen, und dabei immer auch spannende Gespräche. Siesta auf dem Sofa von Haus Astrid, und dann habe ich meistens Lust auf  Bewegung.

Was ich neu entdeckt habe

Zum Beispiel auf eine E-Bike-Tour an den Fagertärn.

In diesem See haben sich aufgrund einer zufälligen Veränderung die rosaroten Seerosen entwickelt (die unter anderem Claude Monet so gut gefallen haben), als Mutation der weissen Seerose. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurden sie entdeckt, und Botaniker (wahrscheinlich wirklich vor allem männliche) reisten von weither an, nahmen Seerosen mit und liessen sie fast aussterben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die rosa Seerosen unter Schutz gestellt.

Es war eine etwa vierzigminütige Velofahrt durch endlos scheinenden Wald, vorbei an einer Höhle, die tatsächlich Wolfsklamm heisst, wie die Klamm bei Ronja Räubertochter. Beim Fagertärn hat es einen Parkplatz und einen geschlossenen Kiosk (das mit den geschlossenen Infrastrukturen ist ein wenig ein Ding bei meinen Ausflügen). Ich schloss das E-Bike ab und ging zum See.

Und der ist einfach nur zauberhaft! Anders als Vitsand. Verwunschener. Kleiner. Aber auch von Kiefern (und einer Menge anderer Bäume) umgeben. Ein Ort zum ganz tief Durchatmen.

Um den See führt ein drei Kilometer langer Weg, was eigentlich eine gute Spaziergangdistanz gewesen wäre. Leider war ich unsicher, was das Wetter anging: Auf der Seite, aus der ich gekommen war, war strahlend blauer Himmel. Im Süden und Westen türmten sich Wolken, und es ging ein kräftiger Wind. Würde es gleich gewittern? Würde der Wind die Wolken wegwehen? Würde einer dieser kurzen schwedischen Platzregen kommen? Ich hatte keine Ahnung und wagte es nicht, allzu weit vom Velo und dem Kioskgebäude wegzugehen. Also spazierte ich vom Parkplatz aus je etwa zehn Minuten in beide Richtungen und zurück. Ein Weg war breit und gekiest, der andere ein schmaler Pfad durch den Wald (auf dem ich einem Eidechsli und einer Blindschleiche begegnet bin).

Die rosa Seerosen  sah ich leider nicht. Keine Ahnung, ob sie später dran sind als sonst (sie müssten eigentlich ab Midsommar blühen) oder ob sie am anderen Ende des Sees blühen. Natürlich hätte ich sie gern gesehen und mit Fotos geflext, aber der Ausflug zum Fagertärn war auch so wunderbar.

Regen kam übrigens keiner, ein Gewitter schon gar nicht. Ich radelte zurück in die Richtung des strahlend blauen Himmels, brachte den E-Bike-Akku zur Ladestation und beendete meinen Ausflug mit einem Sprung von der Schwimmplattform.

Liebes Reisetagebuch, es könnte sein, dass ich im Lauf der nächsten Woche noch einmal an den Fagertärn radeln werde.

Reisetagebuch Tag 13: Astrid

Astrid Lindgrens Geist

«Spürst du Astrid, wenn du schreibst?», fragte mein Vater am Telefon.

«Astrids schriftstellerischer Geist hat Einfluss auf dein Schreiben», schrieb mir eine Freundin als Rückmeldung auf mein Tagebuch. (Danke!)

Jede der Ferienwohnungen auf Åboholm ist nach einem/einer schwedischen Autor*in benannt. Neben Astrid sind da Sven (Nordquist, der Findus und Pettersson und Mamma Muh geschrieben hat, Lieblingsbücher von mir, die ich erst als Lehrerin und Mutter kennengelernt habe), Selma (Lagerlöf, von der ich noch nie etwas gelesen habe, shame on me), Tove (Jansson, Die Mumins, wundervolle Geschichten), Mikael (Engström, dessen Bücher ich nicht kenne, von denen ich  aber unbedingt mal eines ausleihen will, drüben in «seiner» Ferienwohnung) und Pija (Lindenbaum, Schriftstellerin und Illustratorin, die ich auch noch entdecken will).

