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Alltagstagebuch: Kochen und (nicht) darüber reden

Kochen in den Ferien

In Åboholm durfte ich beim Mittag- und Abendessen einfach zusitzen. Die Menüs waren frisch zubereitet, vegetarisch, gesund und immer geprägt von der Person, die gerade kochte. Ich bin eine Person, die nicht besonders gern kocht. Ich kann es, ich mache es, aber ich habe nie verstanden, wie man eine Leiden- und Wissenschaft daraus machen und stundenlang darüber reden kann. Vor einigen Jahren haben unsere Kinder festgestellt, dass ich viel schneller koche als mein Mann und dass das Essen bei mir immer etwas weniger schön aussieht. «Schmecken tut es aber auch gut!», war ihnen wichtig festzuhalten.

Als ich von meiner Auszeit zurückkam, waren bei uns noch Ferien. Ich übernahm wieder mein Ämtli Wocheneinkauf und kaufte Basics, die man irgendwann in den folgenden Tagen zubereiten konnte. Wenn ich Hunger hatte, mixte ich – ein wenig Åboholm-Style – zusammen, was ich fand. Dem Wetter entsprechend machte ich oft Salate, mit Qinoa, mit Couscous, mit Gemüsen und Kräutern, die gerade da waren. Mit dem Zitronenolivenöl, das die Nachbarin aus Italien mitgebracht hatte, mit Honig, weil die eine Wwooferin auf Åboholm damit so unglaublich feine Saucen gemacht hat. Mit Feta, weil ich das überraschenderweise gern bekommen habe. Es hatte immer zu viel von meinem Menüs, und es kam im Lauf des Tages immer alles weg.

Im Türkischen Laden, wo ich gern frische Kräuter für die Kaninchen hole und auch sonst ein paar Lieblingsdinge gefunden habe, kaufte ich Kichererbsen. Auch so ein Åboholm-Lebensmittel, mit dem grossartige Currys gemacht worden waren. Erst zu Hause kümmerte ich mich darum, wie man sie zubereitet. Als erstes muss man die 7 – 12 Stunden in Wasse einlegen, danach einige Zeit kochen. Das passte gerade nicht ins Programm, und es gab keine Kichererbsen. Ein paar Tage später hatte ich Zeit. Ich legte ein (und staunte, wie gross sie wurden), kochte sie im Dampfkochtopf, fror einige ein und machte einen Salat. Einen Salat, der okay, aber nicht speziell gut wurde (Mirjam-Kochstyle eben).

An dem Tag luden wir spontan eine Nachbarin zum Essen ein. Es gab Grillkäse und den okayischen Kichererbsensalat. Sie mochte ihn, sie schöpfte nach, und ich freute mich, dass es reicht, wenn neue ausprobierte Rezepte einfach nur okay herauskommen.

Kochen im Alltag

 Seit dieser Woche sind meine laaaaaaangen Ferien (die im Lauf der Wochen schleichend zu unterrichtsfreier Arbeitszeit geworden waren, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag) vorbei. Der Familienalltag läuft wieder und damit der Deal mit den Teens/jungen Erwachsenen im Haus, dass wir uns mit Kochen abwechseln. Am ersten Tag machte ich – Kichererbsensalat. Verbessert, nicht mehr okay, sondern richtig gut. An meinem zweiten Kochtag wollte ich Pasta machen, hatte aber auf keines meiner Standardrezepte richtig Lust. Also fragte ich das Internet und liess mir von Betty Bossi ein Rezept mit Thymian, Tomaten und Gin zeigen. Es wurde okay.

Auch der Sohn ist so kurz nach den Ferien noch kochmotiviert und fragte das Internet nach einem Reisrezept. Er landete altersgemäss nicht bei Betty Bossi, sondern auf TikTok. Er kochte Reis mit Peperoni, einer scharfen Sauce und ohne Erbsli, weil wir davon keine hatten. Es wurde fantastisch gut.

Die Tochter kochte Pizza. Bewährt, gut und ganz nach ihrem Motto: «Pizza sollte es mindestens einmal pro Woche geben!»

Fazit

Und schon habe ich zwar nicht stundenlang übers Kochen geredet, aber abschnittelang darüber geschrieben. Am Ende fange ich auch noch an, es gern zu machen!

Und vielleicht sehe ich dann genauso glücklich aus, wie wenn ich nach einem langen Velotag im Restaurant Pommes und Roastbeef bekomme.

Alltagstagebuch: Zuhauseliebe und Schwedenweh

Dies ist mein Wochenblog. Intuitiv, unstrukturiert, unvollständig.

Ankommen

«Hast du dich schon wieder eingelebt?», war eine Frage, die ich häufig hörte diese Woche. Oft gefolgt von der Feststellung: «Ich hatte gar nicht das Gefühl, dass du so lange weg warst.» Und auch oft gefolgt von einer Aussage, die mich jedes Mal sehr gefreut hat: «Ich vermisse dein Reisetagebuch.»

Aber der Reihe nach: Danke, ja, ich habe mich sehr schnell wieder eingelebt. Nachdem mich die Deutsche Bahn letzten Samstag irgendwann in Basel ausgespuckt hatte und ich in einen prima Anschlusszug nach Lenzburg steigen konnte, holte mich mein Mann am Bahnhof ab (Das war schön. Und emotional. Und – hach.). Zu Hause begrüsste ich Sohn und Kaninchen (das war auch schön und emotional), danach assen wir im Garten unter dem Quittenbaum, erzählten, lachten, waren zusammen. Ich war angekommen.

Die Nachbarn und Nachbarinnen, meine Eltern, die Tochter, meine Stellenpartnerin, Freundinnen. Ich hatte viele Begegnungen in dieser Woche, die mir zeigten, wie gut es mir zu Hause geht und wie gern ich hier bin. Ausflüge, Vor- und Nachbereitungen in der Schule, Aufräumen, Lesen, Einkaufen, Eingeladensein. Der Ferienalltag war sofort da.

Vermissen

Irgendwann am Samstagnachmittag stand ich in der Küche, bereitete etwas fürs Abendessen vor und – bämm: Ich vermisste meine Küche im Haus Astrid. Den Tisch mit der Aussicht auf die violetten Blumen und die alten Eichen. Den Holzboden unter den nackten Füssen. Den Geruch. Die Möglichkeit, nach draussen zu gehen, ein wenig mit Noëmi, Bruno und den Woofer*innen zu plaudern und weiterzugehen. An den See, in den Graugnomenwald, zum Biberdamm, ins Blaue (Grüne) hinaus. Ich vermisste das Alleinsein, das Frei-von-Aufgaben-Sein, dieses wundersam zeitlose Åboholm-Gefühl.

Die Tochter kam nach Hause, wir setzten uns an den Küchentisch, redeten in dieser uns eigenen Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe, und ich wollte nirgendwo anders sein als mit ihr an diesem Tisch.

Und allein im Haus Astrid. Wieder einmal geht beides gleichzeitig.

Reisen

Zum Ferienalltag gehören Ausflüge. Biertrinken und Aarebaden in Aarau, eine E-Bike-Fahrt zu einem nahen Aussichtsturn, Lädele in Konstanz, Unterwegssein mit meiner Mutter. Bei Bedarf in geordneten Schweizer Bahnen und Büssen. Sollte man meinen.

Die zehnminütige Reise nach Aarau dauerte über eine halbe Stunde länger. Fahrleitungsstörung. Was nicht so schlimm war, da meine wartende Kollegin auch ohne mich Biertrinken konnte und ich eine sehr schöne Begegnung hatte mit einer Bekannten, die mein Reisetagebuch vermisste und mir ihr Grosskind vorstellte.

Noch überraschender war die Panne beim Busfahren. Ich drückte den Knopf, der dem Busfahrer signalisieren sollte, dass wir bei der nächsten Haltestelle aussteigen wollten. Das Stopp leuchtete auf. Die Haltestelle kam näher. Meine Mutter und ich büschelten unsere Taschen. Der Bus fuhr an der Haltestelle vorbei. «Hallo?», riefen wir durch den Gelenkbus, nachdem wir uns eine Weile konsterniert angeschaut hatten. Der Busfahrer fuhr weiter. Später erklärte uns, es sei nicht sein Fehler gewesen, er hätte nämlich schon geschaut, ob er anhalten müsste. Er sähe jetzt zwar, dass wir gedrückt hätten, aber trotzdem. Er fuhr uns zum Bahnhof im Nachbarort, wo wir eine Viertelstunde mit ihm warteten und ich mir den Aufenthalt mit einer Glacé versüsste. Dann fuhren wir zurück, drückten den roten Knopf und – voilà, beim zweiten Anlauf klappte es, und wir durften an der richtigen Haltestelle aussteigen.

