Einfach anfangen

Heute ist ein Schreibmorgen geplant, ein Morgen nur für mich und meine Schreibprojekte. Kein Haushalt, kein Geschäft, keine Kontakte mit der Aussenwelt. Also – abgesehen vom Arzttermin um 7.30 Uhr, der Praxisbesichtigung um 11 Uhr, einem Telefongespräch, ein paar WhatsApp-Nachrichten und dem Vorbereiten des Mittagessens. Es ist kein reiner Schreibmorgen, aber es sind genau jetzt – zwischen 9.00 und 10.30 Uhr – eineinhalb Stunden Schreibzeit.

Eineinhalb wertvolle, ungestörte Schreibstunden. Und nun?

Ach, ehrlich gesagt fühle ich mich gerade ziemlich uninspiriert. Ich höre noch etwas Musik und schaue nach, ob sich in meiner Facebook-Timeline oder bei Instagram etwas inspirierend Aufbauendes findet. Ich räume noch schnell die saubere Wäsche in die Schränke, und dann brauche ich dringend einen Kaffee! Wo setze ich mich eigentlich hin zum Schreiben? Ins Büro, ins Wohnzimmer, auf den Sitzplatz, oder packe ich den Laptop ins Velokörbli und fahre in ein Café? Zu einem Bänkli am Waldrand?

Wo liegt sie nun, diese heilige Inspiration, die mich durch die nächsten eineinhalb Stunden tragen wird?

Natürlich kann es sein, dass sie mich auf Facebook oder YouTube anspringt oder dass mich die einsame farbige Socke inmitten der schwarzen T-Shirts im Wäschekorb zu einer Geschichte anregt. Dass ich mich dank meiner schwedischen Kaffeetasse in neue Welten denke oder dass ein paar Minuten Bewegung auf dem Velo meine Schreib-Hirnregion anregen. Kann sein.

Doch die ganze schöne Inspiration nützt mir nichts, wenn ich nicht anfange zu schreiben!

Es ist für mich immer wieder der schwierigste Teil. Das Word-Dokument öffnen, sei es ein neues, leeres, das gefüllt werden will, oder sei es eine angefange Geschichte, die weitergehen soll. Einfach hinsetzen und schreiben, ob die Inspiration nun da ist oder nicht. Die Grenze in die Welt des Schreibens überschreiten. Ich habe im Lauf der Zeit meine Tricks und Rituale gefunden, die mir den Übergang erleichtern, aber am Ende läuft es auf genau einen Punkt hinaus:

Ich fange an zu schreiben.

Inspiriert oder nicht. Begeistert oder nicht. Konzentriert oder nicht. So wie ich auch die anderen Tagesgeschäfte erledige. (Wie würde unser Haushalt wohl aussehen, wenn ich immer erst auf die Inspiration zum Waschen und Kochen warten würde?) Vielleicht kommt er dann, der ganz grosse Flow, dieser Rausch, der das Schreiben zur Sucht macht. Vielleicht poppt während den eineinhalb Stunden plötzlich ein herrliches kleines Glücksgefühl auf. Vielleicht finde ich den entscheidenden Twist in meiner Geschichte, oder es fliesst mir ein Satz für die Ewigkeit aus der Tastatur. Vielleicht schreibe ich auch einfach so vor mich hin.

Ich weiss nicht, was während dem Schreiben entstehen und passieren wird. Aber ich weiss, dass weder etwas passiert, noch etwas ensteht, wenn ich nicht anfange zu schreiben.

Also fange ich an. Wer noch?

Kill your Darlings

Ich habe es getan: Eine Figur, die ich sehr gut mochte, aus dem Manuskript gestrichen. Lieblingsszenen weggelassen. „Perfekte“ Sätze gekillt.

Mein Herz ist jedes Mal ein bisschen gebrochen dabei.

Aber es stimmt: Sie fehlen nicht. Sie machen Platz für das, was sich hinter/unter/neben ihnen versteckt hat. Es hat sie gebraucht beim Schreiben, es braucht sie nicht beim Lesen.

Einige vergesse ich tatsächlich gleich nach dem Löschen, bei anderen bleibt ein kleiner Abschiedsschmerz hängen (ach, sie waren so schön, diese pinken Blumenaugen, auch wenn sie nicht in die Story gehörten!).

Wovon ich schreibe? Von Milena Mosers Schreibtipp, der mich – als ich ihn während ihrem Schreibkurs das erste Mal hörte – entsetzt hat. Wie bitte? Streichen? Das, was mir gefällt? Habe ich das wirklich richtig verstanden? Ich habe. Und sie hat recht.