Haus Astrid wurde mir von Noemi und Bruno zugeteilt, als ich für meinen dreiwöchigen Aufenthalt angefragt habe. Ich bin sicher, dass ich mich in jeder Wohnung auf Åboholm wohlfühlen würde, aber dass es Astrid ist, ist schon besonders schön.

Astrid Lindgren gehört zu den Autor*innen, die in mir die Liebe für Geschichten geweckt haben. Die Kinder von Bullerbü, Mio mein Mio, Die Brüder Löwenherz, Pippi Langstrumpf und am meisten Ronja Räubertochter. Ich habe sie alle mehrmals gelesen und jedes Mal wieder neu lieben gelernt.

In der Oberstufe habe ich einmal einen Vortrag über Astrid gehalten. Als Erwachsene habe ich ihr Buch «Die Menschheit hat den Verstand verloren» gelesen, und ihr scharfsichtiger Blick auf die Weltlage rund um den 2. Weltkrieg hat mich sehr beeindruckt. Ebenfalls sehr eindrücklich fand ich «Ich habe auch gelebt – Briefe einer Freundschaft», ein Buch, das den Briefwechsel zwischen Astrid und ihrer Freundin Louise Hartung widergibt.

Astrid Lindgren hat nicht nur geschrieben. Sie hat nachgedacht, gelebt, konnte unbequem sein und war trotz ihrer Scharfsichtigkeit ein Kind ihrer Zeit, weshalb ich es richtig finde, dass ihre Werke zum Teil angepasst und ihrer rassistischen Sprache entledigt werden. Ohne es wissen zu können, glaube ich nämlich, Astrid wäre damit einverstanden. Astrid hat immer auch gearbeitet, war zwischendurch alleinerziehende Mutter, hat für ihr unehelich geborenes Kind gekämpft. Und natürlich hat sie geschrieben. Viel und diszipliniert.

Ich konnte die Frage meines Vaters nicht richtig beantworten. Ich weiss nicht, ob es Astrid ist, die ich spüre. Aber hier in Haus Astrid kann ich kreativ sein, ich kann nachdenken, ich fühle viel, ich kann mich in meine Geschichte vertiefen, es geht mir gut.

Hej, Astrid, bist du das?

Im Mathiswald

Wenn der Fischadler über Åboholm kreist, freue ich mich immer. Aber ein bisschen schaudert es mich auch. Mit seiner Spannweite und dem weissen Bauch erinnert er mich nämlich an die gruseligsten Wesen im Mathiswald (Ronja Räubertochter): Die Wilddruden. Die haben mir damals als Kind buchstäblich schlaflose Nächte bereitet.

«Warst du schon im Wald hinter dem Tor?», fragte Bruno. Wir brauchten eine Weile, bis wir sicher waren, dass wir vom gleichen Tor sprachen, dann sagte ich: «Ich bin durchs Tor gegangen, habe aber keinen Pfad gefunden.» – «Ja, da hat es keinen offensichtlichen Pfad», meinte Noemi. «Aber es ist unser schönster Wald.» – «Der Graugnomen-Wald», raunte Bruno. – «Oh, solange es nicht der Wilddruden-Wald ist», meinte ich schmunzelnd. «Zu den Graugnomen wage ich mich rein!»

Ich war aber noch nicht da. Dafür bin ich eine Rumpelwicht-Höhle gefallen. Erinnerst du dich an die Szene, in der Ronja skiläuft und mit einem Fuss in einer Höhle steckenbleibt? Die Rumpelwichte ärgern sich erst und brauchen dann Ronjas Stiefel, um ihre Babywiege aufzuhängen. Oben wird es gruselig, weil Ronja nicht wegkann und die – ja, genau – Wilddruden kommen. Zum Glück wird Ronja von Birk gerettet!

Ich suchte nach einem Pfad rund um den See. Von Noemi und Bruno wusste ich, dass ein Teil noch nicht ausgebaut ist und man Tierpfaden folgen muss. Versehen mit Wanderstock und Wanderschuhen folgte ich also dem, was ich als Tierpfade identifizierte. Es wurde unglaublich mathiswald-mässig. Moosbewachsene Steine, Birkenlichtungen, Grün in jeder Schattierung, Wald in jeder Dichte. Und dann fand ich keinen Tierpfad mehr. Schlug mich noch ein wenig durchs Unterholz und – wusch – sank mit dem Fuss in eine Höhle.