Also was ich nicht vermisse: Die kleinen Reiseabenteuer. Die gibt es nämlich auch bei Ausflügen zu Hause. (Während ich dies schreibe, sitze ich im Zug Richtung Wallis. Bis jetzt läuft alles nach Plan.)

Åboholmweh

War ich jetzt lange weg oder nicht? Geht es mir wie den Menschen, die meine Abwesenheit kurz fanden? Eigentlich nicht. Eigentlich habe ich schon das Gefühl, dass ich eine lange Auszeit hatte. Auf jeden Fall hatte ich genug Zeit, um richtig anzukommen, richtig zu geniessen und kleine Würzelchen zu schlagen, die bleiben und manchmal dieses Vermissungsgefühl auslösen. Åboholmweh halt.

Lieber Wochenblog, ich vermisse und geniesse.

Reisetagebuch Tag 26: Thank you for traveling with me

Dies ist der letzte Eintrag des Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Danke, dass du dabei warst. Ich habe mir übrigens sagen lassen, dass man die Beiträge auch von hinten nach vorne lesen kann.

Von Travemünde Skandinavienkai nach Hamburg

Auch auf dieser Finnlines-Fähre versammelt man sich als Passagierin ohne eigenes Fahrzeug an der Reception. Und auch da wartet man, bis der Rest des Schiffs leer ist (oder auf etwas anderes, who knows). Wir trafen uns alle wieder, die schwedisch-finnisch-deutsch-schweizerische Reisegruppe plus Frau und Hund. Ich lernte, dass man in anderen Fähren als Fusspassagier*in über eine Passage aus dem Schiff geht. Also das hier hatte noch niemand erlebt (ausser ich auf der Hinreise).

Irgendwann waren wir draussen. Mit unseren Apps, einigen spärlichen Infos und dem Ziel, zeitnah nach Hamburg zu kommen. Die deutschen Jungs verschwanden, der Hund tobte auf dem Rasen, und wir anderen bestätigten uns gegenseitig, dass bald ein Bus nach Lübeck fahren würde (auf den Zug wollte ich mich nicht verlassen, nachdem er mich auf der Hinfahrt Irgendwo im Nirgendwo ausgespuckt hatte). Der Bus kam, fuhr fahrplanmässig nach Lübeck, und wir zottelten als ganze Gruppe weiter zum Zug nach Hamburg. Der war ziemlich voll, weshalb wir uns voneinander verabschiedeten.

Der Schweizer und ich setzten uns ins gleiche Abteil und wunderten uns, dass wir ab Hamburg zwei unterschiedliche Züge gebucht hatten, die in einem Abstand von einer Viertelstunde fahren würden. Am Hauptbahnhof trennten wir uns, und ich studierte die Abfahrtafeln.

Hamburg

Guess what? Es gab keinen Zug, der um 10.29 Uhr fuhr. Es gab nur den Zug um 10.45 Uhr. Ich ging zu einem Infoschalter. «Ja ….», meinte der freundliche Herr dort. «Ihr Zug ist – früher gefahren. Der ist schon weg. Sie können … Also Sie müssen sich beeilen, dann können Sie im Reisezentrum noch umbuchen auf 10.45 Uhr.»

Ich beeilte mich und stellte mich ans Ende einer Schlange, die endlos lang schien und dies auch blieb. Sollte ich anstehen und auf irgendeinen späteren Zug umbuchen? Oder ohne Reservation um 10.45 Uhr losfahren? Was ist weniger anstrengend? Was macht mehr Sinn?

Mein Mann riet mir per Whatsapp, in den Zug zu steigen. Der Schweizer, den ich wieder traf, meinte, es wäre nicht cool gewesen, ohne Reservation von Zürich nach Hamburg zu fahren.

Ich stieg in den Zug. Setzte mich erst ins Restaurant und fragte dann einen Zugbegleiter, was ich am besten machen sollte. Seine Kollegin empfahl mir Wagen 8. Dort hätte es ungebuchte Plätze.

Reisehilfen

Als ich ratlos in Hamburg war, schrieb ich eine Nachricht an Simple Train. Diese Plattform hat die Reise für mich geplant, alle Verbindungen herausgesucht und die Reservationen vorgenommen. Ich fragte also an, ob sie vielleicht die Buchung ändern könnten.

Die Antwort folgte rasch und persönlich: Leider sei es nicht möglich gewesen, eine andere Reservation vorzunehmen. Ich könne aber auch ohne Reservation reisen.

An dieser Stelle spreche ich eine grosse Empfehlung für Simple Train aus . Die Plattform ist unkompliziert, hilfreich, kompetent, persönlich und das Geld sowas von Wert. Ich glaube nicht, dass ich ohne sie die Nerven gehabt hätte, mit dem Zug nach Schweden und zurück zu reisen.

Für Reiseplanungen mit dem Zug: Die Website von Simple Train

Es ist schon eine Weile her, dass ich mit einer Freundin in Lenzburg bei Fräulein Rosarot war. Wir schauten uns die coolen Ledertaschen an, die Stefanie unter anderem verkauft. «Irgendwann brauche ich eine Tasche, und dann komme ich hierhin», versprach ich.

Vor meiner Reise stellte sich die Frage, wo ich die wirklich wichtigen Dinge wie Interrail-Ticket, Reservationen, Handy und Zimmerschlüssel aufbewahren wollte. Antwort: Natürlich in einer Tasche von Fräulein Rosarot!

Ich liess mich von Stefanie beraten. Sie zeigte mir die verschiedenen Grössen ihrer Taschen und wies mich darauf hin, dass es oft auch sinnvoll ist, die Sonnenbrille dabei zu haben (natürlich, ohne mir etwas aufschwatzen zu wollen). Ich entschied mich für eine kleine Ledertasche, ein Brillenetui, das darin Platz hat, und ein schmales Stoffetui, in dem Karten und Schlüssel ein Plätzchen haben.

Und was war und bin ich auf meiner Reise froh um diese Accessoires! Ich habe die Tache hunderte Male geöffnet und geschlossen, und der Reisverschluss ist immer noch einwandfrei. Die Grösse ist perfekt, die Tasche hängt immer über meiner Schulter, wenn ich unterwegs bin. So geht das Wichtigste weder verloren noch vergessen. Die ID ist jederzeit griffbereit, die Tickets sind immer sicher.

Für Taschen und andere wundervolle und praktische Dinge: Fräulein Rosarot, online und im Laden in Lenzburg.

Goodbye

Während ich dies schreibe, sitze ich immer noch im Zug Richtung Basel, und noch hat niemand meinen Platz beansprucht. Meine Sitznachbar*innen wechseln, alle sind nett. Ich habe schon gegessen, gehäkelt, geschrieben, gelesen und aus dem Fenster geschaut.

Seit bald zwei Stunden bleiben wir immer wieder stehen, weil – Deutsche Bahn? (und offenbar wegen eines Brandanschlags auf den Gleisen zwischen Düsseldorf und Köln und dem daraus entstandenen Chaos)

Gerade belausche ich ein Telefongespräch. Ich höre nur, was der Mitreisende sagt: «Im Zug. – Warten. – Das weiss keiner.» Gut zusammengefasst.

Ich muss heute keine Fähre mehr erreichen, und mein nächster Übernachtungsort ist 24/7 für mich offen. Ich habe keinen Stress.

Also mache ich, was Astrid sagt: Sitze und schaue.

Und ich verabschiede mich von euch, liebe Lesende dieses Reisetagebuchs, und bedanke mich für euer Interesse und jeden Austausch, der daraus entstanden ist.

Die Ankunft zu Hause, die gehört allein meiner Familie.

Wann auch immer.

Liebes Reisetagebuch, es war mir eine Freude.

Reisetagebuch Tag 25: Hej då, Sverige

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Schiffe

Was macht man in Stockholm, wenn man noch ein paar Stunden Zeit hat, keine Lust, viel zu laufen, und ein bisschen aufgeregt ist wegen der Frage, ob die kommende Heimreise wie geplant verlaufen wird?

Ich holte den Prospekt, den mir eine junge Frau am ersten Abend in die Hand gedrückt hat, hervor. Guided Tours auf Schiffen, die kürzeste 1 Stunde lang mit dem lautlosen Elektroboot. Selten mal auf Deutsch, regelmässig auf Englisch. O ja, eine Stunde lang sitzen, schauen, auf dem Wasser sein, mich auf Englisch berieseln lassen oder weghören, wenn ich will – perfekt.

Es war perfekt, wenn auch etwas anders als gedacht. Ich war nämlich die einzige Passagierin, die zu Kapitän Ivan und Guide Jana ins Elektroboot stieg. Jana ist aus Deutschland, hat in Stockholm studiert und ist geblieben. Es wurde keine klassische geführte Tour, sondern ein angeregtes Gespräch mit Jana, die mir viel Wissenswertes über Stockholm erzählte (zum Beispiel, wo es die besten Zimtschnecken gibt. Einerseits die offiziell gewählten, aber auch ihre Lieblingsbäckerei). Wenn ich das nächste Mal in Stockholm bin, werde ich Södermalm erkunden.

Wir fuhren an Junibacken vorbei und an einem Schiff mit grossen Masten, das wirklich lange ein Hostel gewesen war, aber heute nicht mehr (bestimmt meine Jugenderinnerung). Wir sahen eine riesige Gruppe Graugänse und verschiedene Teile von Stockholm, zu denen Jana immer ein paar Infos und Geschichten hatte. Es war eine tolle Art, von der Stadt Abschied zu nehmen.

Nach der Tour ging ich zu Fuss zur Centralstation (ein paar Schritte müssen schon sein), und stellte fest, dass die Züge nach Göteborg alle gecancelt waren, mein Zug nach Malmö aber fahrplanmässig abfahren sollte. Auf dem Perron fragte ich gewohnheitsgemäss die nächstbeste Person, ob dies auch wirklich der Zug nach Malmö sei. Die junge Frau schaute mich an, grinste entschuldigend und sagte: «Ich bin auch nicht sicher. Ich rufe gerade meinen Vater an.» Vielleicht sollte ich mir das auch angewöhnen.

Im Bahnhof Lund gab es offenbar auch Chaos, wir waren laut Zugbegleiter der einzige Zug, der durchfahren konnte. Wie war mir das schwedische Bahnglück hold! Auch die Busfahrten zum Hafen schaffte ich ohne hilfreiches deutsches Ehepaar, denn jetzt hatte ich selber die richtige App (Skånetrafiken).

Beim Check-In traf ich auf ein schwedisches und ein finnisches Ehepaar, einen Schweizer, zwei deutsche Jungs, die sich auf die Bar im Schiff freuten, und eine Frau mit Hund, die nichts sagte, weshalb ich nicht herausfand, woher sie war (der Hund war aber sehr freundlich und hat mir im Shuttlebus begeistert die Hand abgeschleckt).

Der Shuttlebus raste auf eine grosse Fähre zu. So eine richtige, wie ich sie mir für die Hinfahrt vorgestellt hatte. Ich schmunzelte innerlich. Bestimmt war unser Schiff dahinter versteckt. Aber nein – der Shuttlebus raste in die Riesenfähre hinein (boah, wenn ich denke, wie süferli ich das Büsli jeweils in diese Kähne steuere), und tatsächlich war dies das Schiff, das uns nach Travemünde bringen sollte. Ich war so happy! Eine schöne Kabine, ein riesiges Sonnen(untergangs)deck, alles grösser und viel schicker als auf der Truckerfähre vor dreieinhalb Wochen. Sie war gut genug gewesen, und ich wäre freudig mit ihr zurück nach Deutschland gefahren. Aber es war schon sehr schön auf der Finnswan.

Der wirklich letzte Abend in Schweden

Der Abend bot einen spektakulären Sonnenuntergang. Ich schaute ihm erst vom Bordrestaurant aus zu, dann suchte ich mir ein schönes Plätzchen auf dem Deck. Schaute und schaute, genoss die unglaubliche Schönheit, die Schweden mir noch einmal bot, und spürte all den Gefühlen in mir nach. Ich war traurig. Ich war dankbar. Ich war vorfreudig. Ich war aufgeregt. Und am meisten von allem war ich glücklich.

Die Sonne ging unter, die MS Finnswan fuhr los, hinein in den brennenden Abendhimmel. Ich holte mir an der Bar ein grosses Bier, suchte einen geschützten Platz auf dem Deck und genoss das Fährenfahren. Bis alle um mich herum etwas aufgeregt wurden. Ich stand auf und schaute um die Ecke.

Und da war einfach die Öresundbrücke! Ja, ich weiss, dass das wenig überraschend ist, wenn man darüber nachdenkt, aber das hatte ich nicht. Und jetzt fuhren wir auf diese endlose Brücke zu, in der immer noch atemberaubenden Abendstimmung. Natur trifft Technik, und ich hatte einen kleinen Titanic-Moment, weil dieses Schiff KANN doch da nicht hindurchpassen! Doch natürlich konnte es.

Ruhig glitt die Finnswan unter der Brücke hindurch. Die Passagier*innen, die das Spektakel alle mit den Handys in der Hand miterlebt hatten, schauten einander an. «Wahnsinn, oder?», fragte die Frau neben mir, und ich konnte ihr nur rechtgeben.

Dann schaute ich zurück. Die Brücke (über die gerade ein Zug fuhr, damit das Staunen noch etwas grösser wurde), dahinter der immer noch brennende Abendhimmel. Wow. Ich trank den letzten Schluck Bier und ging zurück in meine Kabine. Leicht dizzy, vielleicht vom Bier, vielleicht von all der Schönheit um mich herum.

Liebes Reisetagebuch, schau dir das an!

Reisetagebuch Tag 24: Mit Astrid durch Stockholm

Dalagatan 46

«Besuchst du Astrid Lindgrens Haus in Stockholm?», hatte mich eine Freundin gefragt. Ich hatte noch keine Pläne, wollte mich treiben lassen und fand die Idee, dabei Astrids Spuren zu folgen, sehr schön.

Ich recherchierte also ein wenig und fand heraus, dass Astrid Lindgrens Hem in der Dalagatan 46 gewesen war. Sie hat dort über 60 Jahre gewohnt und ging gern im nahen Vasapark spazieren.

Ich konnte mit der Tunnelbana bis ganz in die Nähe fahren, erwischte wundersamerweise den richtigen Ausgang und wäre in 2 Minuten bei Astrids Hem gewesen. Nur, dass ich daran vorbeiging. Ich war davon ausgegangen, dass ich entweder die Plakette am Haus sehen oder irgendwie spüren würde, dass ich da war. Nun, das tat ich beides nicht, und deshalb kenne ich jetzt eigentlich die ganze Dalagatan.

Astrid Lindgrens Hem ist heute ein kleines Museum, das an bestimmten Tagen geöffnet hat. Dass heute kein solcher Tag war, wusste ich. Ich schaute also ein bisschen an die Hausfassade und versuchte mir vorzustellen, dass Astrid Lindgren hier gewohnt hatte und jeweils aus dieser Tür auf diese Strasse gekommen war. Eine schöne Vorstellung, aber auch etwas abstrakt.

Der Vasapark auf der gegenüberliegenden Strassenseite bot wesentlich mehr Leben. Kinder spielten Fussball, Senior*innen spielten Minigolf, Menschen sassen auf Bänken und auf dem Rasen, lasen, unterhielten sich, lagen in der Sonne. Ein Teil des Parks ist ein riesiger Spielplatz mit einem grossen Parkplatz für Kinderwagen. Der deutsche Åboholm-Wwoofer, der in Finnland wohnt, hat erzählt, dass die Spielplätze in Helsinki während der Ferien Betreuung und Mittagessen für die Kids anbieten. Gut möglich, dass das auf dem Vasapark-Spielplatz auch so ist.

Mir Astrid hier vorzustellen, beim Spielplatz, beim Spazieren, Lesen oder Sich-Unterhalten fiel mir sehr leicht.

Junibacken

Es gibt noch weitere Orte in der Umgebung, die mit Astrid Lindgren und ihren Büchern in Verbindung stehen, aber die habe ich mir nicht angeschaut. Stattdessen machte ich mich mit der Tunnelbana und zu Fuss auf Richtung Djurgården (das mit dem zu Fuss dauerte länger als gedacht. Ich habe ein unglaubliches Talent entwickelt, mit Hilfe von Google Maps in die falsche Richtung zu gehen und das gern mehrmals hintereinander).