«Sorry, Rumpelwichte!», rief ich (wirklich). Es war kein Problem, den Fuss wieder rauszuziehen. Es kamen keine Wilddruden, daher musste auch kein Birk kommen, um mich zu retten). Aber ich beschloss, dass es sicherer sei umzukehren und den See dieses Mal halt nicht ganz zu umrunden. Auf dem Rückweg folgte ich einem anderen Tierpfad, geriet in einen Sumpf, zog einen Schuh voll Wasser raus und war gar nicht so unglücklich, als ich wieder auf einem Menschenpfad war.

Liebes Reisetagebuch, Astrids Geist lebt in der ganzen Umgebung von Åboholm und ganz sicher auch in meinem Kopf.

Reisetagebuch Tag 12: Abschiede

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Ein Picknick zum Abschied

Die beiden deutschen Wwoofer werden Åboholm verlassen und zum nächsten Hof fahren, auf dem sie arbeiten wollen. Beide waren mehrere Wochen hier, für mich also schon immer. «Lasst uns an eurem letzten Abend ein Picknick am Vitsand machen», hatte Noemi vorgeschlagen, und die beiden hatten die Idee sehr gut gefunden.

Das Wetter war wie schon bei unserem privaten Midsommar-Lagerfeuerabend tagsüber regnerisch. «It will clear up», versicherte der junge Mann aus Polen beim Mittagessen. Er hat eine sehr optimistische Wetter-App, die sich bisher aber immer als richtig erwiesen hat. Wir beschlossen also, am Picknick-Plan festzuhalten.

Eineinhalb Stunden, bevor wir loswollten, ging ich zur Gemeinschaftsküche und fragte, ob ich bei den Vorbereitungen helfen könne. «Eigentlich sind die Arbeiten verteilt», meinte Noemi. «Wenn du unbedingt willst, kannst du schon helfen. Aber du kochst doch gar nicht so gern.» Das hatte ich einmal während einer Tischdiskussion verraten (nicht einmal bei Fun Facts, einfach so). «Stimmt», gab ich zu. «Aber es fällt mir schwer, zum Picknick zu kommen und nicht mitzuhelfen bei den Vorbereitungen.» Noemi grinste. «Ja, ja, wir Schweizerinnen … Aber hey, du bezahlst Halbpension. Wäre ja blöd, wenn du auch noch mithelfen würdest!» – «Gut argumentiert.» Ich lachte. «Okay, dann übe ich, nichts zu machen und kein schlechtes Gewissen zu haben dabei.»

Es ging ganz okay, aber gegen Ende der Vorbereitungen – als alles länger dauerte als gedacht, und alle noch irgendetwas zu tun hatten ausser ich – kam ich mir schon komisch vor. Aber schliesslich sassen wir alle in zwei Autos: Noemi, Bruno, die vier Wwoofer, ein riesiger Picknickkorb und ich.

Die Fahrt nach Vitsand dauert mit dem Auto etwa zwanzig Minuten, gar nicht viel weniger lang als mit dem Ebike. Als wir ankamen, hatte es noch ein paar wenige Autos auf dem Parkplatz und ein paar Menschen am Strand und im Wasser. Die Sonne war dabei, hinter dem Nationalpark-Wald unterzugehen.

Weisser Sand, klares Wasser, Sonnenuntergangsstimmung, ein warmer Sommerabend, zufriedene Menschen, Picknick.

Und was für ein Picknick: Draniki (Kartoffelpfannkuchen), vegetarische Köttbullar, Mojo Rojo Sauce, Gartensalat, Zimtschnecken. Kulinarisch einmal quer durch Europa.