Djurgården ist die Insel der Museen und Attraktionen in Stockholm, und eines der Museen ist Junibacken. Es ist benannt nach dem Wohnort von Madicken in einem von Astrids Büchern (auf Deutsch heisst das Mädchen Madita und ihr Zuhause Birkenlund).

Vor dem Museum steht, resp. sitzt eine Statue von Astrid Lindgren mit einem Buch in der Hand. Als ich da war, stellte sich gerade ein kleiner Junge neben sie, die Hand auf das Buch, ein Strahlen im Gesicht. Wieder ein Moment, in dem ich mir die richtige Astrid so gut vorstellen konnte.

Der Kinderwagenparkplatz vor dem Museum war noch beeindruckender und voller als der im Vasapark, und ich hatte ganz fest den Eindruck, dass ich hier nicht die Zielgruppe war. Ich wollte dennoch rein. Astrid war es nämlich wichtig, dass das hier nicht nur ihr Museum war, sondern das Museum der schwedischen Kinderliteratur. Hier drin würde ich Sven Nordquist und Tove Jansson wieder begegnen. Was für eine wundervolle Abrundung meines Aufenthalts auf Åboholm!

Yup, es hat Spass gemacht. All die Figuren zu sehen (die Krähe, die den Stall weiss anmalt, statt ihn zu putzen!), die Sonderausstellung des Mumin-Winterwunderlands zu besuchen, in dem man Schneebälle werfen und Schneehügel hinunterrutschen kann, den Kiddies beim Spielen in der Villa Kunterbunt zuzuschauen, engagierte junge Schwed*innen Theater spielen zu sehen. Im Restaurant habe ich Pasta bestellt und sie auf der Terrasse mit wunderbarem Ausblick aufs Wasser genossen (und mich zusammen mit einem schwedischen Vater über sein Kleinkind amüsiert, dass die Rufe der Möwen imitiert hat).

Der Geschichtenzug

Um 14 Uhr durfte ich anstehen für den Sagotåget, den Geschichtenzug. Die Reise im Sagotåget ist im Eintritt enthalten. Ich konnte mir trotz einiger Audiodateien, die ich dank eines QR-Codes gefunden hatte, nicht viel darunter vorstellen. Aber ich erfuhr, dass man sich die Geschichten in verschiedenen Sprachen anhören konnte. Wenn man Schwedisch wählt, führt einen Astrid Lindgren persönlich durch ihre Geschichten.

Ich setzte mich also in die Gondel mit Sitzbank und sagte selbstbewusst «Svenska», als ich nach der Sprache gefragt wurde. Und dann folgte ein unglaubliche Viertelstunde! Man fährt und fliegt an Szenen aus Astrids Büchern vorbei oder durch sie hindurch. Astrid erzählt, was man sieht, und weil ich fast alle Geschichten kenne, habe ich ganz viel verstanden. Da balancierte Madicken/Madita auf dem Dach, Ida hing an der Fahnenstange, ich fuhr ganz nahe am Tischlerschuppen vorbei, in dem Emil/Michel für seine Streiche büssen muss. Unter mir kreiste Karlsson vom Dach über die Dächer von Stockholm, dann war ich geschrumpft und musste an einer riesigen Ratte vorbeischweben. Die Mathisräuber sangen in der Burg, und Ronja und Birk machten Feuer in der Höhle. Jonathan und Krümel retteten sich aus der brennenden Wohnung, kamen nach Nangijala, begegnetem dem Drachen Katla und lagen am Ende am Rand der Klippe.

Und dann war die Reise zu Ende, und irgendwie musste ich wieder in die Gegenwart zurückfinden. Die Angestellte des Museums wollte mir wahrscheinlich dabei helfen, aber da sie schwedisch mit mir redete (selber schuld, ich), war das wenig hilfreich.

Das Problem war halt auch: Es wird einem schwer empfohlen, als Kinder und Erwachsene gemeinsam in eine Gondel zu steigen. So kann man sich gegenseitig an der Hand nehmen, falls jemand Angst bekommt. Angst hatte ich nicht, aber eine Hand zum Drücken wäre schon schön gewesen.

38’000 Schritte

Von Junibacken ging ich nach Skansen, ins Freiluftmuseum und den Tierpark. Das war schön, ausser dass ich zum ersten Mal in Schweden eine nicht besonders feine Zimtschnecke ass. Die Elche waren auch nicht ganz so eindrücklich wie erhofft (sie lagen halt so hinter dem Zaun), aber ich habe den Luchs gesehen (den es in den Wäldern rund um Åboholm auch geben soll, den ich aber nie aktiv gesucht habe) und Robben.

Irgendwann waren es dann genug der Eindrücke. Direkt vor dem Hauptausgang des Parks hat es eine Tramstation, von der aus man zum Bahnhof fahren kann. Ich kann sehr empfehlen, in Stockholm die SL-App runterzuladen, da kann man Tickets lösen für den ganzen öffentlichen Verkehr in der Stadt. Einzelbillette sind 75 Minuten lang gültig, und man kann damit verschiedene Strecken hintereinander fahren. Ich nahm am Bahnhof also gleich noch die Tunnelbana, fuhr bis Gamla Stan und erkundete dort noch ein paar Läden, die ich am Abend vorher gesehen hatte. Danach ging ich zum Hotel und gönnte meinen Füssen ein wenig Ruhe.

Am Abend wollte ich eigentlich ganz in der Nähe etwas essen gehen. Aber dann ging ich über eine andere Brücke als sonst, und das Abendlicht war so schön. Ich umrundete Riddarholmen und ging einmal quer hindurch. Da war ich schon wieder in der Nähe von Gamla Stan und merkte, dass ich so richtig Hunger hatte. Pizzahunger! Also hin und her in und um Gamla Stan herum, bis ich eine Pizzeria fand, vor der keine Menschenschlange stand und die noch Platz hatte an einem Tisch draussen. Es war jetzt nicht die beste Pizza meines Lebens, aber der Hunger war gestillt. Also fast. Es brauchte noch ein Softeis für den Heimweg, der Richtung orangenem Himmel führte und – hach, Stockholm ist schön.

So schön, dass ich an einem Tag mehr als 38’000 Schritte gemacht habe und es nie als anstrengend empfunden habe.

Liebes Reisetagebuch, von heute gibt es viele tolle Fotos. Dieses ist vom Spielplatz im Vasapark.

Reisetagebuch Tag 23: Weiterziehen

Tschüss Astrid, tschüss Åboholm

Zwischen Routine und Alles-ist-heute-anders. Zwischen Dankbarkeit, Abschiedsschmerz und Vorfreude auf die Weiterreise. Ich habe alles zugelassen in den letzten Stunden in Haus Astrid. Bewusst den letzten Frenchpress-Kaffee zubereitet. Die Küche aufgeräumt, alles Geschirr in die Schränke gestellt, die Vorratsdosen geleert. Meine Sachen zusammengesucht und zurück in Koffer und Rucksack gepackt. Das Aussichts- und Lüftifenster in der Stube zum letzten Mal geschlossen (und dann noch einmal geöffnet, um den Vögeln ein paar Brösmeli rauszuwerfen).

Dann war alles erledigt. In einer Viertelstunde würden Noëmi und ich losfahren nach Hallsberg. Ich stellte mein Gepäck auf die Veranda und schloss die Haustür zum letzten Mal.

Ich habe Astrid verlassen, wie ich angekommen bin. Weinend und voller widersprüchlicher Gefühle.

Meine Füsse trugen mich nicht zur Gemeinschaftsküche und den Werkstattschuppen, sondern hinunter zum See. Ich legte mich auf den Steg (gut darauf achtend, dass das Handy sicher war und nicht im letzten Moment noch versenkt würde – die Story gäbe zwar eine gute Romanszene, aber kein schönes Kapitel im Reisetagebuch) und tauchte die Hände ins Wasser.

Zum letzten Mal den See spüren.

Ich stand auf und nahm den Weg, der direkt zum Hauptgebäude führte, wo ich Bruno am Arbeiten wusste. Meine Tränen waren versiegt, unten am See geblieben. Ich verabschiedete mich von Bruno und den Wwooferinnen mit Umarmungen und vielen wertschätzenden Worten.

Dann fuhren mich Noëmi und der rote Volvo von Åboholm weg.

Die Reise nach Stockholm

In Hallsberg verabschiedete ich mich auch von Noëmi. Bedankte mich noch einmal für mein Sonderpackage und bekam das Angebot, dass es jederzeit für mich offenstehen würde.

In der Ankunftshalle wurde angezeigt, dass mein Zug eine halbe Stunde Verspätung hatte. Das hätte mich nicht weiter beunruhigt, aber meine Tochter war am Abend zuvor von Malmö nach Stockholm gefahren, in einem Zug, der am Ende fünf Stunden Verspätung hatte. Was war los mit der Schwedischen Bahn?

Nichts Besonderes, erklärte mir eine erboste Frau auf dem Perron. Das sei IMMER so! Zugfahren in Schweden sei schlimmer als in Indien, sie sei dort gewesen. Immer sei etwas kaputt. Während sie schimpfte, fuhr ein Zug ein, der Stockholm angeschrieben war. Die halbe Stunde war um. «Hier!» sagte ich und lief zum Zug. Sie folgte mir nicht. Gut, er war auf dem Gleis gegenüber von dem, auf dem er ankommen sollte, aber dort war eben erst noch derjenige nach Göteborg gestanden. Ich fragte mehrere Menschen, die mir alle bestätigten, dass das der Zug nach Stockholm war. Zu schade, dass die Frau ihn vor lauter Schimpfen verpasst hatte.

Das falsche Gleis, nur drei Wagen, obwohl meine Reservation im Wagen 5 war – es hätte mir komisch vorkommen können. Die Zugbegleiterin erklärte mir dann nach etwa der halben Strecke, dass ich im falschen Zug sitze. Das sei der Regiozug, ich hätte im Schnellzug reserviert. «Oh», meinte ich, nicht überrascht, aber ein bisschen verunsichert, was mein Ticket anging. – «Sie können hier sitzenbleiben», beruhigte mich die Zugbegleiterin. «Es ist alles gut. Es tut mir nur sehr leid für Sie. Sie sind viel langsamer in diesem Zug.» Knuffig einfach, diese swedish people! Ich versicherte ihr, dass ich die Reise geniessen würde und fuhr langsamer als geplant, aber stetig Richtung Stockholm.

Rygerfjord Hostel

Das Timing war perfekt. Mein Check-In im Hostel war ab 15 Uhr möglich. Der Regiozug erreichte Stockholm Centralstation um 14.50 Uhr. Ich folgte den Empfehlungen des Hostels, stieg in die Tunnelbana und am Mariatorget wieder aus, verliess mich auf meinen Orientierungssinn und irrte ein wenig durch die Quartiere, bis ich den Kaj fand. Rygerfjord Hostel liegt direkt am Wasser, auf drei Schiffen.

Ein Hotel auf einem Schiff war ein Traum von mir, seit ich als Jugendliche gehört hatte, dass es das gab (ich glaub, es war damals die Jugi in Stockholm, bin aber nicht mehr sicher). Ich habe ein Zimmer mit See(Meer? Wer weiss das schon in Stockholm)Sicht, direkt Richtung Gamla Stan. Wenn ich auf dem Pier zwischen den Schiffen Rygerfjord 2 und Rygerfjord 3 sitze, direkt am Wasser, sehe ich zum Rathaus, zur bekannten farbigen Häuserreihe oder auch auf Gamla Stan, je nach Richtung.

Das Zimmer ist klein, eine Kabine halt, Dusche und WC im Gang, wie ich es gebucht habe.

Gamla Stan

Ich habe die Kabine nicht lange genossen. Ein wenig ankommen, etwas von meinen Astrid-Vorräten essen und trinken und dann los Richtung Gamla Stan. Ich habe mich treiben lassen. Zwischendurch habe ich mit meinem Mann telefoniert und später gemerkt, dass ich mich dafür auf die Stufen der Storkyrken gesetzt hatte, direkt neben dem Königlichen Schloss. Dort wurde gerade eine Wachablösung zelebriert, als ich um die richtige Ecke schaute. Als es ein wenig tröpfelte, setzte ich mich in ein Restaurant. Später gab es Mjukglass und chillen am Wasser. Und schliesslich die Abendstimmung auf dem Pier vor Rygerfjord 3.

Zurück unter vielen Menschen

Es war gar nicht so anstrengend, wie ich befürchtet hatte. Stockholm ist zwar voller Tourist*innen, aber alles ist schwedisch gelassen und mit viel Weite. Der Übergang in das Leben ausserhalb von Åboholm ist geglückt.

Liebes Reisetagebuch, zum Reisen gehört das Weiterziehen.

Reisetagebuch Tag 22: Der letzte Tag auf Åboholm

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Die Zeitrechnung

«Dein Aufenthalt in Åboholm dauert nicht länger, wenn du das Reisetagebuch zweimal mit Tag 20 datierst», warnte mich mein Vater am Telefon.

Das leuchtet mir natürlich ein (und ich habe es mittlerweile auch korrigiert), aber ich finde es schon noch bemerkenswert, dass mich am Ende nicht einmal mein sorgfältig durchnummeriertes Tagebuch davon abhalten konnte, die Übersicht über meine Zeit in Åboholm zu verlieren.

Der letzte ganze Tag

Trotzdem war ich mir natürlich bewusst, dass der Dienstag mein letzter Tag war. Ein Tag, an dem es immer wieder regnen sollte. Das heisst ein Tag, um Astrid noch einmal so richtig zu geniessen. Kaffee zubereiten mit der French Press. Auf dem Sofa liegen, lesen und den Blick immer wieder Richtung See gleiten zu lassen. Einen grossen Krug Tee machen. Am Schreibtisch in der Stube und am Küchentisch schreiben. Die Regenpausen nutzen, um tatsächlich noch einen neuen Pfad zu entdecken und lieb gewonnene Orte noch einmal zu besuchen.

Eierschwämmli

Rund um Åboholm wachsen Pfifferlinge/Eierschwämmli. Bruno und Noëmi haben mich mehrmals darauf hingewiesen, immer mit der freundlichen Aufforderung, doch gern welche mitzubringen. Nun bin ich keine Pilzlerin, aber ich fing tatsächlich an, einen Papiersack mitzunehmen auf meine Spaziergänge. Am Wochenende hatte die Schweizer Wwooferin nämlich Eierschwämmli gepflückt, wir hatten sie in einem Gemeinschaftsevent geputzt und gerüstet und am nächsten Tag in einer feinen Sauce gegessen. Ich hätte gern dazu beigetragen, dies zu wiederholen. Und offenbar musste man die Pilze nicht einmal suchen, sondern einfach nur pflücken.

Ich startete also einen letzten Versuch. Ging mit dem Papiersack den Waldweg am See entlang, über die Autostrasse und in den Eierschwämmli-Wald. Spazierte, liess meine Gedanken schweifen und erinnerte mich immer mal wieder selbst daran, dass ich ja Pilze suchen wollte. Fand gerade keine und vergass es wieder. Fand dafür blaue Markierungen und folgte ihnen eine Weile. Pilze! Nein, hier hatte es auch keine. Also dachte ich wieder andere Dinge.

Nun, ich kam (einmal mehr) ohne Pilze zurück nach Åboholm.

Der letzte letzte Abend

Mein wirklich letzter Abend auf Åboholm brachte noch einmal etwas Neues: Immer am ersten Dienstag im Monat (ausser im August, also nächsten Monat) organisiert der Verband Neurodiversität einen Online-Vortrag. Heute sprach Corina Elfe zum Thema Warum fallen immer mehr neurodivergente Kinder durchs Raster? Noëmi und Bruno installierten in der Gemeinschaftsküche einen Laptop und eine Bluetooth-Box, und wer wollte, konnte am Vortrag teilnehmen. Fast alle wollten, und so wurde der Abend nach meinem letzten Abend noch einmal sehr gemeinschaftlich.

Und dann ging ich zum letzten Mal in der Abendstimmung zum Steg hinunter. Dort traf ich die eine deutsche Wwooferin und zeigte ihr den Biberdamm (an dem ich eigentlich am Nachmittag das letzte Mal gewesen war, aber so genau nehmen wir es hier ja nicht mit den letzten Malen). Als ich zum Steg zurückkam, sass eine andere Wwooferin da. Mein Lieblingsplatz ist verständlicherweise nicht nur meiner. Ich suchte mir einen Stein, auf dem ich noch nie gesessen bin, und genoss den abendlichen See von einer neuen Perspektive aus.

Dann ging ich zurück zu Astrid, zu unserem letzten Abend. Habe ich ein bisschen geweint? Nur ganz kurz. Vor allem aber habe ich es ganz fest genossen, immer noch hier zu sein.