Nach dem Essen spielten wir auf Wunsch des einen Wwoofers, der Åboholm verlassen wird, das Spiel Dixit. Anders als bei Fun Facts spielt man gegeneinander, aber auch bei diesem Spiel geht es darum, einander richtig einzuschätzen. Während dem letzten Fun Facts hatte ich zugegeben, dass ich schlecht verlieren kann (weit schlechter als alle anderen, wobei Bruno argwöhnte, dass ich vielleicht als einzige ehrlich gewesen war), und nun war natürlich die Frage, ob das gutgehen konnte. Es ging gut. Erstens ist Dixit kein Spiel, das meinen Ehrgeiz weckte (dafür ist es irgendwie doch zu kooperativ) und zweitens war mein Häschen (ja, die Spielfiguren sind Häschen – was für ein tolles Spiel einfach!) zusammen mit Brunos am Ende zuvorderst.

Aufs Baden verzichteten wir (Wasser, Sand, Picknickdecke, …), und irgendwann waren wir die einzigen am Strand. «Swedish people disappeared again», stellte der junge Mann aus Polen fest. Das können sie wirklich gut, nicht nur an Midsommar.

Einen Tag nach den deutschen Wwoofern wird auch er weiterziehen. Dafür werden drei neue Leute ankommen. Alltag auf Åboholm.

Schreibupdate

Auch meine Protagonistin nähert sich einem Abschied. Das weiss ich schon lange, denn diese Abschiedsszene war die erste, die ich geschrieben hatte. Seither schreibe ich darauf hin. Eigentlich dachte ich, dass ich heute mit diesem ersten Teil der Geschichte fertig werden würde. Aber obwohl ich viel Schreibzeit hatte und auch wirklich viel geschrieben habe, bin ich noch nicht beim Abschied angekommen. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich ihn einfach hinauszögere, weil ich ihn ihr eigentlich gern ersparen möchte, oder ob sie wirklich gerade noch ganz wichtige Erfahrungen macht. Das wird sich zeigen, wenn die Geschichte fertig ist.

Liebes Reisetagebuch, Abschiede müssen nicht immer schwer sein.

Reisetagebuch Tag 11: Ferien von den Ferien

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Einfach sein

Meine erste Woche in Åboholm war geprägt von Begegnungen, Erlebnissen, Eindrücken. Niemals hätte ich gedacht, dass mein Aufenthalt in the middle of nowhere (so hat es ein schwedischer Geschäftspartner meines Mannes ausgedrückt, als er sich den Ort auf Maps angeschaut hat) so viel Abwechslung bieten würde.

Am Freitag gönnte ich mir einen Tag Ferien von den Ferien. Trotz weiterhin wunderbarem Wetter ging ich nicht auf Entdeckungstour, probierte keine neuen Dinge aus und führte keine langen Gespräche mit den anderen Mitgliedern der Åboholm-Gemeinschaft (gut, ausser einer spannenden Diskussion beim Kaffee mit Noemi über ihre Erfahrungen mit Wwoof).

Ich nutzte den Morgen zum Schreiben auf der Terrasse von Haus Pija (Astrids Gärtchen wurde von Lasse, dem Rasenmähroboter, getrimmt). Den Nachmittag verbrachte ich mit lesen und an der Sonne liegen.

Erst nach dem Abendessen packte ich meine Badesachen und ging vom neuen Steg (es hat jetzt auch eine fast fertige Treppe vom Pfad zum Steg runter!) aus in den See. Während ich nach dem Schwimmen auf dem Steg sass, hörte ich plötzlich von hinten und vorne Schreie.

Kraniche

«Sie schreien», hatte mir die deutsche Wwooferin am Vortag erklärt, als ich fragte, was die Kraniche (die gerade am Fenster vorbeigeflogen waren und die ich leider verpasst hatte) für Geräusche machen würden. Ich hatte mir nichts darunter vorstellen können, aber jetzt war mir klar: Wer so schreit, muss ein Kranich sein! Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis einer über den See geflogen kam, erst direkt auf mich zu, dann drehte er ab und machte eine Runde über das andere Ende des Sees. Die Schreie verstummten, der Kranich kam für den Moment nicht wieder, und ich ging zurück zu Astrid für einen gemütlichen Ferien-Leseabend.

Eisenwerte

Falls du dir bei meinen Beschreibungen des Sees bis jetzt einen klaren, hellen, birkenumrandeten schwedischen See vorgestellt hast, muss ich diese Vorstellung korrigieren. Rund um beide Seen, die ans Anwesen grenzen, hat es Mischwald. Ja, es gibt viele Birken, aber der untere See ist hauptsächlich von Nadelbäumen umgeben. Das Wasser ist dunkel, nicht wegen der Bäume, sondern wegen dem Eisen im Wasser. Auf Åboholm wurde schon im 18. Jahrhundert Eisenerz gewonnen und verarbeitet, und natürlich ist dieses Eisen immer noch hier. Das sieht man nicht nur an der Färbung des Seewassers, sondern schmeckt es auch im Trinkwasser.

Noemi hat übrigens einen Selbsttest gemacht und vor und nach einem Aufenthalt auf Åboholm ihre Eisenwerte messen lassen. Leider hatten weder das tägliche Schwimmen im See, noch das Trinkwasser einen Einfluss auf die Werte. Das wäre mal eine Einnahmequelle für Åboholm, wenn alle Frauen mit Eisenmangel einfach hier Ferien machen und ihre Speicher auffüllen könnten!

Liebes Reisetagebuch, Åboholm mag keine Eisenspeicher füllen, dafür umso mehr die Relaxspeicher.

Reisetagebuch Tag 10: Verbindung nach Hause

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Die Wichtigkeit von Tagen

Noemi hat mir, als sie mich vor über eine Woche vom Bahnhof abholte, erzählt, viele Menschen würden in Åboholm das Zeitgefühl verlieren. Nach kurzer Zeit wüssten sie nicht mehr, welcher Tag wäre oder wie lange sie schon hier wären.

Mir fiel der Überblick bis jetzt nicht schwer. Erstens habe ich mein Reisetagebuch, das beim Zählen hilft. Zweitens bot jeder Tag etwas Besonders und hatte damit einen eigenen Charakter. Und drittens gibt es immer wieder Daten, die mir etwas bedeuten. Geburtstage oder wichtige Termine von wichtigen Menschen.

Die Kumulation davon war am 10. Tag meiner Reise: Mein Mann hatte Geburtstag, die Tochter Abschlussfeier ihrer Schule. Selbstverständlich hatten wir im Voraus darüber geredet, dass es okay war, dass ich an dem Tag nicht zu Hause sein würde. Für alle zu Hause auf jeden Fall. Wie es für mich sein würde, aus der Ferne oder vielleicht gar nicht dabeizusein, konnte ich nicht abschätzen.

Als ich meine Reise antrat, wusste ich nicht, wie die Verbindung nach aussen sein würde. Die Ferienwohnungen in Åboholm haben kein WLAN, das steht auf der Website. Wie die Erreichbarkeit über mobile Daten sein würde, wusste ich nicht, und ich fragte auch nicht danach. Es war Teil des Unbekannten, auf das ich mich einlassen wollte.

Lange wusste ich auch gar nicht, ob und wie viele Daten ich zur Verfügung haben würde. Mein Handy, obwohl erst letzten Herbst gekauft, ist nicht e-Sim kompatibel (ich hatte nicht darauf geachtet, weil ich nicht einmal wusste, dass es so etwas gibt). Mein Aboanbieter bot bis diesen Juni keine Datenpakete im Ausland an, weshalb ich es in den Ferien immer als finanzielles Risiko empfand, Daten zu nutzen. Aber eben, dann machte besagter Anbieter den genialen Move, zum genau richtigen Zeitpunkt attraktive Datenpakete anzubieten, und ich schlug zu.

Ich habe also Daten, und Åboholm hat perfekten Empfang.

Die Verbindung nach Hause ist intakt.

Ich nutze sie rege. Bekomme Sprachnachrichten von meinen Kindern (und quassle zurück). Telefoniere mit meinem Mann und meinen Eltern. Chatte mit Freundinnen. Stelle Fotos auf WhatsApp und Instagram und reagiere auf die Reaktionen. Strecke die Fühler auch mal ganz vorsichtig Richtung Schule aus. Kann in Kontakt sein mit dem Verlag von Hera voll viral und der anderen schönen Nachricht aus der Buchbranche (Update folgt bald). Werde benachrichtigt, dass die Kaninchen jeden Tag gefüttert werden.