(Update: Während ich das schreibe, bin ich nicht mehr bei Astrid, sondern sitze im Zug von Hallsberg nach Stockholm. Im Regiozug statt im Schnellzug, den ich eigentlich reserviert habe, aber das ist eine Geschichte für den nächsten Tagebucheintrag.)

Das Manuskript

Astrid und Åboholm haben mein Manuskript beeinflusst. Meine Protagonistin ist nicht dem logischen Lauf der Dinge gefolgt, sondern hat sich in ein abgelegenes Haus zurückgezogen. Hier ist ein Ausschnitt aus der aktuellen Rohfassung, der ganz viel Astrid-Vibes enthält:

Irgendwann bin ich offenbar doch eingeschlafen. Ich wache von Vogelgezwitscher und leise fallendem Regen auf. Oh, glorious landlife! Der Blick aufs Handy zeigt mir, dass acht Uhr morgens ist. Eine vernünftige Zeit, um aufzustehen. Und eine vernünftige Zeit, um alle Nachrichten weiterhin zu ignorieren. Meine Tante hat sich nicht gemeldet, alles andere ist nicht prioritär. Ich weiss, dass ich sie nicht mehr lange ignorieren kann: meine Eltern, Elin, Ashley, Marit. Aber auch die Leute von der Uni, die auf irgendein Zeichen von mir warten, nachdem sie die Videos und Memes gesehen haben.

Aber es ist so einfach hier im Häuschen, nicht aufs Handy zu schauen. Sondern aufzustehen, in Jogginghosen und einen Kaschmirpulli zu schlüpfen und im Vorratsschrank nach Kaffee zu suchen. Leider finde ich keinen, dafür eine Schachtel mit Schwarztee. Ich rieche misstrauisch daran und schüttle einen Teebeutel. Es fliegen keine Motten auf, wenn ich Glück habe, ist der Tee noch geniessbar.

In einer Küchenschublade finde ich Block und Bleistift.

Kaffee, schreibe ich als erstes auf meine Einkaufsliste. Dann suche ich durch die Schränke auf der Suche nach einer Zubereitungsmethode. Zu meiner Enttäuschung steht nämlich keine Kaffeemaschine hier, nicht mal eine einfache Kapselmaschine. Schliesslich finde ich eine French Press.  Damit werde ich erst einmal klarkommen.

Ich ergänze das Wort auf der Einkaufliste: Kaffeepulver.

Dann bereite ich mir aus den Haferflocken, der Hafermilch und den Äpfeln einen Porridge. Ich löffle ihn am grossen Esstisch in der Stube, mit Blick auf den Garten. Es regnet nicht mehr, aber der Nebel hängt tief in den Bäumen des nahen Waldes.

Ich suche in meinem Innern nach Spuren der Trauer von gestern Nacht, kann aber nichts finden. Stattdessen ist da ganz viel Zufriedenheit über die Ruhe, die ich mir mit meiner Entscheidung geschenkt habe.

Liebes Reisetagebuch, Häuschen in der Natur sind wunderbar.

Reisetagebuch Tag 21: Geniessen

Der letzte Abend

Wenn eine Wwooferin/ein Wwoofer Åboholm verlässt, darf er oder sie am Vorabend ein Programm wünschen.

«Was wünscht du dir für deinen letzten Abend?», schloss Noëmi mich in diese Tradition mit ein.

Ich wünschte mir einen Abend am Feuer. Ich habe unseren Åboholm-Midsommar-Abend in schönster Erinnerung und sowieso: Feuer geht immer!

Also machten wir ab, dass es am Dienstag einen Feuerabend mit Schlangenbrot, Kräuterbutter, Zimtbutter, Salat und vielleicht einem kleinen Gitarrenkonzert geben würde.

Jetzt wäre Åboholm nicht Åboholm, wenn alles nach Plan laufen würde (Bruno würde jetzt wohl fragen: «Was für ein Plan?»). Für Dienstagabend ist Regen angesagt, der Montag hingegen sollte schön sein. Dazu kam, dass Noëmi und Bruno am Dienstagabend an einer Onlineveranstaltung ihres Verband teilnehmen wollen.

«Mirjam, wir feiern deinen letzten Abend schon am Montag!»

«Wunderbar! Wenn ich trotzdem bis am Mittwoch bleiben darf …» Das wurde mir natürlich gewährt.

Kyrkstigen, der Kirchenpfad

Aber erst wollte ich den sonnigen Montag für eine weitere Wanderung nutzen. Noëmi hatte den E-Bike-Pneu zwar geflickt, aber er verlor weiterhin Luft. Kein Vitsand also für mich.

«Du könntest auf dem Kirchenpfad nach Sannerud wandern, das sind etwa zwei Stunden», schlugen meine Hosts vor und erklärten, wo ich den Einstieg finden würde. Einfach hinter Haus Tove auf einen der Pfade, die ich schon kannte, dem Waldweg entlang, bis er endet, und dann in den Wald hinein, den blauen Markierungen nach. Wunderbar, Markierungen entlanglaufen hatte ich ja auf dem Bergslegsleden geübt. «Wenn du angekommen bist, meldest du dich, dann holen wir dich mit dem Auto ab.»

Kirchenpfade gibt es offenbar von allen schwedischen Anwesen/kleinen Dörfern aus. Auf einer Infotafel in Tivedstorp habe ich gelesen, dass die Leute früher mindestens einmal monatlich die Kirche besuchen mussten. Die Kirchenpfade mussten also immer instand gehalten werden. Auch sollten sie so breit sein, dass man mit Pferd und Wagen durchkommen konnte (Spoiler: Das Minipferdchen, das dem Pfad von Åboholm bis Sannerud folgen kann, möchte ich ja mal sehen!).

Auf der Website von Tiveden steht zur Wanderung von Åboholm nach Sannerud: In a few short kilometres you get a real feeling of the wilderness and a real Tived feeling. Tiveden-Nationalpark-Feeling, ohne im Nationalpark zu sein – wenn das nicht voll mein Ding ist!

Noëmi hatte mich vorgewarnt, dass es etwas schwieriger ist als üblich, den Einstieg zum Pfad mit den blauen Markierungen zu finden, weil Sveaskog, die nationalen Waldarbeiter, gerade am Bäume fällen sind. Ich suchte dann tatsächlich eine Weile und war auch etwas unsicher, wie nahe ich der Riesenmaschine kommen sollte, die im Wald herum röhrte. Aber schliesslich war ich sicher auf dem Pfad unterwegs.

Es war ein anderes Wandern als auf dem Bergslegsleden. Erstens ist es schwieriger, blaue Markierungen zu sehen als rote, und zweitens waren sie weniger grosszügig verteilt. Und drittens war ich am Samstag einfach ziemlich direkt nach Süden gewandert. Der Kirchenpfad aber geht gefühlt in alle Himmelsrichtungen. Ich war mehrmals unsicher, kehrte einmal sogar um, fand aber immer wieder die richtigen Markierungen oder sogar Wegweiser, die Richtung Åboholm oder Tived (anderer Name für Sannerud, das hatte ich zum Glück mal irgendwo gelesen) zeigten.

A real feeling of wilderness. Oh, ja. Ich begegnete auf der ganzen Wanderung keinem einzigen Menschen (und keinem einzigen Elch!). Die Landschaft war unglaublich abwechslungsreich (ja, viel Wald, aber Wald kann so unterschiedlich sein), und als ich an einen See kam, machte ich glücklich eine Pause und ass mein Zvieri.

Am Ende bin ich doch noch falsch abgebogen, fast etwas absichtlich. Die Autostrasse, die zwischen dem Wald und Sannerud verlief, war hörbar auf meiner rechten Seite. Der Holzwegweiser, auf dem Kyrkstigen stand, zeigte aber nach links. «Vielleicht wollen die einem auf einem lauschigen Weg zu ihrer Kirche führen», dachte ich zehn Minuten lang, bis ich einsah, dass ich mich in die völlig falsche Richtung bewegte und der Weg keine Anstalten machte, irgendwann die Richtung zu wechseln. Also rechtsumkehrt, zum Wegweiser zurück, über die Autostrasse, und fünf Minuten später stand ich vor der Kirche und schrieb Noëmi, ich sei abholbereit.

Zum Glück habe ich diese Wanderung noch gemacht. Sie war ein bisschen wie eine Zusammenfassung von allen meinen bisherigen Spaziergänge und Wanderungen rund um Åboholm.

Lagerfeuer

Während ich wandern war, war die Wwoofer-Familie angekommen, auf die wir gewartet hatten. Sie sind mit dem Wohnmobil aus der Slowakei bis nach Åboholm gefahren, Eltern, zwei Teenies und ein Hund, und ihre Ankunft hatte sich aus verschiedenen Gründen verzögert. Nun waren sie da und natürlich auch an den Feuerabend eingeladen. Und auch die Gäste aus Tove, eine Familie mit einem Vorschulkind, hatten die Einladung angenommen.

Mein letzter Abend war also gleichzeitig ein erster Abend, ein Zusammentreffen von allen Menschen, die gerade auf Åboholm sind, und ein buntes Miteinander aus verschiedenen Sprachen und Gesprächen. Ein grosses Feuer, feines Essen, ein lauer, heller schwedischer Sommerabend. Die Schweizer Wwooferin beschloss, kein Gitarrenkonzert, sondern heisse Schokolade für alle zu machen, und dann gab es noch eine letzte Planänderung für diesen Abend: Weil die Knotts, die Kriebelmücken, diese kleinen Plagegeister, genau dann aus ihren Büschen kamen, als der Kakao fertig war, räumten wir den Platz um die Feuerstelle und tranken den Kakao in der Gemeinschaftsküche.

Dann wünschte man sich eine gute Nacht, und alle trugen ihre Gartenstühle zurück zu ihren Wohnungen und Häusern. Ich liess den Abend auf dem Steg am See ausklingen. Schaute auf die glatte Wasseroberfläche, die sich spiegelnden Tannen und den orange gefärbten Himmel. Hörte den Urschreien des Kranichs zu. Und speicherte das alles noch einmal ganz fest in meinem Herz und meinem Körper ab.

Mein letzter Abend. Auch so eine wundervolle Zusammenfassung des Lebens auf Åboholm.

Liebes Reisetagebuch, das Beste ist: Nach dem letzten Abend kommt noch ein Tag.

Reisetagebuch Tag 20: Åboholm

Dies ist das Reisetagebuch meiner Schreibauszeit in Schweden. Intuitiv, unstrukturiert und unvollständig wie alle meine Tagebücher.

Die letzten Tage

Noch drei ganze Tage auf Åboholm. Ja, heute habe ich gezählt.

«Fühlt es sich anders an?», wollte Bruno wissen.

«Ja, schon. Ich bin nicht mehr ganz so entspannt, sondern fange an, mir zu überlegen, was ich unbedingt noch machen will, solange ich hier bin.»

«Was willst du denn noch machen?», fragte eine der Wwooferinnen.

«Wenn das E-Bike geflickt werden kann, möchte ich doch noch zum Wandern in den Nationalpark. Und noch einmal zum Fagertärn. Ich könnte auch noch zur Bäckerei wandern.»

Beim Aufzählen merkte ich, dass das alles gar nicht so wichtig ist. Ich habe so viel erlebt, so viel gesehen. Zu Hause werde ich nicht über das nachdenken, was ich nicht erlebt habe, sondern über das, was ich während meiner Zeit hier gemacht, gesehen und gefühlt habe.

«Åboholm geniessen», beendete ich meine Aufzählung.

Im See schwimmen, auf dem Steg sitzen, an meinen und Astrids Tischen schreiben, häkeln, Nachrichten schreiben. Vielleicht noch einen verwunschenen Pfad entdecken und den bekannten noch ein-, zwei-, dreimal folgen. In der Gemeinschaftsküche essen, lachen, diskutieren. Die Augen nach dem Elch offen halten und dabei die Hasen, Kraniche, Bachstelzen, Schmetterlinge, Hasen und Fischadler nicht übersehen (und auch nicht das schnelle rötliche Tier, das beim Nachmittagsspaziergang von mir weggeflitzt ist und das ich erst für einen kleinen Fuchs gehalten habe. Wahrscheinlich war es aber Biella, die immer schwer beschäftigte und schnelle Grundstückskatze).

Warum eigentlich Åboholm

Ich bin durch Zufall (wenn es denn Zufälle gibt) auf das Ferienanwesen Åboholm gestossen. Eigentlich hatte ich einen Teil meines Urlaubs in den schottischen Highlands in einem Writer’s Retreat verbringen wollen. Doch als ich mich endlich zu einer Buchung durchgerungen hatte, war der Juni-Retreat ausgebucht. Meine Frage, wie gross die Wahrscheinlichkeit sei, dass ich doch einen Platz bekommen könnte, wurde freundlich und unverbindlich beantwortet. Daraufhin nahm ich mich von der Warteliste, denn ich brauchte Klarheit, was meine Auszeit anbelangte.

Die Idee des Schreibretreats ging mir aber nicht mehr aus dem Kopf. Ich googelte mich mehrmals durch alle möglichen Angebote. Zehn Tagen Toskana, eine Woche Tirol, vier Tage auf einem Segelschiff in der Nordsee. Am besten gefiel mir ein Künstlerhaus in Wales, aber ihre Juni/Juli-Themen passten nicht zu dem, was ich schreiben wollte.

Irgendwann landete ich bei einem einwöchigen Schreibretreat in Schweden, angeboten von einer Schweizer Autorin. Leider hatte das Retreat letzten Herbst stattgefunden. Aber wer weiss, vielleicht bietet sie ja auch eines im Sommer an. Ich nahm also Kontakt auf mit Noëmi Sacher. Sie antwortete zeitnah, dass es im Sommer keine Retreats gäbe, da sie dann auf ihrem Anwesen andere Gäste hätten. Das war der Punkt, an dem ich verstand, dass das Anwesen in Schweden ihr gehörte und sie sich dort nicht nur einmietete für ihre Retreats.

Parallel zum Besuch der Website von Åboholm schaute ich mir andere Möglichkeiten für ein ruhiges Häuschen an. Ein Tiny House in Inverness (Schottland), eine Wohnung am Holmenkollen in Oslo, wo ein Teil meiner Bücher spielt. Häuschen an schwedischen Seen. Sie hatten alle nur ein Problem: Ich wäre allein dort. Wirklich allein. Åboholm klang nach Alleinsein und Gemeinschaft.

Also schrieb ich Noëmi ein weiteres Mail und fragte, ob ich denn teilhaben könne an ihrer Gemeinschaft, wenn ich bei ihnen ein Häuschen mieten würde. Sie schrieb zurück, dass sie das eigentlich für in zwei bis drei Jahren planten. «Aber warum nicht gleich jetzt?» Und damit hatte ich mein Åboholm-Sonderpackage erhalten.

Noëmi Sacher und Bruno Blume

Noëmi und Bruno sind nicht nur die Hosts von Åboholm. Sie sind Autor*in, Verleger*in und zudem Mitbegründer*in des Verbands Neurodiversität in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Ihre zahlreichen Angebote und Tätigkeiten haben sie auf schönen, übersichtlichen Websites festgehalten, die ich hier gern verlinke. Schau doch bei ihnen vorbei und lass dich inspirieren.

www.aboholm.se

www.brunoblume.ch

www.schreib-einfach.ch

www.kwasi-verlag.ch

www.neurodivers-dach.org

Liebes Reisetagebuch, hier sind die wunderbaren Hosts von Åboholm.

Reisetagebuch Tag 19: Wanderpläne

Der Plan

Der Samstag würde auf Åboholm ein freier Tag sein. Alle wollten einen Ausflug machen (ausser die eine Wwooferin, die mehr Lust hatte, im Garten zu arbeiten, als frei zu nehmen). Noëmi hatte Brot gebacken, damit wir alle ein Picknick mitnehmen könnten. Die Pläne waren Kajak- und Kanutouren, eine Velofahrt und – in meinem Fall – eine Wanderung im Tiveden Nationalpark mit Startpunkt Vitsand. Noch ein Punkt auf meiner Das-will-ich-noch-machen-solange-ich-hier-bin-Liste.

Am Freitagabend ging ich also mit meinem Brot und dem geladenen E-Bike-Akku von der Gemeinschaftsküche zurück zu Astrid. Am Samstagmorgen machte ich das Picknick bereit, studierte die Wanderkarte des Nationalparks und packte meinen Rucksack.

Pünktlich zur geplanten Zeit ging ich zum Fahrradschuppen, setzte den Akku ins E-Bike und fuhr los. Dünkte es mich nur, oder ging es strenger als sonst die erste Anhöhe hinauf? Nach wenigen Metern war mir klar: Etwas stimmte nicht.