Mein Åboholm-Abenteuer ist kein Ich-habe-keinen-Kontakt-zu-meiner-Welt-Abenteuer.

Das war am Tag der verschiedenen Feiern besonders schön. Ich konnte von hier aus ein Geschenk für meinen Mann organisieren. Er konnte mir Fotos schicken von der Geburtstags- und Abschlussfeier (wie schön sie einfach alle aussahen), und spät in der Nacht konnte mir die Tochter in einer Sprachnachricht erzählen, wie der Tag für sie gewesen war (und ich konnte die Nachricht gleich abhören und beantworten, weil mein Körper es unnötig findet, müde zu sein, wenn es draussen nicht dunkel wird).

Es ist schön, auf diese Art dabei zu sein bei dem, was zu Hause läuft.

Und es ist herausfordernd, weil ich zwar zuhören, reagieren und vorschlagen kann, aber nichts machen. Nicht mitreden. Ein wenig dabei, aber nicht Teil davon sein. Machen lassen. Vertrauen.

Nicht meine leichteste Übung, aber auch nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte. Mein Vertrauen ist intakt, meine Entscheidung, hier zu sein, trägt, und so langsam bin ich sogar bereit, mich dem Flow hinzugeben und das Zeitgefühl zu verlieren.

Zu diesem Gefühl passt der neue Song einer Sängerin, deren Lieder mich seit einigen Monaten intensiv begleiten: No worries von Rachel Platten.

Neues und Bekanntes

Und sonst war schwimmen von der neuen Plattform aus. Dem Fischadler beim Kreisen zuschauen. Fun Facts mit der neuen Wwooferin. Das Begehen eines neuen Pfades und die Entdeckung eines weiteren paradiesischen Plätzchens wenige Minuten von Haus Astrid entfernt. Eine weitere Ebike-Tour zur nahen Bakstugan mitten im Wald, wo es Fika und Brot geben soll, die aber wie bei meinem letzten Besuch geschlossen war. Neue Wörter und Erkenntnisse im Manuskript. Spazieren in der Dämmerung, Tee trinken, lesen und irgendwann doch noch einschlafen und gut und tief schlafen.

Liebes Reisetagebuch, no worries ist gar nicht so schwierig in Åboholm.

Reisetagebuch Tag 9: Loppis

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Im Loppis-Paradies Motala

Von Ferien in Schweden war mir nicht nur das Konzept der Fika bekannt, sondern auch die Vorliebe der schwedischen Bevölkerung für ihre Loppis (Flohmärkte/Brockenstuben). Gefühlt sahen wir auf unseren Büslireisen alle paar Kilometer ein entsprechendes Schild oder einen Wegweiser. Diejenigen, die wir besuchten (oft waren sie mit einem Café verbunden), fand ich toll. Schöne Dinge, schön arrangiert. Auch kuriose Dinge, schön arrangiert.

Daher sagte ich gern zu, als Bruno und Noemi mich auf eine Loppis-Tour einluden. Für sie sind Loppis nicht nur zum Schauen und um sich an Schönem und Kuriosem zu freuen, sondern sie richten mit den Gegenständen die Ferienwohnungen auf Åboholm ein. Astrid brauchte zum Beispiel noch eine Ständerlampe für die Stube und eine Bratpfanne. Ich wünschte zudem ein paar Vorratsdosen für Kaffee, Haferflocken und so. Sven könnte einen Teppich mehr vertragen, und grundsätzlich wären Gartenmöbel und ein grosser Tisch eine gute Sache.

«Wir fahren nach Motala, das ist ein Loppis-Paradies», hatte Bruno gemeint. Auch würden wir dort gleich eine neue Wwooferin aus der Schweiz abholen. Die Autofahrt von Åboholm nach Motala dauert ungefähr eine Stunde, führt durch Wälder und Felder und bietet ein paar spektakuläre Ausblicke auf den Vättern, den zweitgrössten See Schwedens. Unterwegs machten wir noch Halt in einem Baumarkt (man kann nie genug Baumärkte sehen, oder?), dann steuerte Noemi das Industriegebiet von Motala und den ersten Loppis an.

Återvinningen war er angeschrieben. «Den kennen wir noch nicht. Mal schauen, was er taugt», meinte Noemi. Was soll ich sagen? Er taugte grossartig! Der Wwoofer aus Polen, der ein T-Shirt brauchte, fand eines. Ich kaufte eine perfekt passende Kaffeebüchse für Astrids Küche und bereute es wirklich, dass ich keine Ferienwohnung einzurichten habe. Was es da an Geschirr, Dekosachen, Küchengeräten, Möbeln, Einrichtungsgegenständen, … hatte!

Aber eben, da es kein Ferienhaus zum Einrichten gibt und der Platz in meinem Koffer beschränkt ist, hatte ich nach ein paar Runden durch den Loppis genug gesehen. Ich bezahlte meine Kaffeebüchse und setzte mich draussen auf ein Bänkli. Bald bekam ich Gesellschaft vom Wwoofer und seinem neuen Shirt. Da er mit dem Velo unterwegs ist und noch weniger Platz übrig hat in seinem Gepäck als ich, war auch er fertig mit diesem Loppis.

Und so sassen wir da, unterhielten uns miteinander und mit unseren Handys (die Aussicht war ausnahmsweise mal nicht soooo berauschend, s. Foto unten) und halfen schliesslich Noemi und Bruno, die gekauften Gegenstände in den Anhänger zu verladen.

Die nächsten beiden Loppis (immer noch im Industriegebiet von Motala) waren leider geschlossen. Vom einen hatte Bruno es gewusst, der andere (mit dem schönen Namen Loppis & Ägg, weil logisch verkauft man in seinem Loppis auch Eier, wenn man welche hat) war geschlossen, obwohl er laut Öffnungszeiten bis 17 Uhr offen sein müsste (und es war erst 16.50 Uhr). Das war sehr schade, denn durch die Fenster sahen wir richtig schöne Dinge und die Lounge vor der Tür wäre perfekt für Åboholm.

Wir fuhren zum Bahnhof und holten die neue Wwooferin ab. Die nächsten beiden Loppis, die wir in Motalas Zentrum ansteuerten, waren auch geschlossen. Der eine aus dem schönen Grund, dass der Sommer endlich hier sei und man deshalb nur noch bis 14 Uhr geöffnet hätte. Ein guter Grund für uns, ein Glacé zu kaufen, bevor wir weiterfuhren.

Auf dem Weg zum Einkaufszentrum für einen Åboholm-Grosseinkauf (und war da etwa noch ein Baumarkt?) passierten wir noch einen Loppis. Dieser hatte bis 18 Uhr geöffnet, und es war 17.50 Uhr. «Zehn Minuten, das schaffen wir!», motivierte Bruno. Wir schafften zwei Bratpfannen, einen Gartentisch und ein wenig Kleinkram.

Åboholm

Je näher wir auf der Heimfahrt Åboholm kamen, desto mehr wuchs die Spannung. Die junge Wwooferin, die den Ort zum ersten Mal sehen würde, war vorfreudig aufgeregt. Bruno und Noemi sassen schmunzelnd vorne im Auto, wohl wissend, dass sie den Ort lieben würde. Und ich sass neben ihr und war mit ihr aufgeregt. Weil ich wusste, wie es ist, wenn man nach Åboholm gefahren wird. Wenn aus den Bildern im Internet und der Vorstellung, die man sich gemacht hat, Realität wird. Eine Realität, die wahrscheinlich kein Foto jemals wirklich wird abbilden können.

War sie begeistert, als wir ankamen? Javisst!

Wir assen spät an diesem Abend und verschoben Fun Facts auf den nächsten Tag. Stattdessen gingen Noemi, Bruno, die junge Schweizerin und ich noch für einen Abendschwumm in den See. Natürlich von der neuen Plattform aus. Und natürlich war es magisch schön.

Liebes Reisetagebuch, Loppis-Dinge werde ich keine nach Hause nehmen können. Aber so viele Erinnerungen!