Ich stieg vom E-Bike und kontrollierte die Luft des Hinterreifens. Definitiv zu wenig! O nein, und ich hatte am Abend noch gesagt, es müsse nicht gepumpt werden. Dann halt zurück und die Pumpe suchen. Oder Noëmi und Bruno an ihrem freien Tag stören?

Der Platten

Als ich das E-Bike vor dem Gewächshaus abstellte und der Garten-Wwooferin den Reifen zeigte, war mir eigentlich schon klar, dass da auch Pumpen nicht mehr helfen würde. Es hatte noch weniger Luft drin als zuvor.

Ich versuchte es trotzdem: Schrieb Noëmi ein Whatsapp und fragte, wo die Pumpe sei. Fand sie schneller, als sie – die bereits mit dem Kanu unterwegs war – antworten konnte (sie antwortete trotzdem, immer die super Gastgeberin, auch an ihrem freien Tag). Versuchte zu pumpen und stellte zusammen mit den deutschen Wwooferinnen, die sich gerade für ihre Kajaktour bereitmachten, fest, dass es nichts nützte. Liess mir von ihnen bestätigen, dass der Velofahr-Wwoofer, der mir bestimmt mit viel Know-how hätte zur Seite stehen können, bereits unterwegs war. Rief meinen  Sohn an, um mich coachen zu lassen, ob und wie ich den Kompressor  nutzen könnte. Doch während ich ihm den Reifen zeigte, gestand ich mir ein, dass es keinen Sinn machte, da Luft reinzupressen.

Es würde keine E-Bike-Tour nach Vitsand geben.

Tivedstorp

Eine Weile lang konnte und wollte ich es nicht glauben. Der Plan war so schön gewesen, ich hatte mich so auf das Wandern im Nationalpark gefreut, der Rucksack war mit so tollem Picknick gepackt – und jetzt sollte ich hier bleiben?

Dann fiel mir ein, dass ich Åboholm wunderschön finde und es eine Menge lauschiger Picknickplätze bietet. Und mir fiel ein, dass es hier noch andere Fahrräder gibt, z.B. das kleine blaue Mountainbike. Könnte ich vielleicht damit fahren?

Man muss wissen: Ich liebe E-Bike-Fahren. Und ich mag Velofahren überhaupt nicht.

Trotzdem holte ich das blaue Fahrrad aus dem Schuppen und fuhr einmal die Anhöhe hinauf. War zwar nicht sonderlich bequem (unangenehmer Sattel, komische Körperhaltung, ein unbequemer Lenker), aber es ging. Also warum nicht? Warum nicht ein Ausflug auf einem Velo ohne Akku? Muss ja nicht immer alles perfekt sein.

Ich könnte zur Bäckerei im Wald fahren und einmal mehr schauen, ob sie geöffnet hat. Oder der Autostrasse entlang nach Sannerud? Oder doch gleich die gut zehn Kilometer nach Vitsand? Und zurück?

Ich fuhr ohne festen Plan los. Es ging prima, hinauf und hinunter, und ich bog von der Autostrasse Richtung Tiveden Nationalpark ab. 5 km bis zum Feriendorf Tivedstorp, wo es ein Café hat. 10 km bis Vitsand. Mal schauen.

Dann fingen meine Handgelenke an zu schmerzen. Ich versuchte, sie zu entlasten, aber das war schwierig. Der Sattel war wirklich unbequem. Was mich hingegen erstaunte: Besonders anstrengend fand ich es nicht. Habe ich am Ende vor lauter E-Bike-Fahren noch verlernt, das Velofahren blöd zu finden?

Ich erreichte Tivedstorp ohne grosse Anstrengung, aber mit schmerzenden Händen. Sollte ich es wagen? Weiterfahren bis Vitsand, wie geplant wandern, und irgendwie käme ich sicher wieder nach Hause mit meinem unbequemen, blauen Fahrrad.

Berglagsleden

Es war ein Vernunftsentscheid, ein wenig wehmütig, aber überzeugt getroffen: Ich fahre nicht weiter. Ich stelle das Velo hier ab und hoffe, dass jemand an unvorbereitete Touristinnen gedacht und eine Infotafel aufgestellt hat.

Es gab sogar mehrere Informationstafeln am Eingang von Tivedstorp. Für Velotouren, für Wanderungen, nur leider war für mich auf keiner von ihnen wirklich ersichtlich, wie hübsch die Wege sein würden.

Die nächste Entscheidung fiel rein aus dem Bauch heraus: Ich würde erst einmal dem Bergslagsleden folgen. Der ging bis zum Nationalpark und darüber hinaus. Und es stellte sich heraus, dass er sehr gut markiert war.

Er führte mich erst über Wiesen, dann auf einen breiten Waldweg und schliesslich mitten in den Wald hinein, auf einem gut sichtbaren, immer wieder mit orangen Zeichen markierten Weg. Als als ich dann an einen See kam, einen perfekten Zmittagstein fand und mein feines Picknick ass, war ich rundum versöhnt mit der Änderung meines Wanderplans.

Es wurde noch viel lauschiger. Der Weg führte an Graugnomensteinen vorbei, durch Heidelbeeren, Birkenwälder, Nadelgehölz. Und alle zwanzig Meter ein oranges Zeichen an einem Baum. Keine Chance, sich zu verlaufen. Ich checkte jeden Baumstrunk und jeden grossen Stein, ob er nicht vielleicht doch Ohren oder gar ein Geweih hätte und ein Elch wäre, aber sie blieben leblos.

Nach etwa einer Stunde kam ich an einen weiteren See. Da stand ein Wohnmobil. Ah, Allemansrätten, dachte ich, das schwedische Jedermannsrecht. Dann sah ich ein Zelt, zwei weitere WoMo’s und schaute kurz auf Maps nach: Ich war bei einem Campinplatz gelandet. Maps konnte mir aber nicht sicher sagen, ob es einen anderen schönen Weg zurück nach Tivedstorp gab, und Infotafel fand ich auch keine. Also entschied ich mich dafür, einfach den gleichen schönen Weg zurückzuwandern.

Im Nachhinein fand ich heraus, dass ich mich bei dem Campingplatz genau an der Grenze zum Nationalpark befunden habe. Wenn ich mir dessen bewusst gewesen wäre, wäre ich sicher noch etwas weiter dem Bergslagsleden gefolgt. Aber so wanderte ich einfach die gute Stunde zurück durch diesen unglaublich schönen Wald.  Dachte zwischendurch an den Nationalpark und daran, ob es ein noch schöneres Wandererlebnis wäre, wenn ich von Vitsand aus hätte losgehen können. Aber das bringt ja nichts, oder? Es war wunderschön, und das reichte mir.

Von Tivedstorp nach Åboholm

Als krönenden Abschluss der Wanderung setzte ich mich vor die Kaffestuga in Tivedstorp, ass einen wunderbaren Heidelbeer-Crumblekuchen («Would you like some vanilla custard with your cake?» – «Uh, I would love that!») und trank ein alkoholfreies Mariestad-Bier.

Und dann schwang ich mich auf mein blaues Fahrrad und radelte in den Sonnenuntergang.

Nein, so war es nicht.

Dann setzte ich mich auf das Fahrrad und fand es noch viel unbequemer als bei der Hinfahrt. Wusste nach einer Weile gar nicht mehr, wie ich auf diesem Sattel sitzen und wie ich die Handgelenke entlasten sollte. Nahm für den letzten Teil der Strecke bewusst den Waldweg statt die Autostrasse und schob das Fahrrad. Was war ich froh, dass ich im vorwanderlichen Leichtsinn nicht bis nach Vitsand gefahren war und nun nicht noch fünf Kilometer länger zurückfahren musste!

Beim Abendessen erzählten wir alle von unseren Ausflügen. «Der Berglagsleden ist ein Fernwanderweg», erklärte Bruno. «Der beginnt oben in Kiruna und führt fast durch ganz Schweden.» Ich habe dann noch weiter recherchiert: Der Berglagsleden ist Teil eines Fernwandernetzwerks, das von Sizilien bis nach Nordschweden führt. Also falls du mal richtig weit wandern möchtest – go for Berglagsleden und Co!

Am Abend fragte mein Sohn nach, was denn nun aus dem platten Veloreifen geworden wäre. Ich erzählte ihm von meinem Tag, und er meinte: «Do hesch emu s Beschte druus gmacht.» Finde ich auch!

Liebes Reisetagebuch, hier ist die Wanderin, die es immerhin bis an die Grenze des Nationalparks geschafft hat.